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Landsberg am Lech:Das Leid der KZ-Häftlinge beim Bunkerbau in der Welfenkaserne

Seit drei Jahrzehnten forschen Helmut Müller und Gerhard Roletscheck über den unterirdischen Bunker. Ihre Führungen sind meist ausgebucht, obwohl es keinerlei Werbung gibt.

Von Julia Bergmann

Es waren die vielen Gesichter, die Geschichten der Überlebenden und der 6391 Toten, die Helmut Müller, Oberstabsfeldwebel, und Gerhard Roletscheck, Oberstleutnant, angetrieben haben, ihre Arbeit aufzunehmen. Müller und Roletscheck sind für die militärgeschichtliche Sammlung am Erinnerungsort "Weingut II" in der Welfenkaserne in Landsberg am Lech verantwortlich.

Seit rund drei Jahrzehnten forschen die beiden bereits zur Geschichte des unterirdischen Bunkers, in dem während der NS-Zeit Kampfflugzeuge produziert werden sollten und in dem heute unter anderem ein Instandsetzungszentrum für Militärflugzeuge untergebracht ist. Roletschek und Müller erinnern mit ihrer Sammlung aber vor allem an die 23 000 KZ-Häftlinge, die das 233 Meter lange und 85 Meter tiefe Ungetüm unter menschenunwürdigen Bedingungen bauen mussten, und an diejenigen, die dabei ums Leben gekommen sind.

Die Geschichte dieses Ortes, das sagen Roletscheck und Müller, wird die beiden wohl nie mehr loslassen. Obwohl vor allem Müller von der NS-Vergangenheit des Bunkers erst einmal nichts wissen wollte. Immer wieder war Müller in der Landsberger Kaserne stationiert, immer wieder las er als Wachsoldat die Gedenktafeln, die in wenigen Worten zusammenfassten, wofür es eigentlich keine Worte gab. Er schob das alles weit weg.

Bis Besuch in der Kaserne anstand und der damalige Kommandeur ihn bat, einen Vortrag über die Gedenkarbeit der Luftwaffe zu halten. "Ich wollte nicht so recht, fand das ein schwieriges Thema und hatte ja nur gefährliches Halbwissen", sagt Müller. "Drei Tage vor dem Vortrag habe ich erfahren, dass auch Überlebende des KZ Kaufering kommen würden", sagt er. "Da waren die Nächte keine Nächte mehr. "

Wie spricht man vor Menschen, die das Grauen überlebt haben, über ihre Vergangenheit? "Ich bin ja auch Deutscher. Ich habe mich gefragt, ob ich mich bei ihnen entschuldigen muss." Müller hat überlegt zu schwänzen. Heute lacht er darüber. Am Ende seines Vortrags seien seine Zuhörer aufgestanden, hätten ihn umarmt. Und Müller? "Ich war völlig fertig", sagt er. Aber von diesem Tag an wollte er mit der Gedenkarbeit nicht mehr aufhören. 2008 wurde eine eigene Stelle dafür in Landsberg geschaffen.

Auch Roletscheck hat der Zufall zum Erinnerungsort "Weingut II" geschickt. Seine Diplomarbeit in Luft- und Raumfahrttechnik schrieb er 1985 über die Do 335, ein Kampfflugzeug, das die Firma Dornier während des Zweiten Weltkriegs herstellte. Während seiner Recherchen stieß er im Bundes-Militärarchiv in Freiburg auf Dokumente, die belegten, dass das Flugzeug im Landsberger Bunker hätte gebaut werden sollen.

Manchmal redet sich Roletscheck in Rage

Ein Faktum, das damals noch unbekannt war. Roletscheck fuhr nach Landsberg und recherchierte weiter, wühlte sich durch Dokumente und sprach mit Soldaten. Dabei arbeitete er sich immer weiter in die Geschichte des Ortes ein. 1995 - Roletscheck war in Kaufbeuren stationiert - wurde er eingeladen, bei den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Kriegsendes in Kaufering eine Rede über sein Fachgebiet zu halten.

