AfD nach der Landtagswahl "Natürliche Nachfolgepartei der CSU"

Die niederbayerische AfD-Spitzenkandidatin Katrin Ebner-Steiner (li.) und Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel winken in Mamming. Rechts freut sich Stephan Protschka, niederbayerischer Bezirksvorsitzender.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Aus dem Stand schafft die AfD elf Prozent bei der Landtagswahl, doch der Jubel fällt verhalten aus. Es ist weniger, als man sich erhoffte.

Von Johann Osel, Mamming

Die Gesichter, die eben noch so erwartungsfroh waren, blicken nun um 18 Uhr grummelig, der Lärmpegel steigt. Nicht durch Jubelschreie - man diskutiert. Elf Prozent! Dass die AfD ihre Bayern-Wahlparty in Mamming abhält, in einem Gasthof bei Dingolfing, sollte auch ein Signal sein. Die Rechtspopulisten erreichten bei der Bundestagswahl in Bayern 12,4 Prozent, in Niederbayern waren es fast 17 und im Kreis Deggendorf gut 20 Prozent. Dort tritt Katrin Ebner-Steiner an, niederbayerische Spitzenkandidatin und Vize-Parteichefin in Bayern.

Im holzgetäfelten Saal mit weißen Lüstern, wo sonst Hochzeiten stattfinden, geht sie ans Mikro: "Die AfD ist endlich im bayerischen Landtag vertreten. Das Ergebnis ist auch ein Signal an Merkel: Merkel muss endlich weg." Kurz davor waren die ersten Balken auf der Leinwand in die Höhe gegangen: Viel Geschrei bei den Verlusten von CSU und SPD. Dann die AfD: eben elf Prozent. Nur elf! Verhaltener Applaus und Jubel, ein Raunen. Das Ergebnis wird danach in etwa stagnieren.

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Auch die Umfragen zuletzt waren bescheiden: mitunter zehn Prozent - so viel, wie die Partei in Bayern vor zwei Jahren hatte, vor der erfolgreichen Bundestagswahl, vor der neuen großen Koalition in Berlin und all dem Frust darüber. Zumal die AfD selbst die Latte hochgelegt hatte, beim Landesparteitag war von "20 Prozent plus x" die Rede. Die könnte sie allenfalls in Niederbayern erreicht haben. Hier werde man "die 20 Prozent rocken", sagt Ebner-Steiner. Ansonsten aber ist die AfD weit unter ihren Ansprüchen geblieben.

"Lug und Betrug" hört man gleichwohl auch im Saal. Erleichterung herrscht dennoch vor, sie hängt wohl mit dem Wahlmarathon zusammen. Auch wenn die Partei im Freistaat mit 5000 Mitgliedern inzwischen ein großer Landesverband ist - es gibt keinen fundierten Parteiapparat hier, mangels Fraktion, und daher eher überschaubare Finanzen. Die Mitglieder waren gefragt und am Ende geschlaucht; sogar simple Schwarz-weiß-Thesenblätter konnte man sich herunterladen, kopieren und den Nachbarn in die Briefkästen werfen.

Dazu kam Facebook - für Nachrichten, die der AfD gut passen. Tägliches Vermelden von Straftaten durch Flüchtlinge, Kapitaldelikte, aber auch jeder Ladendiebstahl vom Allgäu bis an die Ostsee. Wer nur derlei Nachrichten liest, musste das Gefühl haben, man könne kaum vor die Haustür gehen, ob in Traunstein oder Straubing. Die AfD verstand es, Ängste aufzugreifen und anzufachen.

Das merkt man bei der Wahlparty. Dass Millionen Flüchtlinge darauf warteten, ins Land zu strömen, "halb Afrika", sagt eine Frau und erhält Zuspruch an ihrem Tisch; und dass, kurzum, auf die CSU kein Verlass mehr sei. Ältere Damen, in Dirndl und Sorgenfalten gehüllt, klagen da ihr Leid. Hätten sie heute nicht ohnehin AfD gewählt, ein Wahlkämpfer würde hier nur so frohlocken.

