Süddeutsche Zeitung

Kulturgut in Gefahr:Plädoyer für den Schnupftabak

Schnupftabak vertreibt die Sorgen und den Grant - das weiß man in Bayern seit mindestens 500 Jahren. Nun will die EU rauchlose Tabakprodukte verbieten. Keine gute Idee, findet unser Autor.

Hans Kratzer

Beim Nachdenken über eine neue Gemeinheit, in Brüssel nennt man so etwas auch Richtlinie, sind die Bürokraten der EU-Kommission zur Auffassung gelangt, man könnte doch demnächst den Schnupftabak verbieten. Die EU-Gremien bringen alten Bräuchen und Kulturgütern traditionell sehr wenig Respekt entgegen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie alles, was dem Volk Freude bereitet, als Keimzelle für Krankheit und Siechtum betrachten. Dabei ist es genau anders herum.

Seit mindestens 500 Jahren weiß in Bayern jedes Kind, dass das Bier sowie der Schnupftabak die Sorgen und den Grant vertreiben. Gestützt wird diese Erkenntnis durch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, welche die antioxidantische, anticancerogene und antibakterielle Wirkung dieser Grundstoffe nicht mehr in Zweifel stellen. Nicht umsonst hatte schon die französische Königin Katharina de Medici (1519-1589) ihrem an Migräne leidenden Sohn mit Schnupftabak Linderung verschafft, oder mit Schmai, wie man in Bayern sagt.

Schmai kommt vom Wort Schmalzler, das wiederum vom Butterschmalz herrührt, mit dem die zerstoßenen Tabaksblätter einst verfeinert wurden. Dadurch wurde der Tabak aber schnell ranzig, weshalb er schnell geschnupft werden musste.

Den Bayern kam dabei zugute, dass sie von Natur aus riesige Zinken haben, in denen Unmengen Schmai Platz finden, weshalb sie bei den Schnupf-Weltmeisterschaften stets vordere Plätze belegen. Nach EU-Maßstäben sind solche Nasen aber nicht normgerecht, weshalb sie womöglich mit dem angeblich gesundheitsschädigenden Schnupftabak verboten werden.

Die Großnaserten werden gut daran tun, die EU-Kommissare auf den schnupfenden Ex-Kanzler Helmut Schmidt aufmerksam zu machen, der als leuchtendes Beispiel belegt, dass ein Schnupferzinken ein langes Leben verheißt.

Der Schnupfer Balthasar Z. vom Schnupfclub Sachsenkam hatte im fortgeschrittenen Alter bei einem Wettkampf im Eifer des Gefechts, also beim Runterrotzen des Preisschmalzlers, sein Gebiss verloren. Die Wirtin fischte es am nächsten Tag aus dem Pissoir, wodurch bildhaft zum Ausdruck kam, dass das Schnupfen Leidenschaft und Opferbereitschaft fördert, also eben jene Tugenden, die laut EU-Kommission in einer Währungskrise unabdingbar sind.

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Quelle:
SZ vom 08.10.2012/tob
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