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Kunst:"Was ist dann noch ein Denkmal?"

"Sphere" von Fritz König auf Round Zero, 2001

Fritz Koenigs Kunstwerk "The Sphere" erlangte am 11. September 2001 traurige Berühmtheit. Die Kugel überstand den Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers in New York.

(Foto: Reuters)

Die Stadt Landshut muss entscheiden, wie sie mit dem Nachlass des Weltkünstlers Fritz Koenig umgeht. Kritiker befürchten eine Zerschlagung seiner Sammlung, OB Putz sieht sich zu Unrecht am Pranger.

Von Hans Kratzer, Landshut

Wenn das Palaver über einen Künstler nach seinem Tod partout nicht verebbt, sondern sogar anschwillt, dann steigt auch der Wert seiner Hinterlassenschaft. Bei dem Landshuter Bildhauer Fritz Koenig ist das eindeutig der Fall, das zeigt das laute Ringen und Debattieren, das seinetwegen gerade im Gange ist. Im Februar 2017 ist Koenig hochbetagt im 93. Lebensjahr gestorben, aber die Diskussion um sein Lebenswerk, seine Bedeutung und vor allem um seinen wertvollen Besitz hat erst jetzt so richtig Fahrt aufgenommen. Auslöser der Debatte war das Münchner Auktionshaus Ruef, das kürzlich im Katalog einige Biedermeierstühle und -sekretäre aus dem Anwesen von Koenig auflistete.

In der Kunstwelt blieb diese Entwicklung nicht unbeachtet. Freunde und Vertraute von Fritz Koenig reagierten darauf mit Verwunderung und scharfem Protest. Der in Landshut aufgewachsene Journalist Dieter Wieland, populär geworden durch seine Dokumentarfilme im Bayerischen Fernsehen, warnte vor dem Ausverkauf des Koenig-Domizils. "Das Anwesen Ganslberg muss erhalten bleiben", sagte er, "es ist etwas ganz Besonderes, eine bäuerliche Künstlerresidenz von diesem Format kenne ich sonst nicht."

Fritz Koenig hatte den Vierseithof in Ganslberg, einige Kilometer nordwestlich von Landshut, Anfang der 1960er-Jahre zusammen mit seiner Frau Maria errichtet. Dort züchtete er unter anderem Araberpferde. Die Aura des seit dem Tod des Künstlers verlassenen Hofs und seiner Umgebung berührt einen noch heute. Gerade jetzt, wenn die Blätter auf dieses architektonische Kleinod sowie auf die darum herum platzierten Kunstwerke fallen und diese melancholisch verhüllen. In diesem Zustand offenbart sich vollends der Sinn für räumliche Gestaltung, den Koenig in hohem Maße besaß. Das Anwesen Ganslberg wirkt selbst im Totenmonat November wie ein wunderbares, denkmalartiges Gesamtkunstwerk.

Fritz Koenig geht 2016 durch die Figurensammlung auf seinem Hof in Ganslberg bei Landshut.

(Foto: Peter Litvai)

Wieland hegt deshalb keinen Zweifel an dessen Schutzwürdigkeit: "Wenn nicht dieses Haus, was ist dann noch ein Denkmal?" Ein klarer Fall also für das Landesamt für Denkmalpflege, der obersten Instanz für derlei Fragen. Dort erfährt man, das Anwesen sei bereits im Sommer bei einer Begehung auf seine Denkmalwerte hin geprüft worden.

Das Ergebnis fiel für die Koenig-Verehrer ernüchternd aus. Zum Zeitpunkt der Besichtigung waren schon alle im Haus befindlichen Kunstgegenstände mitsamt der berühmten Afrika-Sammlung des Künstlers in das Skulpturenmuseum sowie in Depots nach Landshut überführt worden. Eine Denkmalwürdigkeit sei hier nicht gegeben, da die Bedeutung des Anwesens im Privaten und nicht, wie es notwendig wäre, auf der Meta-Ebene der Geschichte liege, urteilte das Denkmalamt auf der Grundlage des Artikels 1 des Denkmalschutzgesetzes.

Der Filmemacher Percy Adlon, der fünf Dokumentarfilme über Koenig gedreht hat, bezeichnete die Bewertung des Denkmalamts als "blamabel". Ganslberg und das Schaffen des Weltkünstlers sind aus seiner Warte auf keinen Fall zu trennen. Der Film "Koenig zeichnet" sei nach dem gemeinsamen Besuch von Ground Zero entstanden, erzählte Adlon. "Das war der Moment größter Faszination. Wie sich Koenig auf den Sattel setzt, anfängt zu zeichnen, das Blatt wegwirft, ein neues Blatt beginnt, wieder vom Tisch wischt und wieder beginnt, bis es gelingt. Wie er mit Kreide Skulpturen auf Papier schuf. Die Zeichnungen haben Körper. Das ist Spiel, das ist Spaß, Tanz, Erotik..."