Zum ersten Mal wurden zu dem Fest auch Überlebende in den Bunker eingeladen. Roletscheck hat sie kennengelernt, sich mit ihnen unterhalten, ihre Geschichten gehört - und diese über Jahrzehnte zusammengetragen. Seit 2009 arbeitet er fest in der Welfenkaserne und übernimmt damit auch Führungen durch die Anlage. Wenn Schulklassen oder Studentengruppen in die Welfenkaserne kommen, spricht Roletscheck nicht nur über Fakten und Jahreszahlen.

Wenn er vorträgt, redet er sich manchmal in Rage. Er legt dann mehr Nachdruck in die Stimme, wird lauter. Man merkt, dass er immer noch nicht fassen kann, was damals passiert ist, dass ihn das Unrecht bewegt. Er will, dass dies auch die Heranwachsenden verstehen. Und gibt deshalb die Geschichten der Menschen an die rund 3500 Besucher im Jahr weiter. "Und das Interesse daran ist riesig", sagt er.

Die Geschichte des Jazz-Musikers Coco Schumann etwa, dem die Musik das Leben gerettet hat, wenn er sie auch für Josef Mengele spielen musste. In Auschwitz auf der Rampe: "O la Paloma", immer und immer wieder. Wie Schumann dort auf einem Stuhl neben einem der schlimmsten Nazi-Verbrecher die Saiten zum Klingen brachte, während in seinem Inneren etwas zerbrach, als die Kinder auf Augenhöhe an ihm vorbei in die Gaskammern gingen. Roletscheck und Müller erzählen aus diesen Leben, weil sie begreiflich machen wollen, welches Unrecht den Menschen angetan wurde. Weil sie wollen, dass die Jugendlichen das verstehen und daraus etwas für sich lernen.

Ein Foto Schumanns hängt auch an einer Pinnwand im Besprechungszimmer von Müller und Roletscheck. Es ist eines der Bilder, die Roletscheck und Müller in jahrelanger Recherche zusammengesucht haben. Und noch immer sind Müller und Roletscheck auf der Suche nach den Gesichtern der 23 000 Menschen, die in den zehn Konzentrationslagern rund um Kaufering bei Landsberg gefangen gehalten wurden. Sie recherchieren auch nach Feierabend. Einerseits, weil das Internet zu Hause schneller ist, andererseits, das sagt Roletscheck: "Weil ich das Glück habe, dass mein Hobby mein Beruf ist."

Die Fotos, die die beiden auftreiben konnten, aus dem Internet, in alten Dokumenten, von Überlebenden oder Verwandten, hängen an einem meterlangen Stück Maschendrahtzaun im großen Ausstellungssaal im Inneren des Bunkers. Es gibt Schaukästen, die übrig gebliebene Alltagsgegenstände aus den Konzentrationslagern zeigen, zwei Schuhe aus brüchigem schwarzen Leder, Scherben, Kleinigkeiten, die in ihrer Unschuld fast schmerzhaft den Kontrast zu den Gräueltaten der Nazis ins Bewusstsein rufen.

Erschütternde Schwarz-Weiß-Aufnahmen

Schwarz-Weiß-Aufnahmen erzählen vom Grauen in den KZs. Sie zeigen die ausgemergelten toten Körper, die nach dem Todesmarsch am Wegesrand liegen geblieben sind, sie zeigen einen Inhaftierten, der mit leeren Augen in die Kamera blickt, neben ihm, dicht an dicht, die Körper der Mitgefangenen in der Baracke, ob tot oder lebendig lässt sich nicht sagen. "Man muss das alles schon erst einmal verdauen", sagt Müller.

In einer gläsernen Vitrine hängt eine Häftlingsjacke, ein Judenstern ist ausgestellt. Auf einem Pult liegt das Buch, in dem über die Häftlinge Protokoll geführt wurde, im Hintergrund: ein riesiges Poster. Es zeigt die Eisenbahnschienen, die für die Anlieferung der Flugzeugteile auf den Bunker zuführten.

