Kunstauktion in Nürnberg:Was Aquarell und Zeppelintribüne gemeinsam haben

Ein Auktionshaus versteigert ein von Adolf Hitler gemaltes Aquarell. Juniorchefin Kathrin Weidler spricht über die Probleme, Geld mit einem Diktator zu machen - und erzählt, wer sich überhaupt für das Bild interessiert.

Von Olaf Przybilla

Am Samstag kommt im Nürnberger Auktionshaus Weidler ein Aquarell Hitlers unter den Hammer. Ein Gespräch mit der Juniorchefin des Hauses, Kathrin Weidler.

SZ: Frau Weidler, wie kommt es dazu, dass Sie ein Gemälde von Hitler versteigern?

Weidler: Zwei Geschwister aus Hessen, beide um die 70, haben uns mitgeteilt, dass sie ein Aquarell von diesem Maler besäßen. Sie sagten uns, dass sie dieses Gemälde gerne in Nürnberg versteigert haben wollen.

Warum ausgerechnet in Nürnberg?

Sie sagen, dass sie die Diskussion ums ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg mitbekommen hätten. Dass dort 70 Millionen Euro in die Sanierung der Zeppelintribüne gesteckt werden sollen.

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Nun, das Reichsparteitagsgelände geht auf dieselbe Person zurück wie das Bild, das jetzt versteigert werden soll. Die Geschwister finden, dass das gut zusammenpasst.

Warum denn das?

Die beiden staunen über die 70 Millionen, das ist ja Steuergeld. Wenn da ein Bauwerk von Hitler, wenn man so will, vermarktet wird, dann können sie auch das Gemälde zu Geld machen, finden sie. Wenn sich Leute aufregen, warum jemand ein Werk Hitlers versteigern kann - dann müssten sich dieselben Leute auch darüber aufregen, warum man zig Millionen in ein Werk Hitlers steckt, anstatt das verfallen zu lassen.

Um es noch mal klar zu bekommen: Die beiden finden es empörend, dass die NS-Bauten von Nürnberg erhalten werden?

Sie finden es nicht gut, dass in Dinge Geld investiert wird, die von dieser Person stammen. Wenn aber doch Millionen dafür lockergemacht werden, können wir auch Geld mit dem Bild verdienen, sagen sie. Das Aquarell ist übrigens ein besonderes: Immerhin ist die Originalrechnung dabei.

Was ist daran besonders?

Das gab es so noch nicht: dass ein Gemälde vom diesem Maler samt Rechnung auf den Markt kommt. Die Rechnung stammt von der Münchner Kunsthandlung "Gemälde Salon Alois Baldauf", die das Werk wohl im Jahr 1916 verkauft hat. Uns wurde bestätigt, dass an der Echtheit von Werk und Rechnung keinerlei Zweifel bestehen.

Vor neun Jahren haben Sie schon mal Hitler unter den Hammer gebracht. Damals ernteten Sie Empörung. Man fürchtete, dass so was gerade die Stadt Nürnberg in ein schiefes Licht rücken könnte.

Noch mal: Es ist doch gerade die Stadt Nürnberg, die diesen Weg quasi vorgeht. Sie war es ja auch, die das Dokumentationszentrum auf den Weg gebracht hat. Hitlers Hinterlassenschaften sind nun mal da.

Keine Angst vor neuer Empörung?

Ach, die Stadt hat 2005 ja sogar versucht, eine solche Versteigerung verbieten zu lassen. Nur können sie das eben nicht: Da sind keine NS-Abzeichen zu sehen drauf, das ist einfach ein Zeitdokument. Ein zeithistorisches Dokument wie die Zeppelintribüne.

Kunst wie von einem Dorfschullehrer hat ihr Vater das Werk des Malers Hitler mal genannt anlässlich einer Versteigerung.

Ja, hat er. Aber ich werde mich zur Qualität dieser Arbeit nicht einlassen.

Kunstauktion in Nürnberg: Kathrin Weidler, 31, hat kein Problem damit, Geld mit Hitler-Bildern zu machen. Das Auktionshaus ihrer Familie gilt als bekanntestes Nürnbergs.

Kathrin Weidler, 31, hat kein Problem damit, Geld mit Hitler-Bildern zu machen. Das Auktionshaus ihrer Familie gilt als bekanntestes Nürnbergs.

(Foto: privat)

Das "Alte Rathaus", auch als "Standesamt München" bekannt, hat Hitler oft gemalt.

Richtig. Wir haben das Werksverzeichnis des Künstlers eingesehen. Dort findet sich das Motiv in drei Ausführungen, mit unterschiedlichen Bildausschnitten.

Offenbar spekulierte der nicht eben erfolgreiche Künstler darauf, das Standesamtmotiv besser verkaufen zu können.

Dazu kann ich nichts sagen. Aber dass da ein junger Maler versucht hat, irgendwie Geld zu verdienen, dürfte ja klar sein.

Was sind das für Leute, die so was versteigern lassen?

Ganz normale Erben, die keinen Wert darauf legen, ein Werk dieses Künstlers irgendwo im Haus zu haben.

Und die Käufer? Sie haben ja inzwischen allerlei Erfahrungen damit.

Fünf-, sechsmal haben wir Werke dieses Malers versteigert, ja. An unterschiedliche Käufer. Ich habe den Eindruck, die wollen so ein Bild als Dokument aufbewahren.

Und die kommen Ihrer Ansicht nach nicht aus der braunen Ecke?

Überhaupt nicht. Die Kunden kommen vor allem aus dem Ausland, ein internationaler Interessentenkreis. Momentan gehen Angebote aus fast allen Kontinenten ein.

Warum glauben Sie denn, dass Privatleute so was ersteigern? Weil das künstlerisch oder kunsthistorisch so wertvoll ist?

Ich kann nur sagen, dass wir nie Probleme mit den Kunden hatten. Die haben zumeist telefonisch ersteigert, dann bezahlt und abgeholt. Komische Hintergründe waren da nie zu sehen, auffällige Meinungen haben die Käufer ebenfalls nie geäußert.

Werden Sie den Erlös spenden?

Die Geschwister wollen einen Teil davon an Behinderte spenden. Wir haben uns da noch keine Gedanken gemacht. Wir wissen ja noch nicht, was das Bild einbringt.

Wirklich keine Probleme, mit Hitler Geld zu machen?

Wissen Sie, wir haben schon viele Nachlässe von Prominenten unter den Hammer gebracht, auch von solchen, die infrage gestellt werden. Oft wird das ja testamentarisch so verfügt: Ich will, dass mein Nachlass versteigert wird. Hier sagen zwei Leute: Wir wollen das in Verbindung mit Nürnberg versteigert haben. Dafür sind wir da.

© SZ vom 19.11.2014/infu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB