Endlich tut mal jemand etwas für die oft vernachlässigte Gruppe der Senioren und will für sie ein würdiges Domizil in ansprechender Lage errichten – und dann geht gefühlt halb Landshut auf die Barrikaden und versucht das Vorhaben zu verhindern. „Die armen Alten!“, könnte man jetzt sagen. Aber ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht.
Schon allein, weil „die Alten“, die sich ein Zimmer in dem geplanten und beim Blick auf die Konzeptunterlagen recht exklusiv anmutenden Bauwerk leisten könnten, mutmaßlich so arm gar nicht sein können. Was viele Kritiker in Politik und Bevölkerung aber in erster Linie auf den Plan ruft, ist der Standort. Der ist in ihren Augen mit einer solchen Nutzung nicht kompatibel, das Vorhaben widerspreche im Grundsatz einem vor fünf Jahren gefassten Beschluss des Bausenats der Stadt. Inzwischen wächst der Widerstand, die Angelegenheit hat sich zu einem Politikum ausgewachsen.
Die „Seniorenresidenz zur Insel“ – als solche wurde sie in den Gremien des Stadtrats vorgestellt – soll auf der Mühleninsel in unmittelbarer Nähe zur historischen Landshuter Altstadt entstehen. Einem malerischen Fleckchen, das mit dem „Gasthaus zur Insel“ samt zugehörigem Biergarten jahrzehntelang gastronomisch genutzt wurde. Und für das der Bausenat 2020 einstimmig die Aufstellung eines bis heute nicht verwirklichten Bebauungsplans beschlossen hat.
Dieser hatte „den Erhalt des Gebäudebestands und der Grünflächen, den Erhalt der öffentlichen Nutzung und den Ausschluss von Wohnbebauung zum Ziel“, sagt Grünen-Stadtrat Christoph Rabl, einer der schärfsten Kritiker der aktuellen Planung, auf Nachfrage.
Der Bausenat hat gegen die zwei Stimmen der Grünen die aktuellen Pläne für das Areal am 11. Juli zur Kenntnis genommen und an den städtischen Gestaltungsbeirat weitergeleitet. Demnach soll das Bestandsgebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Dort sollen nicht nur Wohnungen für Senioren angeboten werden, sondern bei Bedarf auch pflegerische Zusatzleistungen.
In den Unterlagen, die auf der Website der Stadt abrufbar sind, kann man nicht nur Ein- und Zwei-Bett-Zimmer sehen, sondern auch eine Lobby mit Kamin, Sauna und Ruheraum, Bereiche für Massage und Fango. Geplant ist zudem ein Café samt Terrasse, das dem Vernehmen nach nicht nur den Bewohnern des Hauses, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich sein soll.
In den Stadtratsgremien war man zuletzt geteilter Meinung. Teils zeigten sich die Mitglieder sehr angetan von dem Konzept. Andere waren von Anfang dagegen – mit Blick auf die Ziele des Sanierungsgebiets Mühleninsel-Fischergasse. Dieses wurde einst unter anderem eingerichtet, um früher in dem Areal angesiedelte, als störend empfundene Industrie- und Gewerbebetriebe umzusiedeln und auf der Mühleninsel attraktive Naherholungsbereiche für die Öffentlichkeit zu schaffen. Nachdem später alle Sanierungsziele als realisiert galten, wurde die Sanierungssatzung wieder aufgehoben.

Als der langjährige Pächter des Gasthauses „Zur Insel“ 2020 aufgrund der Corona-Pandemie aufgeben musste und auch folgende Betreiber keinen dauerhaften Erfolg hatten, beschloss der Bausenat im Oktober 2020 die Aufstellung des Bebauungsplans „Mühleninsel-Fischergasse, Teilbereich Badstraße und Hammerinsel“. Dieser sollte sicherstellen, dass die Nutzung des Areals weiterhin den Zielen des Sanierungsgebiets entspricht.
