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Landtagswahl in Bayern:Zwischen Ehrlichkeit und Eitelkeit

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Die Bürgermeisterin von Kollnburg in Niederbayern - frühere Bamf-Leiterin Bremen - war früher auch bei der CSU.

(Foto: Sebastian Pieknik)

Josefa Schmid hat den angeblichen Bamf-Skandal aufgedeckt, nun kandidiert die FDP-Politikerin für den bayerischen Landtag. "Ich will damit nicht hausieren gehen", sagt sie - tut es dann aber trotzdem.

Ein Freitagnachmittag im September. Josefa Schmid, 44, steht in einer Wohnsiedlung, oben am Hang. Sie ist nach Bogen gekommen, um Haustürwahlkampf zu machen. Die Siedlung hier ist das, was man eine bessere Gegend nennt. Je höher am Hang, desto mehr Geld, man sieht das sofort. Stattliche Häuser, Doppelgaragen, Wintergärten. Wenn die FDP hier keine Wähler hat, wo bitte dann. Sie drückt die erste Klingel, es öffnet ein Mann mit Brille und Schnauzer. "Kommt rein", sagt Werner Länger, 60, "ich bin ein überzeugter Liberaler". Bingo!

Eine Minute später sitzt Schmid in der Stube, am Tisch unterm Herrgottswinkel. Sie greift in ihre Handtasche, packt direkt mal ihre Wahlkampfbroschüre aus. Vorne drauf: Schmid im knappen Dirndl, rapunzelhaft langes Haar. "Eine Karikatur", sagt Schmid über die Zeichnung, die definitiv zu schmeichelhaft ist, um eine Karikatur zu sein. Auf der Rückseite der Broschüre: Schlagzeilen. Nicht aus der Lokalzeitung, aus FAZ, Spiegel, Bild. Ein Beispiel: "Bamf-Skandal. Warum Josefa Schmid für Seehofer gefährlich wird." Sie sagt: "Ich will damit nicht hausieren gehen." Sie schaut so ernst, dass man ihr fast glauben könnte. Wäre da nicht der Umstand, dass sie genau das gerade tut: mit den Schlagzeilen von Haus zu Haus gehen. Da muss auch Werner Länger grinsen: "Das haben Sie geschickt gemacht."

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Bei mehr als 18 000 geprüften Fällen sieht der Abschlussbericht einem Medienbericht zufolge nur 165 grobe Verstöße. Damit ist der "Skandal" wohl deutlich kleiner als befürchtet.

Die Affäre um angeblich Tausende manipulierte Asylbescheide in der Bremer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat Josefa Schmid in der Republik bekannt gemacht. Sie war Leiterin der Außenstelle, verfasste den Bericht über die mutmaßlichen Missstände, der im Frühjahr an die Öffentlichkeit gelangte. "Mutig habe ich die Verantwortlichen drauf hingewiesen, was schiefläuft", schreibt Schmid in ihrer Wahlkampfbroschüre. Sie sieht sich als Aufklärerin, als Kämpferin für die Wahrheit. Sie will dieses Image nutzen, um dahin zu kommen, wo sie ihrer Meinung nach hingehört: in den Landtag, auf die große Politikbühne. Aber so einfach ist das nicht.

Denn inzwischen klingen die Schlagzeilen anders: "Der Bamf-Skandal, der keiner war" oder "Bamf-Skandal weit kleiner als angenommen". Statt Tausender Manipulationen listet der Prüfbericht des Bundestages nur noch 165 grobe Verstöße bei Asylverfahren auf. Und jetzt? Zweifeln die Leute, ob es Josefa Schmid tatsächlich um die Wahrheit ging. Oder doch nur um ihr eigenes Profil.

Auftritte als Schlagersängerin und Musikvideos in Bikini

Sie sagt: "Für mich war das keine Bagatelle." Sie will sich rechtfertigen, sich verteidigen, mehr über die Affäre erzählen. Aber sie darf nicht. Sie ist als Beamtin zur Verschwiegenheit verpflichtet. Also lässt sie ihre Wahlkampfbroschüre sprechen. Schmid hofft, dass die Schlagzeilen von damals stärker sind als das, was die Zeitungen heute so schreiben. Und sie beteuert, dass sie die Aufmerksamkeit "nicht provoziert" habe.

Es sind diese Widersprüche, die Josefa Schmid umgeben. Zwischen Ehrlichkeit und Eitelkeit, Tugend und Ehrgeiz, Pflicht und Versuchung. Womöglich stimmt es ja, dass sie in der Bamf-Affäre den Rummel um ihre Person nicht provoziert hat. Nur steht sie halt schon länger im Verdacht, die Bühne eher zu suchen als zu scheuen. So wie damals, als sich Schmid, Bürgermeisterin in Kollnburg (Kreis Regen), als Schlagersängerin probierte und in ihren Musikvideos im Bikini auftrat. Auch damals hat sie bundesweit Schlagzeilen gemacht. Und auch damals bestritt sie, dass die Singerei ein Trick war, um sich als Politikerin bekannt zu machen.

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Es gibt durchaus Argumente, ihr das zu glauben. Denn nur genutzt haben ihr die Schlagervideos nicht, jedenfalls nicht als Politikerin. Damals, 2015, gab es viel Spott im Netz und in den Medien, die bei Josefa Schmid brutal hingelangt haben - und auch brutal daneben. Die Huffington Post nannte sie "Bayerwald-Beyoncé", die versucht habe, "ihr gesangliches Flachland durch optische Kurven aufzuwerten". Und weiter: "trällernde Amazone", "frivole FDP-Frau", "Singschleuder", lauter Bosheiten. Doch wer erlebt hat, wie souverän Schmid mit den Bosheiten umgegangen ist, hat längst aufgehört, sich über diese Frau lustig zu machen.

"Mein Kreuzchen haben Sie", sagt Werner Länger, als er Schmid zurück zur Haustür begleitet. Warum er überzeugt ist, dass die FDP-Kandidatin eine gute Abgeordnete wäre? "Weil sie geschickt ist", sagt Länger, und "weil sie wahrgenommen wird". Es gibt ja diesen alten Spruch: Schlechte Schlagzeilen sind besser als keine Schlagzeilen. Wenn da was dran ist, stehen die Chancen gut für Josefa Schmid. Sie selbst sieht das natürlich anders. Nach den Schlager-Schlagzeilen sagte sie: "Die Leute wählen mich auch so, da brauche ich die Musik nicht als Beschleuniger."