Der Wahlkampf der AfD hatte den einen Zielpunkt: die CSU. "Die AfD hält, was die CSU verspricht", so lautete das Motto. Um aber die konservativen Wähler weiter nach rechts zu ziehen, musste man deren Habitus imitieren: Weiß-blaue Banner, Plakate mit Bergen und Feldern wie im Heimatfilm. Bei Veranstaltungen gab es oft die Bayernhymne am Ende, am Anfang den Defiliermarsch, auch hier in Mamming. Und kein Tisch kommt ohne einen Strauß weiß-blaue Fähnchen aus, an einem haben sie Flachmänner mit Schnaps drapiert. Den späten Nachmittag und den weiteren Abend gestaltet DJ Stefan mit volkstümlichem Pop, "wir laahahasssen heut' die Sau heraus".

Passend zu dem Ganzen ist die "Populistin im Dirndl", wie sie eine Zeitung aus Berlin mal erstaunt nannte; das hat Katrin Ebner-Steiner aus Deggendorf gefallen. Die vierfache Mutter war zentrales Gesicht im Wahlkampf. Sie sorge sich um ihre Kinder, angesichts "Massenzuwanderung und Islamisierung" war ihre Devise - was zum Hauptanliegen der AfD führt: Man sei die neue CSU, die bessere CSU, eine CSU, die handele in der Asylpolitik; und nicht wie die echte CSU, die "in München als brüllender Löwe auftritt, in Berlin dann aber als Bettvorleger von Merkel landet".

Die Partei bewegte sich im Wahlkampf verbal gern an Grenzen

So war die Kanzlerin - "die Hexe" und "Volksverräterin" (übliche Begriffe in der AfD) - präsent, obwohl sie nicht antrat. "Wer CSU wählt, bekommt Merkel!" - diese Taktik scheint nur zum Teil verfangen zu haben. Die Causa "Chemnitz" könnte eine Rolle gespielt haben. Hitlergrüße dort und Randale gegen Ausländer hatte die AfD stets heruntergespielt. Parteichef Jörg Meuthen lobte bei einer Rede in Bayern: Die Sachsen seien "der lebendige Beweis", dass es noch "Mut und Stolz gibt, das Eigene zu verteidigen". Ähnliches kam von hiesigen Funktionären. Die AfD bewegte sich im Vokabular gern an Grenzen.

Das hat wohl enttäuschte CSU-Anhänger veranlasst, es sich noch zu überlegen mit dieser AfD. Vielleicht wurde sie manchen unheimlich. Die Freien Wähler seien schuld, heißt es in Mamming, auch von Bezirkschef Stephan Protschka. "Soooo unzufrieden" solle man aber nicht sein. In der Raucherecke jammert einer: "Bis zum Endergebnis bin ich besoffen." Seit Chemnitz hatte die CSU die Strategie geändert, die AfD verfolge eine "geheime Agenda", sagte Ministerpräsident Markus Söder. Tatsächlich machten einige Kandidaten keinen Hehl daraus, dass man im Fall eines Wahlsiegs Justiz, Verwaltung und Presse schleifen wolle wie im Ungarn des Viktor Orbán.

Auch Ebner-Steiner, womöglich künftige Fraktionschefin, polarisierte im Wahlkampf: Die Regierenden planten "ein Multikulti-Experiment", bei dem sich die Deutschen auflösen sollen "wie ein Stück Zucker im Kaffee". Abends spricht sie gediegen: Man sei die "natürliche Nachfolgepartei der CSU" und werde "die blutleeren Figuren der Altparteien" vor sich hertreiben. Auch Alice Weidel ist da, Fraktionschefin im Bundestag. Sie deutet das Ergebnis positiv: Union und SPD seien nun in Berlin eine "Mini-Koalition". Neuwahlen müssten her: "Merkel muss weg."

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