Landgericht Bayreuth Warum der Fall Peggy wieder aufgerollt wird

Ulvi K. wurde 2004 als Peggys Mörder verurteilt. Nun bekommt er einen neuen Prozess.

(Foto: Marcus Führer/dpa)

Wo ist die Leiche? Gelang dem geistig zurückgebliebenen Ulvi K. wirklich ein perfekter Mord? Und was ist mit der Falschaussage seines Mitpatienten? Vor dem Landgericht Bayreuth wird wieder über den Fall Peggy verhandelt. Fragen und Antworten zum Wiederaufnahmeverfahren.

Von Anna Fischhaber

Warum wird der Fall Peggy erneut verhandelt?

Im Jahr 2001 verschwand die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg. Drei Jahre später wurde der geistig zurückgebliebene Ulvi K. als ihr Mörder verurteilt. Nach Ansicht der Richter am Landgericht Hof spielte sich der Fall folgendermaßen ab: Ulvi K. soll das Mädchen nach der Schule abgepasst haben, um sich bei ihr dafür zu entschuldigen, dass er sie einige Tage zuvor sexuell missbraucht hatte. Als sie um Hilfe schrie, habe er ihr solange Mund und Nase zugehalten, bis sie tot war. Dann verständigte er seinen Vater, der die Leiche beseitigt haben soll. Allerdings konnte das tote Mädchen bis heute nicht gefunden werden. Nach dem Indizienprozess blieben Zweifel an der Schuld von Ulvi K. Das Urteil stützte sich vor allem auf sein Geständnis. Das hatte er bei der Polizei gemacht, allerdings gibt es davon nur ein Gedächtnisprotokoll. Im Prozess widerrief der Angeklagte den Mord, er habe Ruhe vor den dauernden Vernehmungen haben wollen. Den sexuellen Missbrauch bestritt er nicht. 2013 stellte der Anwalt Michael Euler einen Wiederaufnahmeantrag. 1200 Seiten plus 900 Seiten Aktenauszüge gab er beim Gericht ab. "Das Geständnis beruht allein auf der Zermürbungstaktik der Polizei", sagte er damals der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er hatte Erfolg: Das Landgericht Bayreuth ordnet im Dezember 2013 an, dass Ulvi K. einen neuen Prozess bekommt.

Wie begründet das Gericht die Wiederaufnahme?

Die rechtlichen Hürden für eine Wiederaufnahme sind hoch. Notwendig sind beispielsweise neue Tatsachen, um einen Freispruch des Angeklagten zu begründen. Das Landgericht Bayreuth stützt die Wiederaufnahme auf zwei Punkte: Zum einen habe sich ein inzwischen verstorbener Zeuge "einer vorsätzlichen falschen uneidlichen Aussage zu Ungunsten des Angeklagten schuldig gemacht". Der Mitpatient von Ulvi K. aus dem Bezirksklinikum Bayreuth hatte vor Gericht ausgesagt, dieser habe ihm den Mord gestanden. Bereits 2010 zog er seine Aussage zurück. Im Prozess spielte sie nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings könne nicht sicher ausgeschlossen werden, dass die Aussage auf die Urteilsfindung Einfluss hatte, erklärte das Gericht. Der zweite Grund ist die Tathergangshypothese. Der Gutachter Hans Ludwig Kröber hatte im Prozess erklärt, er halte das Geständnis unter anderem deshalb für glaubwürdig, weil Ulvi K. nicht so einen detailreichen Handlungsablauf habe erfinden können. Allerdings wusste er nicht, dass die Ermittler dem Angeklagten ein hypothetisches Tatszenario vorgelegt hatten, das dem späteren Geständnis sehr ähnlich war. Das Landgericht will nun von dem Gutachter wissen, ob er unter diesen Umständen zu einer neuen Einschätzung kommt. Nach Recherchen zweier Journalisten hält Kröber das Geständnis aber nach wie vor für glaubwürdig.

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Wie läuft der Prozess ab?

Am 10. April beginnt vor der Jugendkammer des Landgerichts Bayreuth die Verhandlung - Bayreuth ist zuständig für Wiederaufnahmeverfahren des Landgerichts Hof. Vorsitzender Richter ist Michael Eckstein. Gemeinsam mit zwei Berufsrichtern und zwei Schöffen soll er den Fall neu aufrollen. Zwei Journalisten erhoben schon vor Prozessbeginn schwere Vorwürfe gegen Eckstein, das Gericht widersprach. Sandra Staade und Daniel Götz werden die Anklage vertreten. Der eigentlich zuständige Staatsanwalt war eine Woche vor der Wiederaufnahme abgelöst worden. Er hatte in einer Vernehmung den Wunsch eines Verdächtigen nach einem Verteidiger entgegen der Strafprozessordnung ignoriert. Peggys Mutter ist Nebenklägerin in dem Prozess. Insgesamt sind neun Verhandlungstage angesetzt. Am Donnerstag soll zunächst die alte Anklage erneut verlesen werden, dann kann sich Ulvi. K zu den Vorwürfen äußern. Außerdem sind an den ersten Verhandlungstagen Zeugen, die Peggy am Tag ihres Verschwindens noch gesehen haben wollen, geladen. Und einige Polizeibeamte, die in dem Fall ermittelt haben. Neben Gutachter Kröber wird auch der Münchner Psychiater Norbert Nedopil im Gerichtssaal sitzen. Er soll die Schuldfähigkeit des Angeklagten beurteilen.