Kunst als Therapie Nachts schleicht sich die Vergangenheit an

Momentan rasen die Ereignisse an Ilona Haslbauer vorbei wie im Rausch: Am Donnerstag kam sie von einem Seminar aus Frankreich zurück. Am Tag darauf demonstrierte sie in Bayreuth gegen "unhaltbare Zustände in der Psychiatrie". Dort traf sie auch Gustl Mollath, Deutschlands bekanntesten Psychiatriepatienten. Mollath war ebenfalls jahrelang in der Forensik festgehalten worden, und er kämpft hartnäckig um seine Rehabilitierung. Sie steht Mollath darin in nichts nach: Dem Oberlandesgericht München liegt eine Rechtsbeschwerde vor, die ihr Anwalt Adam Ahmed verfasst hat. "Meine Mandantin wurde 25 Stunden lang verfassungs- und menschenrechtswidrig fixiert", sagt Ahmed.

Doch bei all der Kraft, mit der sich Haslbauer zur Wehr setzt, nachts schleicht sich die Vergangenheit an. Oft träume sie, dass sie durch einen Tunnel gehe, der enger und enger werde. "Am Ende versuche ich, durch ein Loch zu kriechen. Das wird ebenfalls enger, und ich merke: Jetzt werde ich zerquetscht." An der Stelle wache sie auf.

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Seit gut einem Jahr ist Gustl Mollath frei, seit wenigen Stunden ist der 57-Jährige auch freigesprochen. Was er über das Urteil denkt? "Das kann man so nicht hinnehmen." Sein Kampf ist noch nicht vorbei. Von Ingrid Fuchs, Regensburg mehr ... Analyse

Bilder wie diese stehen für den Albtraum, der hinter Ilona Haslbauer liegt: 2005, als sie sich vor dem Amtsgericht Regensburg wegen vorsätzlicher Körperverletzung verantworten musste, weil sie laut Anklage eine frühere Nachbarin mit einem Einkaufswagen gerammt habe, da war von einer Psychiatrieunterbringung gar nicht die Rede. Angesichts zurückliegender Vorstrafen wegen Körperverletzung oder Beleidigung verurteilte das Amtsgericht die Angeklagte dieses Mal gleich zu sechs Monaten Haft.

Sieben Jahre Psychiatrie statt sechs Monaten Haft

Dagegen legte ihr früherer Anwalt Berufung ein. Haslbauer bestand darauf, der Vorwurf entspreche nicht den Tatsachen. Das wurde ihr zum Verhängnis, zumal sie sich auf ein psychiatrisches und ein psychologisches Gutachten einließ. "Der Hauptgutachter diagnostizierte bei meiner Mandantin, dass sie in einem Wahnsystem lebe und durch eine zu aggressivem Handeln verleitende Impulsivität allgemeingefährlich sei", sagt Haslbauers jetziger Anwalt Adam Ahmed. Bezeichnend sei jedoch, dass Ilona Haslbauers Zweifel an der Ausgewogenheit des Gutachtens ebenfalls als wahnhaft ausgelegt wurden. So seien aus sechs Monaten Haft sieben Jahre Psychiatrie geworden.

Haslbauers Misstrauen setzte sich in der Forensik fort. Demonstrativ, so erinnert sie sich, stellte sie sich schlafend, wenn Ärzte ihr Zimmer betraten, las Zeitung oder schwieg beharrlich. Die Folge war, dass es zwar weitere Gutachten gab, aber jeder der Sachverständigen konnte nur auf vorangegangene Dossiers aufbauen. Am Schluss, so sagt Ahmed, hieß es stets, dass weitere rechtswidrige, im Wahn begangene Delikte zu erwarten seien. Dem hätten sich die Richter nach jeder Anhörung angeschlossen. Was hingegen Haslbauer als Verstoß gegen ihre Rechte anprangerte - etwa der Druck, der aufgebaut worden sei, weil sie keine Psychopharmaka nehmen wolle -, fand keine Berücksichtigung. "Es war ein Teufelskreis", sagt sie.

Hilfsbereite Menschen? "Eine ganz neue Erfahrung"

Erst der letzte Gutachter bekam, wie Ahmed sagt, Zweifel daran, ob sich mit solchen Methoden tatsächlich eine fortbestehende Gefahr für die Allgemeinheit feststellen lasse. Das Landgericht Landshut teilte die Auffassung des Sachverständigen, dass Ilona Haslbauer mit weitaus milderen Mitteln als der Forensik therapeutisch begleitet werden könne. "Die Kammer", so sagt Ahmed, "geht davon aus, dass meine Mandantin auch außerhalb der Forensik keine rechtswidrigen Taten mehr begehen wird."

Das rote Teufelchen mit den ausgebreiteten Armen hat Ilona Haslbauer verschenkt. Wieder in Freiheit, will sie selbst der Welt mit ausgebreiteten Armen begegnen. Dank Nina Hagens Engagement hat sie in Passau eine bezahlbare Wohnung gefunden. "Menschen, die hilfsbereit und nett sind, das ist für mich eine ganz neue Erfahrung", sagt sie. Und das tue "einfach nur gut".