Süddeutsche Zeitung

Landtag:Die Grünen-Politikerin, der nie die Energie ausgeht

  • Katharina Schulze ist die Jüngste in der Fraktion der Grünen - sie soll Margarete Bause als Vorsitzende beerben.
  • Als Gegnerin der Olympiabewerbung und der dritten Startbahn hat sich die 31-Jährige profiliert.
  • Die Energie der jungen Frau ist manchem Mitstreiter - und Gegner - fast schon unheimlich.

Von Lisa Schnell, Nürnberg

Vielleicht ist es dieser Schokoriegel, den sich Katharina Schulze gerade in den Mund schiebt. Irgendwoher muss sie doch kommen, ihre Energie. Es ist zehn Uhr abends. Schulze hat schon acht Stunden Landtag hinter sich, sie führte ein Interview im überfüllten Zug, am Boden zwischen Füßen und Koffern, sie diskutierte auf einem Podium in Nürnberg und sitzt endlich im Zug nach Hause.

Müde? Nein. Die Grünen-Abgeordnete spricht so schnell, dass selbst geübte Stenografen aufgeben. Sie redet über Neonazis, Hassmails - kurze Pause, ein Happen von einer Spinattasche - Sexismus, Trump. "Oh, sind wir schon da?" Zuhause, so gegen Mitternacht, beantwortet sie zwei E-Mails.

Katharina Schulze ist so etwas wie ein Politik-Duracell-Hase. Ihr geht nie die Energie aus, nie verfliegt die Begeisterung, nie das Lachen aus dem Gesicht. Das mag einigen unheimlich sein, aber es ist erfolgreich. Wenn ihr nicht der Himmel auf den Kopf fällt, wird Schulze am Mittwoch ohne Gegenkandidatin zur neuen Fraktionsvorsitzenden der Grünen gewählt - mit 31 Jahren, als Jüngste in der Fraktion. Das hat vor ihr kaum jemand geschafft.

Am Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching war sie Schülersprecherin, sie plante die Partys in der Aula und den Bus zur Anti-Irakkrieg-Demo. Gegen Nazis und für den Erhalt des Planeten einzutreten, das ist für sie "Bürgerpflicht". Sie ging zur Grünen Jugend, studierte Politikwissenschaft in München. 2008 reiste sie in die USA, um für Barack Obama Wahlkampf zu machen. Einfach so, weil sie dabei sein wollte. Sie kannte dort niemanden, kündigte sich in einer E-Mail an und stieg in den Flieger. Ganz normal, findet sie. "Wenn ich was verändern will, hilft's nicht zu jammern, man muss selbst aktiv werden", sagt sie.

Schulze wurde aktiv und das mit einer Wucht, dass es einigen in der Partei ganz anders wurde. Als Vorsitzende der Grünen Jugend München kämpfte sie gegen die Olympischen Winterspiele in Bayern und damit gegen die Münchner Stadtrats-Grünen, sogar gegen Claudia Roth, damals immerhin Parteivorsitzende im Bund. Es war Schulzes erster Bundesparteitag 2010. Andere hätten sich da vielleicht eher im Hintergrund gehalten, Schulze stellte sich ans Rednerpult vor Hunderte Delegierte und überzeugte sie. Damals habe sie gelernt, dass David gewinnen könne im Kampf gegen Goliath, sagt sie.

Schulze hat sich Respekt erarbeitet

Ein paar Jahre später sammelte sie als Stadtvorsitzende der Münchner Grünen Unterschriften für einen Bürgerentscheid gegen die dritte Startbahn. So ein paar grüne Aktivisten gegen die gesamte Münchner Wirtschaft? Nicht wenige zeigten ihr einen Vogel, aber sie stand stoisch am Infostand - und gewann.

Und so ging es weiter. Schulze wollte in den Landtag, Schulze kam 2013 in den Landtag. Für sie blieb nur das bei Grünen wenig beliebte Thema Innenpolitik - sie machte es zu ihrem Markenzeichen. Eine Grüne, die auf Anti-Nazi-Demos ihr Plakat hebt und jetzt Nachtschichten mit der Polizei fährt und einen Polizeikongress veranstaltet?

Das fällt auf, vor allem, weil Schulze sich auskennt. Am Anfang lachten sie die Juristen im Innenausschuss noch aus, weil sie Paragraf und Artikel verwechselte. Jetzt sagt Florian Herrmann, Vorsitzender des Innenausschusses und bei der CSU: "Sie redet schnell und sie denkt schnell. Deshalb macht es Spaß, mit ihr zu diskutieren." Auch wenn Schulzes Sprache bei manchem CSU-ler wohl Verwirrung auslöst.

Der Generationswechsel ist vollbracht

Schulze findet manches "nicht so geil", sagt "Geht's noch?" und nennt Professoren auch mal "Typi". Sie redet gerne in einer Art Comic-Stil, der sich etwa so anhört: "Dann sag ich: Hey, ich bin die junge Generation. Und hallo! Da geht doch was schief! Und die sagen: Äh, wir machen aber so weiter." Manchmal sei sie vielleicht noch etwas zu quirlig für den Landtag, sagt einer. Dass sie dem Fraktionsvorsitz aber nicht gewachsen sein könnte, sagt niemand.

Sicher, sie habe noch einiges zu lernen. Jetzt stürme sie gern drauf los, Hauptsache Aktion, Hauptsache sofort. Die Strategie, wie ein Thema effizient platziert werde, fehle noch ein wenig. Ansonsten ist die Fraktion aber ein Schulze-Fan-Club. Selbst wer sonst gerne Kritik äußert in der Fraktion, schweigt. Die einzige Kandidatin beschädigen will niemand.

Die jetzige Fraktionsvorsitzende Margarete Bause rief sie zu ihrer "Wunschkandidatin" aus. "Die Frau hat mehr drauf als die meisten im politischen Betrieb", sagt nicht nur Sepp Dürr, selbst ehemaliger Fraktionschef. Sie könne nach außen wirken, aber auch in die Partei hinein. Der Generationenwechsel sei vollbracht. Was die Generation Schulze ausmache? Dazu will Schulze erst etwas sagen, wenn sie gewählt ist. Innenpolitische Sprecherin werde sie weiter bleiben.

Als Bildschirmschoner hat Schulze einen Spruch auf ihrem Handy: "Es bleibt immer was hängen". Auch sie hat den politischen Aufstieg in München nicht spurlos überstanden. Kritik perle an Schulze ab wie an Teflon, sagen Wegbegleiter. Das sei positiv, weil sie sich nicht runterziehen lasse, mache sie aber auch beratungsresistent. Es gehe ihr immer darum, sich selbst zu promoten. Als Fraktionsvorsitzende müsse man aber auch anderen den Platz zur Profilierung lassen. Und dann diese Energie! Sie könne anstecken, aber auch frustrieren. "Ihr Leben ist zu 100 Prozent Politik", sagt einer. Wer da nicht mithalten könne, der sei eben nicht mehr dabei. So viel Energie, das mache einen fertig.

"Ich trinke eben viel Spezi", sagt Schulze und lacht. "Es gibt einfach so viele Dinge, die mich antreiben." Abwarten bis es jemand anders macht, das kann sie nicht. Wenn mal was schiefläuft, ist die Devise: "Abschütteln und weiter machen." Jeder Tag ist eine To-do-Liste, die Schulze abarbeitet. Für jedes Thema hat sie einen Konzeptplan.

Und einfach mal ein Bier? Eher einen Tee, Alkohol schmeckt ihr nicht. Aber klar, auch sie denke manchmal nicht an Politik. Etwa wenn sie ihren Bruder daheim in Herrsching beim Handballspielen anfeuert. Aber wenn keine Zeit zum Abschalten bleibt, dann sei das auch okay. "Dann geht man eben früher ins Bett", sagt sie.

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Quelle:
SZ vom 15.02.2017/vewo
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