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Kunst:"Es rumort ganz gewaltig in der Provinz"

Der homophil veranlagte Baron Wilhelm von Gloeden hatte sich 1878 im sizilianischen Taormina niedergelassen und dort Tausende Aktfotografien von Jünglingen angefertigt. Nackt ließ er sie auf Leopardenfellen und vor antiken Säulen posieren. Die Faschisten zerstörten viele dieser Bilder, weil sie ihnen zu pornografisch waren. In der Kunstgeschichte gilt Wilhelm von Gloeden dagegen als Wegbereiter der männlichen Aktfotografie.

Ein Akt von Gloeden - zu anstößig für eine Ausstellung?

(Foto: Foto: Katalog)

Memmingen ist nicht die erste Stadt, in der Gloedens Bilder zum Eklat taugen. Im vergangenen Jahr erwischte es sogar die Kunstmetropole Mailand. Nach Protesten der katholischen Kirche legte die konservative Bürgermeisterin dort ihr Veto gegen die Ausstellung "Kunst und Homosexualität" ein, in der unter anderem Gloeden als Pionier des Genres gewürdigt wurde. Die bereits gedruckten Ausstellungskataloge mussten eingestampft werden. Liberale Kritiker empfahlen der Bürgermeisterin, doch ins Rathaus von Teheran umzuziehen.

Im Rathaus von Memmingen bemüht sich derzeit Oberbürgermeister Holzinger, die Wogen zu glätten. Den Vorstoß des Jugendamts habe man in "interner Diskussion geklärt", sagt Holzinger. "Es gilt die Freiheit der Kunst, sie muss sich nur im Rahmen der Gesetze bewegen." Und das sei bei der Gloeden-Ausstellung durchaus der Fall, obgleich man natürlich "die allgemeine Empfindung" berücksichtigen müsse, wenn die Bilder "in den öffentlichen Raum hineinwirken".

Deshalb sei die Werbung für die Ausstellung im Einvernehmen mit der Kunsthalle auch eingeschränkt worden. Holzinger: "So etwas will ja nicht jeder sehen." Auf das große Plakat am Eingang der Kunsthalle wollte Kiermeier-Debre dennoch nicht verzichten. Nur: Statt den beiden nackten Knaben sind jetzt bloß weiße Flächen zu sehen.

Immerhin: Im Gegensatz zu Mailand will die katholische Kirche den Eklat nicht weiter befeuern. "Am Klerus ist das spurlos vorüber gegangen", sagt der bischöfliche Dekan Siegbert G. Schindele. "Ich würde mir das nicht anschauen, aber der Künstler darf das machen."

© SZ vom 16.2.2008/ihe
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