Seit ein paar Jahren steht das Lokal nun leer. Die Aufstellung des Bebauungsplans wurde aber offenbar nicht weiterbetrieben. Grüne, ÖDP und Freie Wähler wollen das Verfahren wieder anschieben, scheiterten aber zuletzt mit einem entsprechenden Antrag im Bausenat. „Die Hoffnung haben wir aber nicht aufgegeben“, sagt Christoph Rabl. Seit der Bausenatssitzung am 11. Juli hat das Thema in Politik und Öffentlichkeit so richtig Fahrt aufgenommen.
Grüne, Freie Wähler und ÖDP stellten einen Nachprüfungsantrag. Voraussichtlich im September soll demnach der gesamte Stadtrat entscheiden, ob das Bebauungsplanverfahren weitergeführt werden soll. Eine zusätzlich beantragte Veränderungssperre soll sicherstellen, dass keine Gebäude abgerissen und vollendete Tatsachen geschaffen werden, bevor das begonnene Bebauungsplanverfahren abgeschlossen ist. Die Grünen laden zudem für diesen Montag, 28. Juli, um 17.30 Uhr zu einer Bürgerinformationsveranstaltung auf der Mühleninsel ein.
Im Blick haben die Kritiker der geplanten Seniorenresidenz übrigens nicht nur den drohenden Verlust des Gasthauses „Zur Insel“, sondern auch die angrenzenden Lokale und Veranstaltungen auf der Mühleninsel. Aufgrund möglicher Ruhestörungen für die Bewohner befürchte man, „dass manche Sachen im öffentlichen Raum künftig nicht mehr möglich sind“, sagt Rabl. Im Prinzip geht es um die Frage, ob das Wohl der Allgemeinheit einem Partikularinteresse geopfert werden soll.
In dieselbe Kerbe schlagen die „Jungen Wähler“ in der Stadt Landshut, die das Bürgerbegehren „Rettet die Insel“ und flankierend dazu eine Online-Petition auf der Plattform change.org gestartet haben. „Bei einem Bürgerbegehren zählen in diesem Fall nur die realen Unterschriften der in Landshut Wahlberechtigten“, schreibt die Stadträtin und Initiatorin der Petition, Johanna Schramm, in den Erläuterungen. Aber man wolle „auch allen anderen die Gelegenheit bieten, ihre Stimme sichtbar zu machen“.
Im Netz wird eifrig diskutiert, OB und Investor geben derzeit keine Stellungnahmen ab
Ihre Stimme erheben viele Landshuterinnen und Landshuter derweil auch in den sozialen Medien, wo sich die große Brisanz des Themas zeigt und sich Vertreter beider Lager eifrig zu Wort melden. „Seit etlichen Jahren steht die Insel leer – ein mahnendes Beispiel, was passiert, wenn gute Ideen an der Realität scheitern. Was wir jetzt brauchen, ist kein Wunschkonzert, sondern ein seriöser, tragfähiger Vorschlag, der auch wirtschaftlich funktioniert“, ist dort etwa zu lesen. Aber auch Kommentare wie dieser: „Die Idee, diesen einzigartigen Platz für ein Seniorenheim zu opfern, ist eine Frechheit“. Senioren seien „wichtig, aber die Stadt sollte sich nicht komplett drauf fixieren, nur noch eine Stadt für Alte zu sein, sondern auch mal an die nachkommenden Generationen denken“.
Dass das Thema rund acht Monate vor der Kommunalwahl auch eine wahlkämpferische Komponente haben könnte, ist zumindest nicht auszuschließen. Rabl ist OB-Kandidat der Grünen. Thomas Hanke, Assistent der Geschäftsleitung des familiengeführten „Insel-Investors“ Ludmilla Wohnbau, steht auf der CSU-Liste für die Stadtratswahl 2026.
Seitens des Investors heißt es auf Anfrage, zu dem geplanten Bauvorhaben können man „in Absprache mit den Beteiligten“ derzeit „keine Stellungnahme abgeben“. Aktuell sei das Thema noch zu brisant. Die Pressestelle des Rathauses teilt mit, man wolle sich derzeit ebenfalls nicht äußern. Das Thema „Seniorenresidenz Mühleninsel“ werde voraussichtlich im Herbst 2025 erneut in den zuständigen Stadtratsgremien behandelt. Diesen Beratungen wollten weder Oberbürgermeister Alexander Putz (CSU) noch die Stadtverwaltung vorgreifen.

