Manche sagen, der Hofmaler Joseph Karl Stieler hätte den Trend ausgelöst. Einige Jahre nachdem König Max I. Joseph das säkularisierte Benediktinerkloster in eine Sommerresidenz verwandelt hatte, kaufte er sich ein Grundstück auf der Tegernseer Point. 1829 baute er sich dort ein Sommerhaus mit Atelier. Andere Kollegen folgten, vielleicht auch ein wenig der kaufkräftigen Kundschaft wegen.
Doch das Licht ist magisch, in das der See und die ihn umgebenden Berge besonders in den Nachmittagsstunden getaucht sind. August Macke etwa zog dafür mit seiner Familie ein Jahr lang an den See. Olaf Gulbransson erwarb in dieser Künstlerlandschaft 1929 den Schererhof, der steil am Hang des Ostufers gelegen ist. Die Niederungen des Alltags lassen sich an einem Ort wie diesem schon einmal vergessen.
Zero über der Wasseroberfläche

„Meine Kunst ist auch eine Art Opposition gegenüber der Hässlichkeit der Welt und gegenüber den Mächten, die hemmungslos zerstören, was andere aufgebaut haben.“ Der knappe Kommentar des Künstlers Heinz Mack beschreibt gut den neuen „Licht-Raum“, den er frisch für die aktuelle Zero-Ausstellung im Tegernseer Olaf Gulbransson Museum konzipiert hat.
Der Galerist und Kunstsammler Michael Beck ist der Sohn des Post-Expressionisten Herbert Beck, der 1948 gemeinsam mit Olaf Gulbransson und weiteren Künstlern die Tegernseer Kunstausstellung ins Leben gerufen hatte. Seit 2020 ist Michael Beck der Vorstandsvorsitzende der Olaf Gulbransson Gesellschaft, und als er begonnen hat, die Ausstellung zu Macks 95. Geburtstag zu planen, wagte er nicht, auf neue Werke des Zero-Mitbegründers zu hoffen. „Doch Heinz Mack wollte unbedingt einen Licht-Raum entwickeln“, sagt Beck.
Praktisch, dass der unterirdische Sonderausstellungsraum des Museums, für dessen Bespielung die Gesellschaft zuständig ist, vom Treppenhaus in zwei offene Säle geteilt wird. In einem glänzen und vibrieren nun Macks kinetische Skulpturen und Metallbilder. Der zweite Raum zeichnet mit einer Fülle an Exponaten die internationale Zero-Bewegung nach, die in den späten Fünfzigerjahren den radikalen Neuanfang in der Kunst suchte.
Dass Mack trotz seines Alters noch künstlerisch aktiv ist, davon zeugen die zwei Lichtreliefs aus dem Jahr 2025, die er eigens für die Ausstellung schuf. Wie viele von seinen Arbeiten lebt deren silbrig schimmernde Oberfläche – ähnlich der eines Sees – von der flirrenden Lichtbrechung, die sich je nach Standpunkt des Betrachters ändert.
Auch die alten Arbeiten sind bestechend, die nun am Tegernsee gezeigt werden. „Lichtgitter im Raum“ (1961) besteht aus 18 verchromten, in sich verdrehten Messingstäben. Dreht man sie leicht an – was natürlich nur Michael Beck mit Handschuhen darf –, setzen sie sich in Bewegung, entwickeln eine Dynamik, die allerdings mehr im Auge des Betrachters entsteht als in der Realität. Entgegen der Wahrnehmung hüpfen die Stäbe nicht nach oben und unten, sie drehen sich nur leicht.
Bis heute geht es Mack nicht darum, irgendwelche Geschichten zu erzählen. Er experimentiert mit der Form, um die Wahrnehmung zu steigern. Das galt schon für den Licht-Raum, den er gemeinsam mit seinen Kollegen Günther Uecker und Otto Piene auf der Documenta III (1964) einrichtete. Mack und Piene hatten 1958 die Düsseldorfer Zero-Bewegung ins Leben gerufen, Uecker stieß wenig später dazu.

