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Hochschule Landshut:Hebammen erhalten akademische Kompetenzen

Runder Tisch zur Hebammenversorgung

Eine Hebamme wiegt im Rahmen der Nachsorge ein Baby.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Bereits ausgebildete Hebammen können sich an der Hochschule Landshut weiterbilden. Denn junge Kolleginnen studieren heutzutage. Es geht um: Handwerk, Feingefühl und den "siebten Sinn".

Von Paula L. Trautmann, Landshut

Elf ausgebildete Hebammen studieren seit diesem Wintersemester im Bachelor Hebammenwesen an der Hochschule Landshut. "Wir sind der erste und einzige Standort in Bayern, der eine solche Weiterbildung anbietet", sagt Anne Wiedermann, Professorin und Studiengangsleiterin. Deutschland hat den Beruf der Hebamme als letztes EU-Land akademisiert, seit dem 1. Januar 2020 gilt das neue Hebammengesetz.

Entbindungspfleger und Hebammen werden künftig in einem dualem Studium auf ihren Beruf vorbereitet. Der Bachelor in Landshut ist kein solcher Ausbildungsstudiengang, er ist für Hebammen, die bereits eine Erlaubnis zur Führung dieser Berufsbezeichnung haben. "Die Studentinnen können so gleichziehen mit denen, die nach ihnen die Ausbildung abschließen oder sich für ein Masterstudium oder Doktorat qualifizieren."

In Zukunft sollen 24 Studienplätze vergeben werden. Dieses Jahr sind es aufgrund der kurzen Vorlaufzeit weniger Studentinnen, Männer als Geburtshelfer sind immer noch die seltene Ausnahme. "Wir sind mit dem Aufbau des Studiengangs zeitlich recht knapp vor dem Semesterstart fertig geworden", sagt Wiedermann. Trotzdem ist sie mit dem Start zufrieden: "Ich habe das Gefühl, dass die Studentinnen einen guten Einstand hatten." Sie haben ihre Ausbildung zu unterschiedlichen Zeiten abgeschlossen. Es sind Hebammen dabei, die mehr als 20 Jahre Erfahrung haben, und welche, die gerade erst die Hebammenschule abgeschlossen haben.

Wiedermann ist selbst freiberufliche Hebamme und bringt viel Praxiserfahrung mit. Das kommt bei den Studentinnen gut an. "Es ist unglaublich wichtig, dass Hebammen von Hebammen lernen", sagt Studentin Verena Jobst. Sie betreibt seit 1995 ihre eigene Praxis. Auch die Inhalte finden Anklang, Kommilitonin Marion Schmidt begrüßt besonders Themen rund um Praxisanleitung: "Das ist etwas, das mich tagtäglich begleitet." In ihrem Studium lernen die Hebammen zudem unter anderem kommunikative Kompetenzen - und wissenschaftliches Arbeiten.

Die Hochschule hat sich bemüht, das Studium so zu gestalten, dass die Hebammen es mit ihrem Beruf vereinbaren können. Alle zwei Wochen kommen sie für drei Tage an die Hochschule, zu einem Drittel virtuell und zu zwei Dritteln in Präsenz. Einmal im Semester findet eine Blockwoche statt. "Das klingt nach wenig, aber der Eigenanteil ist natürlich entsprechend hoch. Es ist ein erheblicher Arbeitsaufwand", sagt Wiedermann. Wegen Corona arbeite die Hochschule an zwei Konzepten für die Zukunft, an Präsenzunterricht und einer digitalen Lösung. Hebammenarbeit sei auf Distanz gesehen aber schwierig: "Wir brauchen den persönlichen Kontakt, zum Beispiel für Simulationstrainings im Bereich der geburtshilflichen Notfälle."

Den Studentinnen ist wichtig, dass im Hebammenbereich auch geforscht wird, da es hauptsächlich ärztliche Studien gibt. "Langsam bekommt man ein Gefühl dafür, dass es auf unser Handwerk und Tastbefunde ankommt und dass man unsere Erfahrung in greifbare Daten bringt", sagt Schmidt. Ihre Kommilitonin sieht es ähnlich: "Wir können das Wissen als Hebammen nicht mehr weitergeben, wenn wir uns jetzt nicht auf die Füße stellen. Wir müssen wissenschaftlich arbeiten und wissenschaftliche Erhebungsmethoden nutzen, um unser Wissen im besten Sinn für Mutter und Kind zu bewahren." Laut Jobst werde mehr Wert auf medizinische Messmethoden gelegt als auf die Feinfühligkeit der Hebammen. Sie bauen eine Beziehung auf zu den Frauen, bekommen ein Gespür für die Schwangerschaft, einen "siebten Sinn", wodurch sie frühzeitig feststellen, wenn etwas aus der Bahn läuft. "Das wird oft gleichgesetzt mit Bauchstreicheln", klagt die Studentin über die geringe Anerkennung des Berufsstands.

