Kulturgut in Gefahr Satiren eines Schönschreibers

Lehrer Wolfgang Pfaffenberger entsagt der digitalen Welt. Deshalb hat er ein ganzes Buch in Handschrift verfasst

Von Hans Kratzer , Wertingen

Bei einer bundesweiten Umfrage unter Tausenden Lehrerinnen und Lehrern haben vor einigen Jahren 80 Prozent der Befragten erklärt, die Handschrift ihrer Schüler habe sich verschlechtert. Überdies kam heraus, dass Lesbarkeit, Schreibtempo und Schreibausdauer dramatisch abgenommen haben. Dabei ist längst bekannt, dass das Schreiben mit der Hand die geistigen, sprachlichen und motorischen Fähigkeiten von Kindern verbessert, was nicht zuletzt Kultusminister Michael Piazolo am Dienstag anlässlich des Tags der Handschrift bekräftigte.

Trotz dieser Erkenntnis wird selbst in der Grundschule auf das Schönschreiben viel weniger Wert gelegt als früher. Eine weitere Ursache der Schreibkrise resultiert aus der Digitalisierung. Schon Grundschüler tippen ihre Weisheiten lieber in ihr Smartphone, statt sie mit der Hand niederzuschreiben. Diese Erfahrung hat auch Wolfgang Pfaffenberger gemacht, als er am Gymnasium in Wertingen die Fächer Deutsch, Englisch und Sozialkunde unterrichtete. Seit 2009 ist er in Pension, die Schreibmisere aber hat sich seitdem weiter zugespitzt. Pfaffenberger schwimmt deshalb erst recht gegen den Strom und bewegt sich folglich meistens in der analogen Welt. Er komme ganz gut ohne Computer und Smartphone zurecht, sagt er. Das bestätigt nicht zuletzt sein neues, 287 Seiten dickes Buch mit Verssatiren, das er von vorne bis hinten fein mit der Hand geschrieben hat ("Immer habe ich die Schulde!", Engelsdorfer Verlag, 2018).

Pfaffenberger hat seine Handschrift so perfektioniert und verfeinert, dass seine Briefe mitsamt den schön gestalteten Umschläge wie kleine Kunstwerke wirken. Ein Freund von ihm hat einen dieser artifiziellen Umschläge sogar laminiert und quasi als künstlerisch gestaltetes Adressschild an seiner Haustür angebracht.

Eine schöne, mit Liebe vollendete Handschrift ist für Pfaffenberger Ausdruck einer besonderen Lebenseinstellung. Im Unterricht hat er bisweilen sogar die Kopfleiste von Schulaufgabenblättern kunstvoll mit den Schülern gestaltet. Ein Routinesatz wie "2. Schulaufgabe aus dem Deutschen" wurde bei ihm nicht hingerotzt, sondern edel ausgearbeitet. "Dieses Procedere brachte einen großen Vorteil mit sich", sagt Pfaffenberger. Angesichts der fein gestalteten Schulaufgaben-Vorlage bemühten sich die Schüler zumindest auf der ersten Seite um einen saubere Schrift. Das habe abgefärbt und ihre Sensibilität für Schrift geschärft. Mit Blick auf die Zukunft der Handschrift ist Pfaffenberger nicht total besorgt. "Ich schließe es nicht aus, dass es irgendwann zu einer Gegenbewegung kommt." Immer wenn ein Kulturgut verloren zu gehen drohe, komme doch eine starke Sehnsucht auf, es zu erhalten.

Als Schreibvirtuose besitzt Pfaffenberger natürlich Schreibwerkzeug aller Art, vom fetten Filz bis zum feinen Füller. "80 bis 100 Teile habe ich, toleriert von meiner Ehefrau, auf Reisen immer dabei", sagt er. Ein schönes Schriftbild komme immer gut an. Sogar die Postboten freuten sich, wenn sie kunstvoll gestaltete Umschläge verteilen dürften. Nur selten rutsche einem ein Seitenhieb heraus: "Post von dem spinnerten Herrn . . ." Als wohl letzter Lehrer überhaupt schrieb Pfaffenberger Zeugnisse noch komplett per Hand. "Dafür wurde ich natürlich belächelt!" Aber das nahm er gern in Kauf: "In mir brennt so eine Liebe zur Handschrift", sagt er immer wieder, "die Schönschrift ist für mich ein Urbedürfnis."

Den Titel seines neuen Buchs hat er der legendären Wutrede des Fußballtrainers Giovanni Trapattoni aus dem Jahr 1998 entnommen. Diesem Mann widmete er die erste der 57 Texte, in denen er mit den Mitteln der Satire und der Schriftgrafik Themen wie Sport und Stress, Erziehung und Narzissmus kritisch durchleuchtet. Pfaffenberger hält die oft belächelte Rede Trapattonis für hervorragend, vor allem weil er darin seine sprachlichen Mängel auf elegante Weise aufgelöst habe. Dass er darüber ein Gedicht machen wolle, war ihm schon klar, nachdem der Trainer "Ich habe fertig!" gerufen hatte. "Diese Satire ist im Grunde eine Laudatio auf die Wutrede von Trapattoni", sagt Pfaffenberger.