„Zero“ nannten sie ein Magazin, das sie gemeinsam herausgaben. Der Name setzte sich fest, er passte einfach gut. Kunst von Null weg, also ganz neu gedacht. Neben ausgezeichneten Arbeiten der genannten Künstler und der Düsseldorfer Kerngruppe stellt die aktuelle Ausstellung im Gulbransson Museum auch Frauen aus dem Zero-Umkreis vor. Eine davon ist heute weltberühmt: die Japanerin Yayoi Kusama, die seit 80 Jahren die Welt mit ihren Punkten überzieht.
In den 1960er-Jahren nahm sie mehrmals an Gruppenausstellungen der Zero-Bewegung teil. Mitte der Sechzigerjahre löste sich das Netzwerk allmählich auf, die Künstler gingen ihre eigenen Wege. Zero hatte sich durchgesetzt. Die Düsseldorfer Kerngruppe beendete ihre Zusammenarbeit würdig mit einem rauschenden Zero-Mitternachtsball in Remagen. Dessen Motto: „Zero ist gut für Dich.“
Der Spruch passt auch zur Ausstellung in Tegernsee. „Ich bin schon neugierig drauf, wie unser konservatives Publikum auf Zero reagiert“, sagt Beck. 80 Prozent der gezeigten Kunstwerke stammen aus privaten Sammlungen, der Rest kommt aus der Mack- und der Zero-Foundation. Wäre natürlich gut, wenn die Ausstellung viele Besucher hätte. Denn für das zweite Halbjahr plant Beck, eine Ausstellung mit schwergewichtigen Arbeiten des britisch-deutschen Bildhauers Tony Cragg an den See zu bringen. „Da fällt schon einiges an Transportkosten an.“
Zero. Eine internationale Künstlerbewegung 1957–1966. Bis 6.9., Olaf Gulbransson Museum Tegernsee. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
Zur Kultur der Entspannung

Dass es in vielen luxuriösen Hotels dieser Welt auch Kunst zu sehen gibt, ist nichts Neues. Manche Hoteliers sind selbst Sammler und teilen ihre Leidenschaft auf diesem Wege. Andere vermieten schlicht international renommierten Galerien Räume für Dependancen in ihren Häusern. Neu ist aber, was sich Korbinian Kohler ausgedacht hat, zumindest für den an Hotellerie so reichen Tegernsee. Kohler, der in den vergangenen Jahren als Seiteneinsteiger in der Branche den See mit innovativen Projekten nach und nach förmlich umzingelt und aufgemischt hat, rief im vergangenen Jahr auch noch seine eigene Galerie ins Leben.
Die „Gallery“ trägt seinen Spitznamen „Koko“. Sie hat eigene Räume im Obergeschoss des Kreuther Haupthauses in der von ihm geschaffenen „Bachmair Weissach“-Welt. Zudem bieten die eigens dafür umgestalteten langen Flure des Ressorts samt Spa schier unermessliche Ausstellungsflächen – und der Garten obendrein, besonders für Skulpturen. Das Konzept soll Kunst im Alltag erlebbar machen und zugleich junge Talente fördern
Aktuell ist dort die Ausstellung „Artificial?“ zu sehen. Benedikt Müller, der schon bei Auktionshäusern wie Christie’s und Karl & Faber gearbeitet hat und nun beim Kunstkraftwerk Bergson angestellt ist, sowie die museumserfahrene Kunsthistorikerin Annabel Weichel (Sammlung Goetz, Haus der Kunst) haben die Schau kuratiert. Mit dabei sind auch bereits bekannte Künstler wie Jan Davidoff und Gregor Hildebrandt. Zu sehen ist sie vollkommen unkompliziert nach formloser Anmeldung an der Rezeption.
Gallery Koko, Artificial? Spuren des Gegenwärtigen, bis Mitte Juli 2026, Wiesseer Straße 1, 83700 Weissach, Rottach-Egern / Kreuth, Telefon 08022 / 278489.
Messe auf Gut Kaltenbrunn

Sie ist Unternehmerin und Überzeugungstäterin in Sachen Kunst: Die Amerikanerin Christine Otsver liebt den Tegernsee. Erst zog sie hin, dann rief sie einige Jahre später die Messe „Art & Design Tegernsee“ ins Leben. Sie findet jährlich auf Gut Kaltenbrunn, unterm Gewölbe der schönen historischen Stallungen dort statt. Von kaum einer anderen Stelle am Ufer des Sees hat man einen ähnlich idyllischen Ausblick. Dort im Norden scheint es fast, als gebe es rund ums Wasser gar keine Ortschaften, so geschickt ducken sich diese hinter die Bäume der Wäldchen.
Bei Otsvers kundig ausgerichteter Messe gilt es ebenfalls, die Augen weit zu machen. Und eventuell auch den Geldbeutel. Neben Kunst und Design verschiedener Epochen interessiert sich Otsver auch für Musik, Architektur und – die am Tegernsee bekanntlich reich vertretene Gesellschaft. Deswegen lädt sie im Rahmen der Messe auch zu allerlei kontrovers angelegten Talks und freundlichen Künstlergesprächen.
Messe Art & Design Tegernsee, 1. bis 4. Oktober 2026, 11 bis 19 Uhr, Gut Kaltenbrunn, Kaltenbrunn 1, 83703 Gmund am Tegernsee

