Grauer Putz bröckelt ab, einige Fenster sind kaputt und im Inneren steht Sperrmüll. So sieht das Bahnhofsgebäude von Furth im Wald aus. Auf den ersten Blick lässt nichts erahnen, dass in dieser 9000-Einwohner-Stadt nahe der tschechischen Grenze in diesem Jahr die Landesgartenschau stattfindet. „Furth ist keine reiche Stadt“, sagt auch Heidi Wolf, die Pressesprecherin der Landesgartenschau.

Dass kleinere Städte Landesgartenschauen veranstalten, ist keine Selbstverständlichkeit. Tittmoning an der österreichischen Grenze sollte die Landesgartenschau für das Jahr 2026 ausrichten. Doch eine Bürgerinitiative sammelte Unterschriften für einen Bürgerentscheid, woraufhin der Stadtrat von Tittmoning einen Rückzieher machte. Auch in Furth im Wald gab es erst Zweifel in der Bevölkerung, ob sich die hohen Investitionen lohnen. Doch die Zuversicht überwog am Ende.
Vom Bahnhof in Richtung Ortskern laufend überquert man die Kalte Pastritz, einen kleinen Stadtbach. Hier wird zum ersten Mal deutlich, dass in diesem Örtchen seit dem Wochenende die wichtigste Gartenschau des Landes läuft. Ein paar Tage vor der Eröffnung bewässern ein halbes Dutzend Bauarbeiter den Rasen, streichen und verputzen die Brücke am neu angelegten, renaturierten Flussbett.
Während sich die Kalte Pastritz in ihrem neuen, teuren Flussbett rekeln darf, stehen in der Nachbarstraße verlassene Häuser und Läden. In einem Laden namens „Criss Cross Corner“ ist nur noch ein „Parken-verboten“-Schild im vergilbten Schaufenster zu sehen. Gleichwohl ist die historische Innenstadt durchaus hübsch – nur eben nicht alle Straßen.

2018 hatte Furth den Zuschlag für die Landesgartenschau erhalten, 2023 begannen die Bauarbeiten. Kosten insgesamt: 25 Millionen Euro. Die Stadt Furth muss davon nur neun Millionen selbst tragen, der Rest wird unter anderem von der Europäischen Union und der bayerischen Staatsregierung gefördert. Dennoch: Neun Millionen Euro sind eine ordentliche Summe für eine Stadt wie Furth. Insbesondere, weil zum Zeitpunkt des Zuschlags für die Gartenschau die wirtschaftliche Lage in Deutschland und auch in Furth noch rosiger war. Die Stadt erhält außerdem wegen der neuen Schulden durch die Gartenschau seit 2022 keine Stabilisierungshilfen mehr vom Land Bayern.
Rechnet sich das? Wenn es nach dem Further Bürgermeister Sandro Bauer (CSU) geht: ja. Es habe einen „enormen Investitionsstau“ gegeben, meint Bauer, der jetzt abgebaut werden könne. Er hofft auf eine Entwicklung der Stadt: mehr Gäste und „Besuchsanlässe“ in der Innenstadt und weniger Leerstand.
Als Entwicklung lassen sich auch die letzten Jahrzehnte der Stadt beschreiben. Furth war immer Grenzstadt. Erst zum Ostblockstaat Tschechoslowakei, seit 1990 zu Tschechien. „Ein schwieriges Schicksal“, meint Tobias Appl, Bezirksheimatpfleger im Landkreis Cham. Doch es gab auch gute Seiten: Der Waren- und Güterverkehr über die Grenze wurde hier abgewickelt, Speditionsunternehmen siedelten sich an.
Nach dem Fall der Mauer dann die Zäsur: Die Speditionsunternehmen machten dicht, viele Firmen wanderten ins billigere Tschechien ab, erzählt Appl. Gleichzeitig seien nach der Wende auch viele Menschen aus Tschechien zum Arbeiten nach Furth gekommen, so Bürgermeister Bauer. Die Firmen gingen, die Arbeiter kamen.
In den vergangenen zehn Jahren habe sich der ganze Landkreis um Furth zu einer wirtschaftlich dynamischen Region entwickelt „mit nahezu Vollbeschäftigung“, sagt Bezirksheimatpfleger Appl am Telefon, nicht ohne Stolz in der Stimme. Auch die Nachbarregion Pilsen in Tschechien entwickle sich gut, die ganze Region wachse zu einer gemeinsamen Wirtschaftsregion zusammen.
Trotz der wirtschaftlichen Entwicklung gab es jüngst Probleme: 2024 meldete eines der größten Unternehmen der Region, der Automobilzulieferer Flabeg, zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren Insolvenz an. 2025 dann die Meldung vom Insolvenzverwalter: Der Betrieb wird nicht fortgeführt, das Aus für die knapp 200 Beschäftigten am Standort.
300 000 Besuche werden erwartet
Nun also Landesgartenschau. Vom 22. Mai bis 5. Oktober wird es 137 Tage lang Programm geben. Es wird um Gärten und Bienen gehen, aber auch um deutsch-tschechische Freundschaft und Kultur. Auftreten sollen unter anderem der deutsche Popsänger Joris sowie die ehemaligen Wintersportler Felix Neureuther und Laura Dallmeier. Mit 300 000 Besuchen rechnet die Gartenschau, sagt Pressesprecherin Wolf. Auch viele Besucher aus Tschechien erwartet sie, dort hätten sie viel Werbung gemacht. „Denn wir sind nur mit 360 Grad rundherum komplett“, meint Wolf mit Blick auf die tschechische Grenzregion.

