KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Wie aktuelle Fotos an den Holocaust erinnern sollen

Die Ausstellung "Family Affair. Israelische Porträts" in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ist noch bis April kommenden Jahres zu besichtigen.

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Die KZ-Gedenkstätte in Flossenbürg will die Erinnerung an die Verbrechen während der NS-Diktatur wachhalten - mit einer überraschenden Ausstellung.

Von Franziska Brüning, Flossenbürg

Wer eine KZ-Gedenkstätte besucht, bringt viele Bilder im Kopf mit. Von Häftlingen und Nazis etwa, von Terror und Demütigungen. Womit er vermutlich nicht rechnet, ist das Porträt eines homosexuellen Paares von heute, das in Tel-Aviv lebt und drei Kinder großzieht. Die Regenbogenfamilie Baroz-Shacham ist Teil der neuen, in vielerlei Hinsicht überraschenden Wechselausstellung "Family Affair. Israelische Porträts", die derzeit in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und damit erstmals in Deutschland gezeigt wird.

Zehn Jahre lang ist die Fotografin Reli Avrahami mit ihrem Mann Avner, einem Journalisten, durch Israel gereist, um für die Wochenendbeilage der Tageszeitungen Haaretz und Maariv Hunderte zufällig ausgewählte Familien zu porträtieren. Das Ehepaar stellte den Menschen dabei immer wieder ähnliche Fragen zu ihren täglichen Angewohnheiten und ihren Träumen, ihrer Herkunft und ihrem Glauben, ihrer Sicht auf die Welt und ihren Beziehungen.

Woche für Woche konnten israelische Leser einen neuen persönlichen Steckbrief entdecken mit einer farbenfrohen Fotografie, zumeist im Wohnzimmer der besuchten Familien aufgenommen. Entstanden ist ein Kaleidoskop der israelischen Gesellschaft, mit allen ihren nationalen, religiösen, sozialen, politischen und ethnischen Spannungen.

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Aber wo nun ausschließlich gesellschaftliche Risse zu vermuten wären, zwischen den Menschen, die eingewandert oder in Israel geboren sind, säkular oder religiös leben, als Juden, Muslime oder Christen, ob Araber oder Europäer, lassen sich erstaunlicherweise viele Gemeinsamkeiten entdecken. Von der Einrichtung des Wohnzimmers über ihre Träume bis zur Gestaltung des alltäglichen Lebens. Jeder ist anders und ähnelt den anderen doch.

"Auf den ersten Blick wirkt die Ausstellung so leicht, aber es geht viel tiefer", sagt Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Tatsächlich mag sich manch ein Ausstellungsbesucher fragen, was das soll, an einem Ort wie diesem. Bunte Fotos wie in einem Magazin, sehr private Texte, bei deren Lektüre man oft schmunzeln muss, und zwei Wohnzimmerecken mit Sesseln, Teppichen und Leseecken, die zum Verweilen inmitten der Ausstellung einladen. Und all das in einem lichten und freundlich anmutenden Raum, der sich - das darf man nicht vergessen - in der ehemaligen Häftlingsküche des Konzentrationslagers Flossenbürg befindet.

Die Gestaltung und der Inhalt der Ausstellung irritieren, nichts ist so, wie man es in einer KZ-Gedenkstätte erwarten würde. "Das muss Kern unserer Arbeit sein, zum Nachdenken anzuregen", sagt Skriebeleit. Er sieht die Ausstellung als einen Versuch, über Debatten zu gegenwärtigen Themen der Erinnerung an die NS-Zeit eine Zukunft zu geben.

Der Test gelingt: Zu Israel oder Konzentrationslagern haben alle eine Meinung. Vieles davon ist genormt. "Family Affair" regt auf subtile Weise dazu an, über das Gesehene nachzudenken und vorgefertigte Ansichten zu hinterfragen, und kommt dabei ganz ohne pädagogische Anleitung aus. Etwa, wenn jüdisch-muslimische Gemeinschaften entstehen, zahlreiche Regenbogenfamilien oder ein Liebespaar mit Behinderung vorgestellt werden.

Auf den ersten Blick mag bei einer solchen Ausstellung an einem solchen Ort die Gefahr bestehen, Israel nur als Konsequenz des Holocaust zu verstehen. Wer sich aber auf die Steckbriefe zu den 72 für die Schau in Flossenbürg ausgewählten Fotos einlässt, bemerkt, dass israelische Familien ganz verschiedene Lebensgeschichten zu erzählen haben.

Es werden genau so Menschen gezeigt, die überhaupt keine Beziehung zum Holocaust haben, wie andere, die sich nach ihren Angehörigen sehnen, die von den Nazis umgebracht wurden. Die Avrahamis porträtieren ganz bewusst auch jüdisches Leben an den Orten, wo ihre Ausstellung gezeigt wird. In Flossenbürg etwa zeigen sie ein Paar aus Tirschenreuth.

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Vielleicht hätte man sich zu Beginn der Ausstellung eine Karte oder ein Faltblatt gewünscht, das knapp die Heterogenität der israelischen Gesellschaft und ihre historische Entstehung erläutert. Die Botschaft versteht man aber auch ohne dieses Wissen: Menschen sind verschieden und keiner ist mehr oder weniger wert als der andere. In Zeiten der Flüchtlingskrise kann man nicht genug daran erinnern.

In der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg verfolgt man den Ansatz einer feinsinnigen Erinnerungsarbeit konsequent weiter: Am 8. September wird der in Israel beliebte Fernsehkoch Tom Franz unter dem Motto "So schmeckt Israel" koschere Gerichte mit dem Team des integrativen Museumscafés zubereiten.

Die Ausstellung "Family Affair" ist bis zum 30. April 2017 täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet, von Dezember an bis 16 Uhr. Eintritt frei.