Die Filme hätte es ohne die besondere Atmosphäre des Ganslbergs nicht gegeben, erklärte Adlon. Und das Werk Koenigs auch nicht. "Es ist unbegreiflich, dass sich nicht alle darum reißen, diesen besonderen Ort zu erhalten." Die Landshuter werden sich blamieren, wenn die Uffizien in Florenz die Koenig-Schau zeigen und die ganze Welt vergebens nach dem Woher fragt, davon ist Adlon fest überzeugt.

Fritz Koenig hatte den Vierseithof in Ganslberg, einige Kilometer nordwestlich von Landshut, Anfang der 1960er Jahre zusammen mit seiner Frau Maria errichtet.

(Foto: Hans Kratzer)

Die Uffizien werden im Sommer eine Ausstellung über Koenig zeigen, eine seltene Ehre für einen Künstler. Sein internationaler Ruhm wird dadurch gewiss einen kräftigen Schub bekommen, wie schon nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York im September 2001. Auf der Plaza davor stand seit 1972 sein berühmtestes Kunstwerk, die "Große Kugelkaryatide", die aus heutiger Sicht ein Stück Weltgeschichte symbolisiert.

"Es war ein Risiko, die Afrika-Sammlung in Ganslberg zu belassen"

Wie durch ein Wunder war die Kugel fast unversehrt aus den Trümmern des Infernos geborgen worden. Für die Amerikaner wurde "The Sphere", wie die Skulptur in den USA genannt wird, zur Ikone der Hoffnung für ihr erschüttertes Land. Um die mehr als sieben Meter hohe und 25 Tonnen schwere Plastik zu formen, errichtete Koenig 1967 eigens eine Werkhalle unterhalb seines Hofs in Ganslberg. Auch sie besteht noch immer, und man kann sich leicht ausmalen, welchen Eindruck sie auf amerikanische Besucher machen würde.

Schon das zeigt, wie wichtig der Ganslberg für das Verständnis von Koenigs Schaffen ist. Es gibt ähnlich gelagerte Fälle, etwa die Tuften am Tegernsee, das ehemalige Wohnhaus des Dichters Ludwig Thoma, in denen ein Haus idealtypisch die Persönlichkeit des Besitzers abbildet. 1993 hatten Koenig und seine Frau Maria ihren Besitz in Form einer Stiftung an die Stadt Landshut übergeben. Diese errichtete dafür das reizvoll gelegene Skulpturenmuseum im Hofberg, in dem ausschließlich Koenig-Werke ausgestellt werden. Er ließ es nicht zu, dass dort andere Künstler Eingang fanden. Dass sich am Konzept kaum etwas änderte, schwächte aber die Vitalität des Museums. Die Ausstellung "Fritz Koenig. Aufstellung" wird seit 2008 gezeigt, der deutliche Rückgang der Besucherzahlen verwundert deshalb nicht.

Das Verhältnis zwischen Stadt, Stiftung und Künstler gestaltete sich oft schwierig, weshalb auch hier das alte bayerische Sprichwort gilt: Wo der Pfennig geschlagen ist, gilt er nichts. Auch wenn er als ein Weltkünstler gilt: Koenig und sein Werk sind vielen Landshutern egal. Daraus lässt sich leicht der Verdacht ableiten, einer Zerschlagung des Koenig'schen Gesamtwerks und seiner Sammlungen, selbst seiner formidablen Afrika-Sammlung, würden nur wenige bedauern.

Nach Koenigs Tod fiel dessen gesamter Besitz an die Stiftung Koenig, deren Vorsitzender der Landshuter Oberbürgermeister Alexander Putz (FDP) ist. Er wiederum verwehrte sich im Gespräch mit der SZ vehement gegen "die lancierten Gerüchte, an denen überhaupt nichts dran ist." Es gebe keine Bemühungen, das Anwesen Ganslberg zu veräußern, sagte Putz. Die dort gelagerten Objekte hätten aber dringend gesichert werden müssen. "Es war ein Risiko, die Afrika-Sammlung in Ganslberg zu belassen, aber Koenig wollte es so." Nun lagere alles in einem geschützten Depot.

Putz bestätigte die Anfrage im Auktionshaus wegen Veräußerung einiger Stücke. "Es muss ja auch Geld in die Stiftung kommen, aber ein Ausverkauf ist das mitnichten." Er glaubt, das Koenig'sche Erbe sei eine politische Spielwiese geworden, vielleicht auch deshalb, "um mir auch ans Bein zu pinkeln". Putz kündigte für 2018 ein großes Fritz-Koenig-Jahr an. 25 Jahre Stiftung, 20 Jahre Skulpturenmuseum und die Ausstellung in den Uffizien, es gebe die besten Gründe dafür. "Wenn es Wege gibt, das Anwesen Ganslberg zu erhalten, wird das gemacht," sagte Putz. Die Stadt allein könne es aber nicht stemmen, da sei die Hilfe aller gefragt. Auch im Skulpturenmuseum soll sich vieles ändern. "Wir werden künftig auch andere Künstler reinstellen. Wir werden die tolle Werbung durch Florenz für Landshut nutzen."

© SZ vom 11.11.2017/mkro
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