Die Dinge, die in diesem Saal ausgestellt werden, erzählen Geschichten. Die vielen Fotos geben dem Unfassbaren ein Gesicht. Über den Exponaten, den Bildern und auch den Kunstwerken, die die Dachauer Künstlerin Esther Glück für den Erinnerungsort angefertigt hat und die Müller und Roletscheck nach Landsberg geholt haben, hängt ein gigantischer Abzug des Artikel 1 des Grundgesetzes. Über all dem Horror schwebt der Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Die Schüler, die kommen, sollen verstehen, wie das Grundgesetz entstanden ist und warum.

Schüler bauen Häftlingsbaracken nach

Der Großteil dessen, was in dem Raum zu sehen ist, haben Roletscheck und Müller über Jahre hinweg zusammengetragen. Je mehr Exponate zusammen kamen, desto mehr beschäftigten sich die beiden mit Erinnerungsorten und Gedenkstättenpädagogik, haben eigene Seminare zum Thema und auch andere Erinnerungsorte besucht. "Was und wie wir es in der Ausstellung zeigen, entsteht in unseren Köpfen. Da ist immer der Gedanke: Was können wir besser machen?", sagt Müller.

"Wenn ich die Diskussion darüber verfolge, dass für den Obersalzberg 45 Millionen gefordert werden . . .", setzt Roletscheck mit aufgeregter Stimme an. "Mit einem Promille davon kann man schon etwas auf die Beine stellen", sagt er. Er weiß das, weil er und Müller das gemacht haben. Mit wahrscheinlich weniger noch als einem Promille dieses Betrags.

Den beiden geht es nicht um Prestige oder Selbstdarstellung. Sie wollen das Bewusstsein der Schüler schärfen. Sie wollen, dass sie Mechanismen erkennen, Geschichte verstehen und daraus Schlüsse für die Gegenwart ziehen.

So wie bei einem gemeinsamen Projekt mit der Berufsschule, bei der Schüler eine Häftlingsbaracke im Originalmaßstab nachgebaut haben. "Es war so spannend, wie die Jungs das aufgegriffen haben", sagt Roletscheck. Die Schüler waren von dem Projekt begeistert, haben fast alles allein gemacht, sich dabei auch intensiv mit der Geschichte beschäftigt.

Bei der 70-Jahr-Feier waren die Jugendlichen natürlich eingeladen und haben Zeitzeugen getroffen. "Die Generationen haben damals wirklich zusammengefunden. Sie waren intensiv berührt. Es gab auch Tränen", sagt Müller. "Da habe ich gemerkt, dass wir mit unserer Arbeit mehr tun, als wir gedacht haben. Dass wir Botschaften aussenden, die etwas verändern", sagt er. "Das ist unser größter Lohn."

Im kommenden Jahr geht Müller in Pension. In etwa zwei Jahren Roletscheck. Dass die Gedenkausstellung ordentlich weitergeführt wird und jemand sie ablöst, für den die Vorträge, Führungen und die wissenschaftliche Arbeit Leidenschaft ist und nicht nur ein Job, wünschen sich beide.

Einer ihrer Nachfolger für die Dienststelle von Müller hat sich bereits vorgestellt, Roletscheck und Müller sind zufrieden und erleichtert. Sie hoffen, dass es auch einen zweiten Nachfolger geben wird, der eine feste Dienststelle dort bekommt, denn der Arbeitsaufwand ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Zwar wirbt das Militär nicht gezielt für die Ausstellung, alles läuft ausschließlich über Mundpropaganda, aber es kommen immer mehr Schulklassen.

Beide sagen, selbst nach der Pensionierung wird sie die Geschichte von Weingut II und den Menschen, die dort arbeiten mussten, nicht loslassen. Am Ende, sagt Müller, wird er sich als Besucher in das Gästebuch der Ausstellung eintragen. Er wird einen Satz schreiben, der ihn seit Jahren bewegt: Man muss in der Geschichte immer einen Blick zurück werfen, damit man wieder zwei Schritte nach vorne kommt.

© SZ vom 27.05.2016/imei
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