Professorin Anne Wiedermann ist selbst freiberufliche Hebamme und bringt viel Praxiserfahrung mit.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Aus diesem Grund befürwortet sie die Akademisierung. "Wenn wir mit den Ärzten auf gleicher Augenhöhe arbeiten wollen, dann müssen wir alle akademisiert sein und einen gleichwertigen Ausbildungsstand haben", so Jobst. Ihre Kollegin hat andere Erfahrungen gemacht: "In der Betreuung ist jeder auf Augenhöhe, das ist nicht in Konkurrenz zur Ärzteschaft. Es ist aber grundsätzlich gut, dass man den Beruf der Hebamme aufwertet." Die erste Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverband, Mechthild Hofner, sieht in der Akademisierung die Chance, "die teilweise verkrusteten, alten, hierarchischen Strukturen aufzubrechen." Auch Wiedermann hat die Akademisierung ersehnt: "Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung für eine Profession, die sich zu einer eigenen Wissenschaft entwickelt. Frauen, Kinder und Familien werden davon profitieren." Sie findet es wichtig, dass das Ausbildungsniveau angeglichen wird. "Wir sind in der Praxis dem voraus, was wir in der Ausbildung lernen." Auch Hofner meint, die Akademisierung sei die Antwort auf die Anforderungen in der Medizin, die der Hebammenberuf mit sich bringe.

Die Akademisierung kann sich aber auch negativ auswirken. "Sie birgt das Risiko, dass es zu einer Zwei-Klassen-Hebammen-Entlohnung kommen wird. Das darf nicht der Fall sein", so Wiedermann. Ein Bestandsschutz regelt, dass altrechtlich ausgebildete Hebammen nicht zum Studium verpflichtet sind und weiterhin den Beruf ausüben können. "Sie machen in der Praxis ja auch die gleiche Arbeit wie künftig ihre Kolleginnen, die von einer Hochschule abgehen. Das wäre mehr als unfair, wenn sie weniger bezahlt bekommen." Bei freiberuflichen Hebammen werde das kaum eine Rolle spielen, aber bei den Tarifvertragsgruppierungen. Der Hebammen-Landesverband will einen niedrigschwelligen Zugang zur Erlaubnis des Führens eines Bachelors konzipieren, um alle gleichzustellen. Konkrete Pläne gibt es noch nicht.

Hebamme Jobst sieht ein weiteres Problem in der Akademisierung: "Es gibt angehende Hebammen, die einen Realschulabschluss, aber ein super Gefühl für die Geburtshilfe haben - und die fallen jetzt durchs Raster." Für Vorsitzende Hofner gilt dieses Argument nicht, denn die zwölf Jahre Schuldbildung werden in der EU-Richtlinie vorgeschrieben. "Wenn man wirklich unbedingt Hebamme werden möchte, ist das anders als beim Medizinstudium durchaus möglich." Interessierte können sich nach einer Ausbildung zur Krankenschwester als Hebamme bewerben oder das Abitur auf einer Fachoberschule nachholen. "Man hat auch eine ganz große emotionale und psychische Belastung in der Geburtshilfe, diese Reife ist mit 16 Jahren eigentlich noch nicht vorhanden."

Jobst und Schmidt haben die Reife nach all der Erfahrung - und der Beruf begeistert die beiden noch immer. "Ich sehe mich oft als Bergführer, der das Gebiet kennt und den Frauen den Weg zeigt. Es kann ein schneller, steiler Aufstieg sein, es kann aber auch mit Pausen gemütlich über Tage verteilt sein", sagt Schmidt. Jobst nennt die Nähe zum Menschen: "Wir bauen eine Beziehung mit den Frauen auf über Monate, man ist in die Familie integriert. Wir sehen uns als Sprachrohr für Mutter und Kind."

© SZ vom 19.10.2020/vewo
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