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Landgericht Augsburg:Großes Erstaunen

Groß war das Erstaunen, als nun die Staatsanwältin Katharina Klokocka in den Zeugenstand trat, die im Prozess gegen den Drogenhändler die Anklage vertreten hatte. Sie hatte den Sitzungsbericht nachgelesen, den sie damals vom ersten Verhandlungstag angefertigt hatte, und dem war zu entnehmen, dass sich gleich nach Verlesung der Anklage Richter, Staatsanwältin und Verteidiger im Richterzimmer über "mögliche Strafobergrenzen" besprochen hätten.

Dabei seien dem Angeklagten für den Fall, dass er "vollumfänglich" gestehe und Angaben über die Strukturen des Drogenhandels mache, eine Strafobergrenze von fünfeinhalb bis sechs Jahren in Aussicht gestellt worden. Richter Haeusler, berichtete die Zeugin, habe das als "sehr generöses Angebot" bezeichnet.

Oberstaatsanwalt Zechmann wollte den Sitzungsbericht zunächst nicht herausgeben, erst auf nachdrückliches Drängen des Gerichts fand er sich dazu bereit. Und siehe, es gab eine weitere Überraschung: Am Rande des Berichts fand sich ein handschriftlicher Vermerk: "evtl. auch 4 J. 10 Mo." Er stammte, wie man schnell erkannte, von dem Staatsanwalt Christian Grimmeisen, der die Kollegin Klokocka an einem Sitzungstag vertreten hatte. Der ist mittlerweile Richter am Amtsgericht. Er könne sich, sagte er als Zeuge, partout nicht erinnern, wie es zu dieser Randnotiz gekommen sei. Die Zeugin Klokocka sagte dazu, sie habe keine Ahnung, "wann und warum" der Kollege das hingeschrieben habe.

"Man hätte erwartet, dass die Staatsanwaltschaft ein paar Worte des Bedauerns finden würde", sagte Verteidiger Wächtler. Da hatten er und sein Kollege Bockemühl allerdings vergeblich gehofft. Oberstaatsanwalt Zechmann räsonierte in seinem Plädoyer darüber, dass der Angeklagte in seinen Schriftsätzen einmal von "vier Jahren und sechs Monaten", dann wieder von einer "vier vor dem Komma" und schließlich sogar von "unter fünf Jahren" gesprochen habe und wertete das als deutliches Indiz für seine Schuld. Den Richtern Haeusler und Ballis unwahre Angaben zu unterstellen halte er "für sehr weit hergeholt, wenn man den Beruf sieht, den Richter ausüben".

Den verräterischen Sitzungsbericht der Staatsanwältin Klokocka mitsamt dem handschriftlichen Vermerk des Kollegen Grimmeisen erwähnte er knapp in einem Nebensatz, ohne ihn irgendwie zu bewerten. Dann forderte er für den Rechtsanwalt Lucas eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten, die nur zur Bewährung ausgesetzt werden könne, wenn gleichzeitig ein dreijähriges Berufsverbot verhängt werde.

Stephan Lucas war sichtlich erschüttert. "Ich habe die Anklage der Staatsanwaltschaft stets als Versuch empfunden, einen als lästig empfundenen Strafverteidiger zu disziplinieren", sagte er in seinem Schlusswort. Unter dem Eindruck der drakonischen Strafforderung des Staatsanwalts fügte er hinzu: "Heute weiß ich, es ist der Versuch, diesen Strafverteidiger zu vernichten." Das Urteil soll am 1. April verkündet werden.