Landtagswahl in Bayern Martin Hagen ist der Bayern-Lindner

Für die FDP geht Martin Hagen, der als Kommunikationsberater arbeitet, in den Wahlkampfendspurt.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Der FDP-Spitzenkandidat ist ein smarter Typ mit Dackelblick. Er zielt vor allem auf jüngere Wähler. Dabei muss er erst einmal Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Von Johann Osel, Gilching

Martin Hagen lobt erst mal die SPD und die Grünen. Indirekt, nämlich die Agenda 2010 unter Kanzler Gerhard Schröder. Die FDP im Landkreis Starnberg hat den Spitzenkandidaten der Liberalen zum Diskussionsabend in Gilching eingeladen, Thema: die Berufswelt von morgen. Hagen beginnt seinen Vortrag eben mit den "mutigen Reformen" seinerzeit. Dass Deutschland nicht mehr "der kranke Mann Europas" sei, "war das Ergebnis politischer Weichenstellungen, da fällt nichts vom Himmel". Daher dürfe man jetzt "nicht warten, bis es uns wieder schlecht geht": eine Digitalisierungsoffensive für Handwerk und Mittelstand will die FDP etwa, Antrieb für Start-ups und Bremsen für die Bürokratie, "weltbeste Bildung". Und Chancengerechtigkeit, aber nicht im Sinne der "Gleichmacherei der linken Parteien: Die senken so lange die Standards, bis alle Abitur haben". Wenn alle auf die Uni gehen, meint Martin Hagen: "Wer baut dann die Uni?"

In dem schicken Bistro am Gilchinger Bahnhof steht er neben einem bunten Plakat mit seinem Konterfei, zwei, drei Mal so groß. Ein Mini-Zukunftskongress bei Currywürsten und Weißbier, während draußen die S-Bahnen vorbeirauschen. Das Publikum, eher arriviert, nickt oft. Gut 15 Gäste sind es, ein paar mehr hätten schon Platz gehabt. Wahlkampf ist halt oft ein Kampf um jede Stimme. Wobei in der wohlhabenden Region die örtliche Kandidatin Britta Hundesrügge zweistellige Werte anpeilt. Bayernweit steht die FDP in Umfragen nur bei fünf Prozent; das wird knapp mit dem Wiedereinzug in den Landtag. Man wolle nicht nur "die Partei derjenigen sein, die es geschafft haben, sondern auch derjenigen, die es schaffen wollen", sagt Hagen. Und "Partei der modernen bürgerlichen Mitte".

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Seine Person und die Kampagne zielen eindeutig auf jüngere Wähler ab. "Frisches Bayern" ist das Motto. Das wirkt kurios etwa bei Helmut Markwort, Jahrgang 1936, der bekannte Journalist kandidiert für die Liberalen. Auch Veteranen wie Ex-Landeschef Albert Duin oder die früheren Minister Martin Zeil und Wolfgang Heubisch treten an. Viele Kandidaten aber sind Novizen. Wenn Hagen den Slogan verwendet, wirkt das mit der Frische glaubhaft. Der 37-jährige Vater zweier kleiner Töchter ist als Teenager bei den Jungen Liberalen eingetreten, studierte Politologie, war Geschäftsführer der Landes-FDP, arbeitet als Kommunikationsberater. Ein smarter Typ mit Dackelblick, der druckreif spricht.

Vielleicht haben sie deshalb nach seiner Urwahl zum Spitzenkandidaten ein Video gedreht, so stark personalisiert wie bei Christian Lindner im vergangenen Bundestagswahlkampf. Quasi als "Bayern-Lindner": Schwarz-Weiß-Szenen, schnelle Schnitte, im Vergleich zu Lindner aber ohne das berüchtigte Unterhemd. "Bayern braucht ein Update", so das Fazit des Clips. Individuelle Freiheit ist ein weiterer Schwerpunkt Hagens, Freistaat bedeutet für ihn vor allem "Freiheitsstaat". Zum Start des Oktoberfests schrieb er jüngst auf Facebook: "Wer locker 2 Maß verträgt, sollte für ein paar Krümel Gras nicht in den Knast wandern."

Ein Plakat verheißt: "Politik mit Neuwagengeruch". Ob das nicht ein bisschen dämlich ist? Es stehe für den "frischen Wind", sagt Hagen. Und es sei etwas, wo man stolpere. Aufmerksamkeit braucht die FDP tatsächlich, zwischen den politischen Polen der aktuellen Debatten: Grüne und AfD. Der Rückenwind der Bundespolitik ist mäßig. Die FDP in Berlin stagniert mehr oder weniger, arbeitet eher unauffällig. Lindner ist im Wahlkampf aber viel unterwegs.

Der Bayern-Lindner redet sich in Gilching in Fahrt. Dem Ministerpräsidenten Markus Söder wirft er vor, durch Familiengeld und anderes "Wähler kaufen" zu wollen. Dann stellen die Gäste Fragen. Geneigtes Publikum, zuweilen kritisch. Die Option einer Lehre parallel zum Gymnasium erweckt Skepsis. Eine ältere Dame wirft ein, sie wolle auch noch in fünf Jahren beim Bäcker Boneberger im Ort ihre Semmeln kaufen. "Wo kommen die Lehrlinge her?" Willi Boneberger, FDP-Mann, berichtet aus der Praxis - auch davon, dass er arbeitswillige Flüchtlinge kaum in Arbeit bringen könne, wegen der Regelungen in Bayern.

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Generell fordert die FDP "Vernunft" in der Asylpolitik: Wer sich nichts zu Schulden kommen lasse und sich selbst ernähre, solle unabhängig vom Asylverfahren bleiben können. Den häufig diskutierten "Spurwechsel" (vom Flüchtling zur Fachkraft) hat die FDP aufgebracht. Ein Plakat beschreibt die Linie so: "Es gebe einen Weg zwischen "alle abschieben" und "alle bleiben". Hagen ergänzt: Er wolle "nicht Abschottung wie die CSU" und "nicht ein Stück naive, weltfremde Haltung wie bei den Grünen".

In der FDP gibt es auch restriktivere Ansichten. Der Spitzenkandidat gibt derzeit klar den Kurs vor. Und wenn es klappt mit Landtag oder gar Regieren, was will er anders machen als die letzte Fraktion? Von 2008 bis 2013 hatte die FDP mit der CSU koaliert, war danach mit etwa drei Prozent hinausgeflogen. Es sei nicht gelungen, sich vom Negativtrend im Bund abzusetzen, sagt Hagen. Aber auch nicht, ein eigenes Profil zu entwickeln oder davon zu profitieren, dass man ganz gut regiert habe, zumal in der Finanzkrise. Das werde er anders angehen, mit der "neuen, jungen Truppe".