bedeckt München 27°

Landespolitik:Diese Frau könnte die bayerische SPD aus der Krise holen

SPD Winterklausur Kloster Irsee

Natascha Kohnen ist bereits seit 2009 Generalsekretärin der SPD, aber dennoch nur wenigen Menschen in Bayern ein Begriff.

(Foto: Andreas Reimund/picture alliance)

Umfragetief und zwei Genossen in Untersuchungshaft: Natascha Kohnen gilt plötzlich als Hoffnung der SPD. Manche sehen in der Generalsekretärin den Martin Schulz Bayerns.

Die Erste tippt Natascha Kohnen auf die Schulter. "Soll ich Ihnen die Daumen drücken? Damit für die SPD endlich wieder was nach vorne geht?" Schon sind die Daumen in der Luft, wie für einen Rennfahrer, der gleich durchstartet. Die Zweite reißt die Arme hoch, als sie Kohnen sieht, ruft: "Ein Neubeginn!"

Es ist der Neujahrsempfang von Unterhaching. Ein Sportzentrum, grüne Girlanden, Blasmusik. Die Freiwillige Feuerwehr macht die Bierbar. Der Bürgermeister hat seine silberne Festtagskette um. Ihm die Hand schütteln und dann ein Häppchen mit Griebenschmalz. Das sind so die Highlights eines Neujahrsempfangs. Dieses Jahr aber fallen sie Natascha Kohnen, 49, in die Arme. Da kommt schon die Nächste. "Alles Gute!"

Korruptionsaffäre in Regensburg Regensburger OB Wolbergs wegen Korruptionsaffäre suspendiert
SPD-Politiker

Regensburger OB Wolbergs wegen Korruptionsaffäre suspendiert

Weil gegen den SPD-Politiker der dringende Tatverdacht der Bestechlichkeit besteht, wird er vorläufig seines Dienstes enthoben. Damit soll weiterer Schaden vom Amt und der Stadt Regensburg abgewendet werden.

Ist die SPD-Generalsekretärin Kohnen für die Bayern-SPD der Neuanfang, nach dem in letzter Zeit nicht wenige in der Partei rufen? Kann sie die SPD in Bayern aus ihrem 14-Prozent-Tief holen, die Wähler vergessen lassen, dass zwei Genossen gerade in Untersuchungshaft sitzen wegen Bestechung beziehungsweise sexuellen Missbrauchs? Ja! Ja! Ja! - jubelt es Kohnen in ihrem früheren Wohnort Unterhaching entgegen. Und sie? Traut sich so einiges zu, heißt es. Offiziell aber schweigt sie natürlich. Schließlich gibt es da noch Florian Pronold, den Landesvorsitzenden.

Mit ihm arbeitet Kohnen jetzt seit acht Jahren zusammen. Generalin und Vorsitzender, dagegen ist die Ehe eine distanzierte Angelegenheit. Eine Generalin, die gegen den eigenen Chef antritt, das ist vorsichtig ausgedrückt nicht die feine Art. "Königsmörderin" nennen manche so was sogar. Auch wenn gemeine Stimmen bemerken, Pronold sei doch eher ein 14-Prozent-Baron als ein König. Wird die Baronin bald Kohnen heißen? Und wie könnte sie das anstellen?

Kohnen macht ihre Runde beim Neujahrsempfang, vorbei am Schützenkönig und am Faschingsprinzenpaar. Hände, die ihr zur Begrüßung entgegengestreckt werden, ignoriert sie konsequent. Ein Kuss auf die Wange oder eine Umarmung, drunter macht es Kohnen nicht, auch wenn sie einen nicht so gut kennt. Es ist kein gefühlvolles Hippie-Umarmen, wie es Claudia Roth etabliert hat, sondern eins mit Ruhrpott-Charme. Ein festes, herzliches Kumpeldrücken. Dann Bier vom Feuerwehrmann und dazu noch dieses haudegenhafte Hochziehen der Oberlippe, wenn sie spricht. Kein Politsprech, sondern frei Schnauze, offen raus, nicht hintenrum. Das sei ihr Politikstil, sagt sie.

"Ich mach euch nicht den Söder"

Den wollte Pronold, als er Kohnen vor acht Jahren zur Generalsekretärin machte. Sie sind ein Duo, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Er, der Politprofi, mit 16 schon bei den Jusos. Sie Quereinsteigerin, SPD-Eintritt mit 34, davor Biologin und Lektorin für Schulbücher, die bei Kakteen ins Schwärmen kommt. Er der Steife, sie die Lockere. Er eher in gewohnten Bahnen unterwegs, sie offen für Experimente. Dazu gehört auch: eine untypische Generalsekretärin sein. "Ich mach euch nicht den Söder", kündigte Kohnen 2009 an.

Als wadlbeißende Kampftruppe des Vorstands hat sie sich nie gesehen. Besonnen, unaufgeregt sei Kohnen. Eine, die viel reist, eher im Hintergrund ihr Netzwerk spinnt, als die große Öffentlichkeit zu suchen. Die am Anfang kaum auffiel, aber sich etwa bei den Gewerkschaften einen Namen gemacht habe und immer perfekt vorbereitet sei. So sagen es die einen. Farblos, ohne Profil, nicht kantig genug, so reden die anderen. Fragt man dort, für was Kohnen steht, heißt es: "Da fällt mir auch nach langem Nachdenken nichts ein."

An eines aber erinnern sich alle: Kohnens Wutrede im Landtag vor etwa einem Jahr. Spontan haute sie dort der CSU ihr "populistisches Rumgeplärre" um die Ohren und wurde über Nacht zum Facebook-Star und sogar Gast bei Maischberger. Auch für ihre Arbeit im Bundesvorstand seit Dezember 2015 finden manche lobende Worte. Kohnen traue sich, immer wieder ihre Hand zu heben, auch wenn Sigmar Gabriel schon dreimal die Augen verdreht hat. Zum ersten Mal seit langem würden durch sie im Bund endlich wieder bayerische Interessen vertreten.

Bayerischer Landtag Natascha Kohnen macht mit einem Facebook-Video Karriere
Bayerischer Landtag

Natascha Kohnen macht mit einem Facebook-Video Karriere

Und schon wird die bayerische SPD-Generalsekretärin als mögliche Spitzenkandidatin für die nächste Landtagswahl gehandelt.   Von Daniela Kuhr und Wolfgang Wittl

Ihr Verhältnis zu Pronold sei "nicht herzlich, aber loyal". Kohnen hat ihre Unterstützer und das nicht nur in Unterhaching. Sie hat aber auch Gegner. Nur etwa fünf Prozent kennen Kohnen, und das unter SPD-Anhängern, zitiert einer die letzte Umfrage. "Da kann es doch gleich ein Unbekannter machen." Das wäre dann wirklich ein Neuanfang, denn wer acht Jahre lang Generalsekretärin ist, könne nicht für Aufbruch stehen.