Landshut:Die Avantgarde der Heimatforschung

Geschichtsboden Vatersdorf

Die Vergangenheit als Installation: Der Geschichtsboden in Vatersdorf bei Landshut will sich dem Thema Heimat auf neue Weise nähern.

(Foto: Der neue Geschichtsboden)

Im niederbayerischen Vatersdorf hat der "Neue Geschichtsboden" eröffnet - ein Museum, das mit seiner Gestaltung weit in die Zukunft weist

Von Hans Kratzer, Vatersdorf

Ortschaften mit hundert Einwohnern stehen eher selten im Licht der Öffentlichkeit. Das galt bisher auch für Vatersdorf, einen Ortsteil der Gemeinde Buch am Erlbach, der sich am Rande jener Hügelkette erstreckt, die Niederbayern von Oberbayern scheidet. So unauffällig dieses Dorf erscheinen mag, so besitzt es neuerdings eine Attraktion, um die es sogar weitaus größere Orte beneiden werden. Es geht um ein neues Heimatmuseum, das am Donnerstag eröffnet wurde, durch seine moderne Ausstattung besticht und ein ambitioniertes Ziel verfolgt. Die Betreiber wollen mit diesem Projekt die stets im Verdacht des Verstaubten und Verzopften stehende Institution Heimatmuseum neu justieren und interpretieren. Deshalb auch der Name "Der neue Geschichtsboden". Das Museum soll als Zentrum der Regionalkultur verstanden werden, als ein Speicher an Wissen, Geschichten und Geschichte, der weit über ein Heimatmuseum hinausgeht.

Dass dieses Leuchtturmprojekt ausgerechnet in Vatersdorf realisiert wurde, ist einem Glücksfall zu verdanken. Hier kamen Menschen zusammen, deren Möglichkeiten und Fähigkeiten für diesen Zweck ideal harmonieren. Die Basis bildet ein breiter Grundstock an heimatkundlichem Material, dazu wurde ein toller Präsentationsort gefunden, und nicht zuletzt entwickelte man ein neuartiges Konzept zur Vermittlung dieses Wissens.

Bei der Eröffnung des Museums stand zunächst der Lokalhistoriker Hans Schneider im Mittelpunkt, der als der Vater des Museums gilt und am Donnerstag auch noch seinen 80. Geburtstag feierte. Eine Koinzidenz, die so kurios anmutet wie viele Geschichten, die er in jahrzehntelanger Arbeit den Archiven abgerungen hat.

Schneider gehört einer Altersgruppe an, die Umwälzungen erlebt hat wie kaum eine Generation zuvor. Seine unüberschaubare Sammlung dokumentiert die Wucht der Veränderungen. All die Urkunden, Landkarten, Pläne, Briefe, Verträge, Protokolle und Zeichnungen, die er ausfindig gemacht, kopiert und abgeschrieben hat, sind in gut 1600 Ordnern einsortiert. Überdies trug er 1400 historische Maschinen und Geräte zusammen sowie ungefähr eine Million Bilder. Schneiders Dokumentation besticht durch eine Tiefe und eine Qualität, wie man sie auf dem Feld der Heimatforschung nur selten findet. Dabei ist Schneider kein akademischer Historiker, vielmehr betrieb er lange Zeit ein Gasthaus. Als er vor gut 40 Jahren zum ersten Mal im Landshuter Staatsarchiv über einem Katasterband hockte, konnte er die Schrift nicht lesen. Also holte er die Dorflehrerin herbei und ackerte mit ihr die Bände durch. Heute kann er selbst die vertracktesten Schriften entziffern. Darüber hinaus hat Schneider sich ein Rüstzeug angeeignet, das wissenschaftlichen Kriterien jederzeit genügt. Hunderte Vorträge hat er gehalten, Ausstellungen organisiert, Aufsätze geschrieben und Begeisterung für die Lokalgeschichte geweckt. Hans Schneider wurde für seine verdienstvolle Arbeit mit diversen Auszeichnungen bedacht. "Mich interessiert immer das Leben", sagt er, eine Devise, die ihn befähigte, die Vergangenheit in schillernden Szenen zu schildern. Wie etwa ein Wirtshausgast nachts im Bachlauf nach Hause wankte, weil ihm da eine Brücke als Orientierungspunkt diente.

Als vor einigen Jahren die Frage akut wurde, wo dieser Schatz einen passenden Platz finden könnte, eröffnete sich eine ungeahnte Chance. Die in Vatersdorf angesiedelte Ziegeleifirma Leipfinger-Bader erklärte sich bereit, der Sammlung eine Heimat zu geben. "Wir wollen das Gedächtnis der Gemeinde und das Lebenswerk von Hans Schneider langfristig sichern", sagte Thomas Bader, der Inhaber der alteingesessenen Firma. Vor drei Jahren begann der Ausbau des 250 Quadratmeter großen Dachgeschosses des schon im 19. Jahrhundert errichteten Verwaltungsgebäudes, dessen alter Dachstuhl bestens mit der Ausstellung harmoniert, die barrierefrei per Aufzug erreicht werden kann. Der niederbayerische Bezirkstagspräsident Olaf Heinrich nannte das Museum bei der Eröffnung "einen großen Gewinn für Niederbayern".

Die Firma Leipfinger-Bader und die aus ihr hervorgegangene Kastulus-Bader-Stiftung legten die Realisierung des Museumsprojekts vor gut einem Jahr in die Hände der Kunsthistorikerin Stefanje Weinmayr, die in der Museumswelt keine Unbekannte ist. Seit 1995 war sie mit der wissenschaftlichen Betreuung der Fritz-und-Maria-Koe-nig-Stiftung in Landshut und dem Aufbau des Skulpturenmuseum im Hofberg (jetzt Koenigmuseum) betraut, das sie bis 2020 leitete. Unter anderem gehörte sie dem Kuratoren-Team der Koenig-Retrospektive an, die 2018 in den Uffizien in Florenz für Aufsehen sorgte.

Mit Weinmayr und Schneider stießen zwei sehr unterschiedliche, aber starke Persönlichkeiten aufeinander, was freilich ihre Kreativität in immer neue Höhen trieb und ein Ergebnis zeitigte, das durchaus Maßstäbe setzt. So ist die Präsentation vieler Objekte vom Dachstuhl her konzipiert, was an die Anfänge von Schneiders Tätigkeit erinnert, als er sie ebenfalls noch mit Kälberstricken an der Decke aufgehängt hatte. Weinmayr spricht von einem künstlerischen Zugriff auf die Regionalgeschichte, der weiterführt bis zur "Cloud" des Geschichtsbodens, in der unendlich viele und ganz unterschiedliche Inhalte gespeichert werden. Die Historie der Gemeinde Buch am Erlbach ist nun dokumentiert wie kaum eine andere, dazu kommen 120 Kurzfilme, die mit Hans Schneider gedreht wurden. Der Geschichtsboden präsentiert sich im Internet sogar mit einem eigenen Youtube-Kanal (Stichwort "Der neue Geschichtsboden". Homepage: www.geschichtsboden.de).

© SZ vom 25.06.2021
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