Landtagswahl in Bayern Ihn stört die Schnelllebigkeit der Politik

Vorerst wird er seinen Hof so weiterführen wie bisher. Dazu gehört auch die Aufzucht der jungen Tiere. In einem separaten Stall tollen sie in ihren Gehegen über den mit Stroh ausgelegten Boden. Eines hat eine Lücke zwischen dem weißen Plastik-Iglu, das den Kälbchen einen Schutzraum bietet, und dem Gitterzaun entdeckt. Rasch drängt Tausend den Ausreißer zu den anderen Kälbchen zurück.

Am Anfang werden sie hier aus Eimern mit der Milch ihrer Mütter gefüttert. Damit keine zu starke Bindung entsteht, werden die Kälbchen möglichst früh von den Muttertieren getrennt. Dem Landwirt ist bewusst, dass viele Leute diese Praxis grausam finden. Doch die Kühe hätten es bereits nach kurzer Zeit überwunden, glaubt er: "Das ist kein Ponyhof hier, das ist Landwirtschaft." Die weiblichen Tiere behält er, die männlichen werden auf Großviehauktionen an Bullenmäster versteigert. Doch bis es soweit ist oder ein erster Zuchterfolg überhaupt sichtbar wird, dauert es zwei Jahre.

Landwirtschaft Die Perversion der modernen Agrarwirtschaft
Ein Hofbericht

Die Perversion der modernen Agrarwirtschaft

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Was Tausend an der Politik kritisiert, ist ihre Schnelllebigkeit. Sie picke sich Momentaufnahmen heraus und treffe darüber politische Entscheidungen. "Die Landwirtschaft ist etwas Träges, aber auch Beständiges. Etwas, was Zeit braucht." Sie sei nicht so schnell wie die Industrie und sollte deshalb auch nicht so behandelt werden, findet er. Wenn dann noch, wie diesen Sommer, eine Dürre auftritt, macht das für Tausend die Planung umso schwieriger. Sein Betrieb ist zwar nicht so schlimm betroffen wie andere, die Hilfsgelder der Regierung annehmen mussten, doch das Thema macht ihn trotzdem wütend. "Im Freundeskreis heißt es immer, dass wir als Landwirte sowieso schon viel Geld von der Regierung bekommen. Obwohl zum Beispiel Subventionen ein extrem zweischneidiges Schwert sind!"

Etwa beim Thema "Greening". Seit drei Jahren muss jeder Landwirt, der mehr als 15 Hektar Ackerland bewirtschaftet, fünf Prozent als ökologische Vorrangfläche bereitstellen. Auf diesen Flächen sollen Maßnahmen umgesetzt werden, die das Ökosystem in der Region erhalten oder gar verbessern, indem zum Beispiel ein Blühstreifen für Insekten angelegt wird. Für die Umweltförderung bekommt der Landwirt Geld, derzeit sind es etwa 86 Euro pro Hektar. Auf der anderen Seite müsse er anschließend die Flächen mit Glyphosat behandeln, damit die Felder für den Futterpflanzen-Anbau frei von Unkraut sind, sagt Tausend. Für den 41-Jährigen passt das aber nicht zusammen. "Es wird uns da etwas aufgedrückt, was nicht richtig ist." Das Unkrautvernichtungsmittel ist stark umstritten, die Grünen wollen deshalb den Einsatz verbieten und langfristig eine Landwirtschaft ohne Pestizide aufbauen.

CSU will keine anonymen Agrarfabriken

Auch die Ausgleichsflächen sieht der Landwirt kritisch. Sie müssen geschaffen werden, wenn eine Fläche mit hohem Naturschutzwert bebaut wird, gehen damit aus Tausends Sicht aber für die Landwirtschaft verloren. Gerade in Bayern sei die Flächenknappheit extrem, weil es großen Konkurrenzdruck gibt, was die Pachtpreise in die Höhe treibt, sagt er.

Tausend ist kein "Ur-Bauer", wie er es nennt, er entwickelte früher als Sondermaschinenbauer Produktionsstraßen. "Die Landwirtschaft" habe er in Abendkursen gelernt und ist danach auf dem Hof seiner Eltern mit eingestiegen. Trotz aller Schwierigkeiten bereut er seine Entscheidung nicht. Er arbeite zwar viel, sei gleichzeitig aber daheim und könne so auch für seine Kinder da sein. Ob diese den Hof später übernehmen werden, steht noch nicht fest - dazu zwingen will er sie auf keinen Fall. Wenn sie sich dafür entscheiden und sich die Lage so weiterentwickelt wie bisher, müssten seine Kinder jedoch langfristig einen zweiten Betriebszweig aufbauen - oder die Herde verdoppeln.

Mit seinen 80 Kühen besitzt Tausend deutlich mehr Tiere als ein bayerischer Durchschnittsbetrieb - dort liegt die Zahl bei 39. Im Vergleich zu Höfen im Norden oder Osten Deutschlands, die bis zu 1000 Kühe halten, sind sie jedoch winzig. Die CSU beteuert in ihrem Programm für die Landtagswahl, dass sie keine solchen anonymen Agrarfabriken in Bayern will. Doch für die kleinen Betriebe wird es immer schwieriger zu überleben.

Auch Tausend hat Angst, dass es zukünftig nicht reichen wird. Die Politik rede zwar viel davon, den Bauern zu helfen, aber am Ende komme doch nichts dabei heraus. Stattdessen wünscht er sich, dass am Markt etwas verändert wird, dann müssten den Landwirten auch nicht so viele Subventionen gezahlt werden. "Milch wird an der Börse gehandelt. Das ist Irrsinn", findet er. "Das sollte sich mal eine Partei auf die Fahne schreiben".

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