ErinnerungskulturDer Weg ist frei für eine neue KZ-Gedenkstätte in Bayern

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Der letzte Bunkerbogen im Mühldorfer Hart wird in seiner betonierten Erhabenheit das wohl schwierigste Element der mehrteiligen Gedenkstätte sein.
Der letzte Bunkerbogen im Mühldorfer Hart wird in seiner betonierten Erhabenheit das wohl schwierigste Element der mehrteiligen Gedenkstätte sein. Matthias Köpf

Im Wald bei Mühldorf sollten KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene während der Nazi-Herrschaft unter widrigsten Umständen eine unterirdische Flugzeugfabrik bauen. Jetzt gehört das Gelände nach langen Verhandlungen endlich dem Freistaat.

Von Matthias Köpf, Waldkraiburg

80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft in Deutschland ist der Weg frei für einen weiteren Gedenkort in Bayern. An einem großen Bunkerbogen am ehemaligen KZ-Außenlager im Mühldorfer Hart kann nach dem Abschluss langwieriger Grundstücksverhandlungen das dritte und größte Element der lange geplanten Gedenkstätte entstehen. Die ersten beiden Elemente im Wald zwischen Mühldorf und Waldkraiburg waren 2018 eröffnet worden.

Dort erinnern zwei Installationen an das Gefangenenlager im Wald und an das Massengrab, in dem mehr als 2000 getötete KZ-Häftlinge verscharrt worden waren. Doch der augenfälligste Rest der einstigen Anlage ist ein riesiger Bunkerbogen aus Beton. Er war noch auf dem Kiesberg aufgesessen, über dem er gegossen worden war. So hatte er nach dem Krieg der Sprengung durch die US-Army widerstanden. Als einer von zwölf solchen Bögen hätte er Teil einer halb im Boden vergrabenen, insgesamt 400 Meter langen Flugzeugfabrik werden sollen, die aber bis zum Kriegsende nicht fertig geworden war.

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Wegen seiner betonierten Erhabenheit gilt der Bogen als das gestalterisch schwierigste Element der Gedenkstätte. Niemand soll in Zukunft noch aufsehen müssen zu diesem Relikt der NS-Zeit. Doch auch die Eigentumsverhältnisse waren schwierig. Die rund 17 Hektar große Fläche war bisher in zahlreiche lange Streifen mit etwa zwei Dutzend unterschiedlichen kommunalen, kirchlichen und überwiegend privaten Eigentümern zerteilt. Die Verhandlungen über Tauschgeschäfte mit den Staatsforsten zogen sich hin. Doch seit Mittwoch gehört die Fläche komplett dem Freistaat, wie die Stiftung Bayerische Gedenkstätten tags darauf mitteilte.

Ihr gilt der Bunkerbogen im Wald als „eines der wichtigsten baulichen Zeugnisse nationalsozialistischer Zwangsarbeit in Bayern“ und als das „zentrale Relikt des ehemaligen KZ-Außenlagerkomplexes Mühldorf“. Stiftungsdirektor Karl Freller dankte allen bisherigen Eigentümern. „Die Übernahme dieses historisch hoch bedeutsamen Geländes ist ein starkes Zeichen für die Verantwortung des Freistaats im Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe“, betonte Freller. Sie sei die „zentrale Voraussetzung dafür, das Areal dauerhaft zu sichern, historisch einzuordnen und als authentischen Ort des Erinnerns und Lernens weiterzuentwickeln“.

Gedacht werden soll im Mühldorfer Hart vor allem der mehr als 8000 Häftlinge aus dem KZ Dachau und der rund 1700 Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die von Sommer 1944 an in fünf Außenlagern nahe Mühldorf zusammengepfercht wurden. Sie sollten unter anderem im Wald die Fabrik für düsengetriebene Kampfflugzeuge vom Typ Me 262 bauen. Etwa die Hälfte von ihnen wurden ermordet, starben an den unmenschlichen Bedingungen im Lager und bei der Arbeit, wurden in Vernichtungslager deportiert oder kamen bei Todesmärschen um.

Vom Gelände um den Bunkerbogen waren bis 2021 mit großem Aufwand Munitions- und Sprengstoffreste entfernt worden. Nach dem Krieg hatten die Amerikaner dort noch große Mengen Munition der Wehrmacht gesprengt. Nun soll das bisher frei zugängliche Gelände nach Angaben der Stiftung gesichert und archäologisch untersucht und dazu vorerst für die Öffentlichkeit gesperrt werden.

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