Süddeutsche Zeitung

Kunst:"Es rumort ganz gewaltig in der Provinz"

Eine Gloeden-Ausstellung beschert Memmingen bundesweite Beachtung - und einen Aufruhr. Nicht zum ersten Mal übrigens stören sich Kritiker an den vermeintlich pornografischen Fotografien.

Hans Kratzer und Roman Deininger

Als in dieser Woche plötzlich die Kriminalpolizei in der Memminger Kunsthalle auftauchte, schien der nächste Kunstskandal unaufhaltsam seinen Lauf zu nehmen. Aufgeschreckt durch einen Zeitungsbericht über die Ausstellung des Aktfotografen Wilhelm von Gloeden (1856-1931) hatte sich eine um Sitte und Moral besorgte Bürgerin bei den Gesetzeshütern beschwert.

Die Beamten gingen nach ihrer Inspektion zwar unverrichteter Dinge wieder heim, aber ihre Visite war dennoch ein deutliches Indiz dafür, dass sich im beschaulichen Memmingen Empörung breitmacht. Zumal auch Briefeschreiber gegen die Ausstellung vom Leder ziehen, entweder in der Lokalzeitung oder in anonymen Brandbriefen, die direkt auf den Schreibtischen im Rathaus und in der Kunsthalle landen.

Vor der Eröffnung der Gloeden-Schau hatte intern bereits das Jugendamt Bedenken geäußert und dem Kulturamt einen sorglosen Umgang mit dem Thema "Knabenliebe" vorgeworfen. Es sei höchst bedenkenswert, einem Künstler Raum zu geben, der sowohl was seine sexuellen Neigungen betreffe als auch, was seinen Umgang mit Fotografien und deren Vermarktung angehe, nicht viel anderes getan habe, als heutzutage Pädophile und Päderasten in Thailand und Kambodscha tun, hieß es in dem Schreiben.

Dieser Vorwurf hat den Kunsthallen-Chef Joseph Kiermeier-Debre sichtlich getroffen. "Es rumort ganz gewaltig in der Provinz, dass das so eine delikate Ware ist, hätte ich nicht gedacht." Gleichwohl hält er die Anschuldigungen für ungerechtfertigt und teilweise sogar "infam". Als er bei der Einweihung der Memminger Kunsthalle vor zwei Jahren angekündigt hatte, er plane unter anderem eine Ausstellung mit Werken des Aktfotografen Gloeden, da sei dies in der Stadt eher beiläufig aufgenommen worden.

Inzwischen hat sich die Kunsthalle mit ihrem ehrgeizigen Kulturprogramm ein beachtliches Renommee erworben. Selbstverständlich war bei der Eröffnung der Schau vor drei Wochen unter den 300 Gästen auch die gesamte Stadtspitze vertreten. Das Ereignis wollte sich keiner entgehen lassen, stößt die Ausstellung doch sogar bundesweit auf großes Interesse.

Gloedens Werk wird in Memmingen zum ersten Mal im großen Stil präsentiert. Soweit reichte die Begeisterung bei Oberbürgermeister Ivo Holzinger (SPD) allerdings nicht, dass er sich wie üblich mit dem Ausstellungskatalog hätte fotografieren lassen. Vermutlich ahnte er schon, dass die 800 Bilder, die darin abgedruckt sind, sich nicht unbedingt mit den Allgäuer Moralvorstellungen decken.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie es Gloedens Werk im Faschismus erging und was die katholische Kirche von der jüngsten Aufregung hält.

"Es rumort ganz gewaltig in der Provinz"

Der homophil veranlagte Baron Wilhelm von Gloeden hatte sich 1878 im sizilianischen Taormina niedergelassen und dort Tausende Aktfotografien von Jünglingen angefertigt. Nackt ließ er sie auf Leopardenfellen und vor antiken Säulen posieren. Die Faschisten zerstörten viele dieser Bilder, weil sie ihnen zu pornografisch waren. In der Kunstgeschichte gilt Wilhelm von Gloeden dagegen als Wegbereiter der männlichen Aktfotografie.

Memmingen ist nicht die erste Stadt, in der Gloedens Bilder zum Eklat taugen. Im vergangenen Jahr erwischte es sogar die Kunstmetropole Mailand. Nach Protesten der katholischen Kirche legte die konservative Bürgermeisterin dort ihr Veto gegen die Ausstellung "Kunst und Homosexualität" ein, in der unter anderem Gloeden als Pionier des Genres gewürdigt wurde. Die bereits gedruckten Ausstellungskataloge mussten eingestampft werden. Liberale Kritiker empfahlen der Bürgermeisterin, doch ins Rathaus von Teheran umzuziehen.

Im Rathaus von Memmingen bemüht sich derzeit Oberbürgermeister Holzinger, die Wogen zu glätten. Den Vorstoß des Jugendamts habe man in "interner Diskussion geklärt", sagt Holzinger. "Es gilt die Freiheit der Kunst, sie muss sich nur im Rahmen der Gesetze bewegen." Und das sei bei der Gloeden-Ausstellung durchaus der Fall, obgleich man natürlich "die allgemeine Empfindung" berücksichtigen müsse, wenn die Bilder "in den öffentlichen Raum hineinwirken".

Deshalb sei die Werbung für die Ausstellung im Einvernehmen mit der Kunsthalle auch eingeschränkt worden. Holzinger: "So etwas will ja nicht jeder sehen." Auf das große Plakat am Eingang der Kunsthalle wollte Kiermeier-Debre dennoch nicht verzichten. Nur: Statt den beiden nackten Knaben sind jetzt bloß weiße Flächen zu sehen.

Immerhin: Im Gegensatz zu Mailand will die katholische Kirche den Eklat nicht weiter befeuern. "Am Klerus ist das spurlos vorüber gegangen", sagt der bischöfliche Dekan Siegbert G. Schindele. "Ich würde mir das nicht anschauen, aber der Künstler darf das machen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.280829
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 16.2.2008/ihe
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.