Die Bevölkerung denke bei einer Landesgartenschau erst einmal an eine „Blümchenwiese“, sagt Bürgermeister Bauer. Und in der Tat, das Erste was man auf dem Hauptgelände der Gartenschau erblickt, sind Blumen, die in Rot, Pink und Lila um die Wette blühen. Die Beete sind fein säuberlich angelegt, daneben glänzt der Rollrasen in saftigem Grün, vermutlich gerade erst verlegt. Schön anzusehen ist auch der Brückenloop, eine Brücke mit rotem, geschwungenem Geländer, die sich wie ein Drachenschwanz einmal im Kreis über zwei Bäche legt. Furth ist überregional bekannt für seinen jährlichen „Drachenstich“, ein 500 Jahre altes Volksschauspiel mit einem Feuer speienden Roboter-Drachen.
Dann ist da noch die Parkarena, das Leuchtturmprojekt im Leuchtturmprojekt Landesgartenschau. Wie eine überdimensionierte Strandmuschel wölbt sie sich über das Gelände. Bis zu 500 Menschen sollen auf den Steintribünen der Arena Kulturveranstaltungen genießen können. Das Dach ist eine Holzkonstruktion, die wabenförmig angelegt ist und von einer Membran umspannt wird. Das sei nachhaltig und habe Holz gespart, erklärt Peter Hickl vom zuständigen Architekturbüro PH2. Doch auch hier ist der nachhaltige Bau nur die eine Seite, denn es wird eine Herausforderung sein, diese Parkarena in den nächsten Jahren zu bespielen, das lässt auch Bürgermeister Bauer durchklingen.

Also neun Millionen für eine große Strandmuschel und ein paar Blumen? So einfach ist es nicht. In der Landesgartenschau seien auch städtebauliche Maßnahmen enthalten, betont Bauer. Wie der modernisierte Postgartenweg an der Kalten Pastritz. Dazu zwei neue Spielplätze. Das ist besagter Investitionsstau, den Bürgermeister Bauer meint. Die Fördermittel hätten nun geholfen diesen abzubauen.
Doch es gibt versteckte Kosten, wie Stefan Zeller, Fraktionssprecher der Grünen im Further Stadtrat, kritisiert. Die Förderung für die Straßensanierung wäre auch ohne Gartenschau gekommen. Dazu der Verlust der Stabilisierungshilfen und zwei dauerhafte Gärtner, die von der Stadt bezahlt werden müssen, um die Grünanlagen zu erhalten. All das müsse man gegenrechnen, so Zeller.
Hinzu kommt der Schuldenstand: Im Jahr 2025 sind es 17,1 Millionen Euro – doppelt so hoch wie noch vor zwei Jahren. In den Jahren 2026 und 2027 stünden nur noch 470 000 Euro an freien Mitteln zur Verfügung, rechnet Zeller vor. Im Jahr 2028 sollen es nur noch 296 000 Euro sein. Mit der Gartenschau lege sich „der Stadtrat haushälterische Fesseln für die Zukunft an“, hält der Fraktionssprecher in seiner Haushaltsrede fest. Das Geld reiche gerade noch so für die kommunalen Pflichtaufgaben.
„Furth im Wald hat Mut“
Zu den kommunalen Pflichtaufgaben zählt das Further Hallenbad nicht, das nur einen Steinwurf vom glänzenden Gartenschaugelände entfernt liegt. Ein alter Betonbau mit milchigen Fenstern, bei dem unter dem Vordach die Spinnweben hängen. Die Pläne für Renovierung oder Neubau sind in der Schublade, lässt Bauer wissen. Doch wann sie finanzierbar sind: offen.
Trotz des finanziellen „Abers“ ist die Vorfreude auf die Gartenschau greifbar in Furth. Bei der Bäckereiverkäuferin, die sich als Elisabeth vorstellt, hat es keine Überzeugungsarbeit gebraucht: „Endlich ist mal was los hier.“ Eine ältere Frau, die draußen vor der Bäckerei den Kaffee in der Sonne genießt, findet, die Gartenschau passe zu Furth. Eine Mutter mit einer kleinen Tochter, freut sich über die „ganzen Straßen, die neu gemacht wurden.“ Nur dass die Bodenbereiche der neuen Bäume „mit Steinen zu gekippt werden“, missfällt ihr.

„Furth im Wald hat Mut“, hält Bezirksheimatpfleger Appl fest. Die Rahmenbedingungen seien nicht die Besten, „aber die Stadt hat sich immer was getraut.“ Zum Beispiel als sie sich einen 14 Meter langen Schreit-Roboter gekauft habe, der den Drachen in Bewegung setzt, der beim Volksfest des Further Drachenstichs die Hauptattraktion ist. Furth im Wald denke sehr kulturpolitisch, so Appl.
Kurz vor der Eröffnung der Gartenschau wird überall im Ort gehämmert und gebohrt, gemalt und lackiert, gefegt und geputzt. Man kann keine drei Meter laufen, ohne Bauarbeitern zu begegnen, die gerade Holzlatten tragen oder eben Steine an Bäume kippen. Selbst ein Hausbesitzer steht auf einer Hebebühne und putzt seine Fassade. Furth im Wald macht sich schick für die Besucher, die kommen – und das neue Image der Grenzstadt in die Welt tragen sollen. Damit sich das ganze Geld auch gelohnt hat.
- Landesgartenschau Furth im Wald
- Geöffnet vom 22. Mai bis 5. Oktober 2025
- Die Kassen sind von 9 bis 17 Uhr geöffnet, das Gelände ist bis zum Einbruch der Dunkelheit offen
- Die Tageskarte kostet für Erwachsene 19,- Euro

