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Landsberg am Lech:Erschütternde Schwarz-Weiß-Aufnahmen

Schwarz-Weiß-Aufnahmen erzählen vom Grauen in den KZs. Sie zeigen die ausgemergelten toten Körper, die nach dem Todesmarsch am Wegesrand liegen geblieben sind, sie zeigen einen Inhaftierten, der mit leeren Augen in die Kamera blickt, neben ihm, dicht an dicht, die Körper der Mitgefangenen in der Baracke, ob tot oder lebendig lässt sich nicht sagen. "Man muss das alles schon erst einmal verdauen", sagt Müller.

In einer gläsernen Vitrine hängt eine Häftlingsjacke, ein Judenstern ist ausgestellt. Auf einem Pult liegt das Buch, in dem über die Häftlinge Protokoll geführt wurde, im Hintergrund: ein riesiges Poster. Es zeigt die Eisenbahnschienen, die für die Anlieferung der Flugzeugteile auf den Bunker zuführten.

Die Dinge, die in diesem Saal ausgestellt werden, erzählen Geschichten. Die vielen Fotos geben dem Unfassbaren ein Gesicht. Über den Exponaten, den Bildern und auch den Kunstwerken, die die Dachauer Künstlerin Esther Glück für den Erinnerungsort angefertigt hat und die Müller und Roletscheck nach Landsberg geholt haben, hängt ein gigantischer Abzug des Artikel 1 des Grundgesetzes. Über all dem Horror schwebt der Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Die Schüler, die kommen, sollen verstehen, wie das Grundgesetz entstanden ist und warum.

Schüler bauen Häftlingsbaracken nach

Der Großteil dessen, was in dem Raum zu sehen ist, haben Roletscheck und Müller über Jahre hinweg zusammengetragen. Je mehr Exponate zusammen kamen, desto mehr beschäftigten sich die beiden mit Erinnerungsorten und Gedenkstättenpädagogik, haben eigene Seminare zum Thema und auch andere Erinnerungsorte besucht. "Was und wie wir es in der Ausstellung zeigen, entsteht in unseren Köpfen. Da ist immer der Gedanke: Was können wir besser machen?", sagt Müller.

"Wenn ich die Diskussion darüber verfolge, dass für den Obersalzberg 45 Millionen gefordert werden . . .", setzt Roletscheck mit aufgeregter Stimme an. "Mit einem Promille davon kann man schon etwas auf die Beine stellen", sagt er. Er weiß das, weil er und Müller das gemacht haben. Mit wahrscheinlich weniger noch als einem Promille dieses Betrags.

Den beiden geht es nicht um Prestige oder Selbstdarstellung. Sie wollen das Bewusstsein der Schüler schärfen. Sie wollen, dass sie Mechanismen erkennen, Geschichte verstehen und daraus Schlüsse für die Gegenwart ziehen.

So wie bei einem gemeinsamen Projekt mit der Berufsschule, bei der Schüler eine Häftlingsbaracke im Originalmaßstab nachgebaut haben. "Es war so spannend, wie die Jungs das aufgegriffen haben", sagt Roletscheck. Die Schüler waren von dem Projekt begeistert, haben fast alles allein gemacht, sich dabei auch intensiv mit der Geschichte beschäftigt.

Bei der 70-Jahr-Feier waren die Jugendlichen natürlich eingeladen und haben Zeitzeugen getroffen. "Die Generationen haben damals wirklich zusammengefunden. Sie waren intensiv berührt. Es gab auch Tränen", sagt Müller. "Da habe ich gemerkt, dass wir mit unserer Arbeit mehr tun, als wir gedacht haben. Dass wir Botschaften aussenden, die etwas verändern", sagt er. "Das ist unser größter Lohn."

Im kommenden Jahr geht Müller in Pension. In etwa zwei Jahren Roletscheck. Dass die Gedenkausstellung ordentlich weitergeführt wird und jemand sie ablöst, für den die Vorträge, Führungen und die wissenschaftliche Arbeit Leidenschaft ist und nicht nur ein Job, wünschen sich beide.

Einer ihrer Nachfolger für die Dienststelle von Müller hat sich bereits vorgestellt, Roletscheck und Müller sind zufrieden und erleichtert. Sie hoffen, dass es auch einen zweiten Nachfolger geben wird, der eine feste Dienststelle dort bekommt, denn der Arbeitsaufwand ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Zwar wirbt das Militär nicht gezielt für die Ausstellung, alles läuft ausschließlich über Mundpropaganda, aber es kommen immer mehr Schulklassen.

Beide sagen, selbst nach der Pensionierung wird sie die Geschichte von Weingut II und den Menschen, die dort arbeiten mussten, nicht loslassen. Am Ende, sagt Müller, wird er sich als Besucher in das Gästebuch der Ausstellung eintragen. Er wird einen Satz schreiben, der ihn seit Jahren bewegt: Man muss in der Geschichte immer einen Blick zurück werfen, damit man wieder zwei Schritte nach vorne kommt.

© SZ vom 27.05.2016/imei
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