Es ist eine Binse, dass dem Künstler in seiner Heimat mitunter nicht der Respekt entgegengebracht wird, den er verdient hätte. Der Fall Veit Stoß aber nimmt in der Reihe der Großkünstler, deren Nachruhm markanter ist als der Komfort zu Lebzeiten, eine besondere Rolle ein. In einem Register der Stadt Nürnberg notierte das maßgebliche Gremium der Kommune vor gut 500 Jahren, der besagte Maler, Bildhauer und Kupferstecher habe sich "vil Unruw" zu schulden kommen lassen und überhaupt, wurde andernorts angemahnt, sei dieser Stoß ein "irrig und geschreyig man". Bei dergleichen Zuschreibungen hatte es allerdings nicht sein Bewenden. Nachdem der Bürger Stoß ein Dokument gefälscht haben soll, wurden ihm beide Wangen mit glühenden Eisen durchbohrt - und das öffentlich. Ein Schandmal.
Nun lebten in Nürnberg, einer der Metropolen im europäischen Mittelalter, aber offenbar schon vor 500 Jahren Bürger, die wussten, dass man den Künstler womöglich nicht primär nach ethischen Maßstäben messen soll und ein Genie auch dann ein Genie bleibt, wenn es sich blöderweise beim arglistigen Dokumentenfälschen ertappen lässt. Dass Stoß ein gewöhnungsbedürftiger Charakter war und des Polterns nicht unverdächtig, hatte sich herumgesprochen unter den Mächtigen der Stadt. Der Gewürzhändler Anton II. Tucher, der auch mit Tuch und Silber zu Geld kam, fand die charakterologische Expertise der Reichen und Schönen trotz allem eher zweitrangig. Tucher wollte ja Kunst, kein Heiligenbildchen. Und also erteilte der Stifter dem Künstler den Auftrag, einen Engelsgruß für die Lorenzkirche zu schaffen.
1518, vor 500 Jahren, vollendete Stoß sein Werk und soll dafür, akribischen Haushaltsbuchaufzeichnungen des Patriziers zufolge, 550 Gulden eingestrichen haben. Zum Vergleich: Der andere ganz große Künstler der Stadt, der Zeitgenosse Dürer, soll für sein Häuschen am Burgberg etwa 570 Gulden hingeblättert haben. Was nur zeigt, was einem Gewürzhändler die Kunst eines Gebrandmarkten wert war.
Zu großzügig war das nicht, was schon daraus abzuleiten ist, dass der Engelsgruß neben Kaiserburg, Dürerhaus und Nationalmuseum zu den touristischen Stationen zählt, die einer gesehen haben sollte, um behaupten zu können, in Nürnberg gewesen zu sein. 750 000 Besucher sollen das Werk alljährlich bestaunen. Wobei der Genuss in normalen Zeiten eingeschränkt ist, hängt der Engelsgruß doch sechs Meter über dem Boden der Lorenzkirche. Jetzt aber, im Jubiläumsjahr, ist das bis zum 17. Juli anders, Besucher kommen bis auf einen Meter ans Werk heran. Was den Nebeneffekt hat, dass derzeit nicht nur Touristen, sondern halb Nürnberg vor dem Engelsgruß zu stehen scheint. Und, hört man das Raunen, schwer beeindruckt ist.
Plötzlich sieht man alle Details, die sonst kaum mit Zoom erkennbar sind. Und womöglich ist es normal, dass der Blick erst mal unterhalb von Maria und dem Erzengel hängen bleibt, auch unterhalb des ovalen Runds, das die Verkündigungsszene umschließt. Dort hat Veit Stoß eine Schlange beim Biss in den Apfel ins Lindenholz modelliert, wobei aus der Nähe zu sehen ist, dass "die Schlange ausschaut wie ein Wurm mit Marderschnauze", wie es ein Mann mit Mobiltelefon formuliert. Was er dabei noch übersieht, sind die Ohren, die Stoß dieser Schlange hat angedeihen lassen. Womöglich ging es ihm genau darum: dem Bösen Züge zu verleihen, die dem Betrachter andeuten, dass das Böse nicht immer gleich als solches zu erkennen ist.
Dass die Szene zwischen Engel und Maria im Lauf der Jahrhunderte immer neuen Deutungen unterlag, macht große Kunst aus. Unstrittig ist, dass Stoß die Maria anders als Zeitgenossen nicht als Magd, sondern als junge Patriziertochter modelliert hat - eine Frau, die noch nicht unter der Haube ist, wie ihre offenen Haare gedeutet werden können. Unstrittig ist auch, dass ihr der Heilige Geist in Form einer Taube beisteht, und dass sie angesichts dessen, was ihr da verkündet wird, ein Buch aus der Hand gleiten lässt: Ein neues Kapitel wird nun aufgeschlagen, da wird sie ihr altes Buch nicht missen. Vor allem aber die Position der beiden Figuren zueinander - der Engel mit erhobenen Fingern hier, dort die Maria, die erschrocken die rechte Hand vor die Brust hält - lässt Raum für Interpretationen. Die beiden wenden sich zwar einander zu. Tatsächlich schauen sie aber vor allem aneinander vorbei. Eingedenk dessen, was über den "irrig und geschreyig" Charakter des Veit Stoß im Umlauf war oder gebracht wurde, sind daraus schon beachtliche Deutungen abgeleitet worden: War der Künstler womöglich zu echten Beziehungen nicht in der Lage, fehlte es ihm gar an zwischenmenschlicher Empathie?
Wie dem auch sei, dieses Werk - das ist in all den Jahrhunderten dokumentiert - lässt kaum einen kalt. Schon sieben Jahre, nachdem es aufgehängt worden war, beschloss der Rat der Stadt, der Engelsgruß möge künftig verhüllt bleiben. Man war gerade zum protestantischen Glauben übergetreten, da war ein Werk unter Marienkunstverdacht gerade nicht so angesagt. Das Schnitzwerk wurde noch höher ins Gewölbe gezogen und um 90 Grad gedreht. 1815 sollte es gar ganz an Nürnbergs Frauenkirche übergehen, die ist katholisch. Dafür aber war es zu groß. Und als man es schließlich zurückbrachte, riss ein Strick und das Werk zerbarst nicht nur in tausend Stücke, sondern - wie ein offenbar fantasiebegabter Zeitgenosse notiert hat - zum Teil sogar in "Staub und Mehl". Zum Glück aber war fast alles rekonstruierbar.
