Corona-Regeln in Bayern:Das muss der letzte große Aderlass der Kultur gewesen sein

FREISING:  Sinfoniekonzert im Mariendom / Dom

Wie viel Kultur wird übrig bleiben? Ein Sinfoniekonzert im Mariendom in Freising

(Foto: Johannes Simon)

Während sich die Einschränkungen für Geschäfte in Grenzen halten, erwischt es die Kultur wieder voll. Womöglich ist bald keine mehr übrig.

Kommentar von Oliver Hochkeppel

Unnötige Kontakte vermeiden, darum geht es jetzt wieder, zum vierten, kaum mehr erträglichen Mal. Was nötige und unnötige sind, davon hatte die Politik von Anfang an eindeutige Vorstellungen. Bei der Wirtschaft sind sie eher nötig, bei der Kultur - selbst wenn sie sich zur "Kulturwirtschaft" transformiert - eher unnötig. Daran hat sich auch jetzt, mit dem Ende der "pandemischen Lage" und dem sie ersetzenden Infektionsschutzgesetz, wenig geändert.

Während sich die Einschränkungen für Geschäfte in Grenzen halten, erwischt es die Kultur wieder voll. Vielleicht auch nicht ganz unverschuldet: Wer in den vergangenen Monaten auf Festivals, großen Vorstellungen oder in den Clubs war, der hat einen Betrieb erlebt, der nicht überall wahrhaben wollte, dass immer noch ein Drittel der Bevölkerung ungeimpft ist.

Bitter ist es trotzdem, was Ministerpräsident Markus Söder am Mittwoch für Bayern verkündete: Diskotheken, Clubs und Bars ganz zu, für den Rest 2G plus bei 25 Prozent der Kapazität, mit Maske und 1,5 Meter Abstand - es gibt für kein anderes öffentliches Segment eine härtere Regelung. Und keine, die derart spaltet, wirtschaftlich wie moralisch. Denn was für die einen gerade noch praktikabel ist, ist für die anderen überhaupt nicht machbar.

Es stellen sich viele Fragen, besonders den Veranstaltern: Was will, was kann man Künstlern wie Besuchern etwa im Theater als "Erlebnis" noch zumuten? Und ist es moralisch vertretbar - oder sogar überlebenswichtig - überhaupt noch jemanden aus dem Haus zu locken?

So ergibt sich ein irrwitziger Flickenteppich: Manche großen Häuser können die Kunst unter den geltenden Gegebenheiten präsent halten, manche wollen aber auch nicht. Manche kleine Bühnen oder Veranstalter machen aus wirtschaftlichen oder solidarischen Gründen ganz dicht, andere lassen sich auf absurde Konstruktionen ein, ihren Künstlern zuliebe oder schlicht, um irgendwie zu überleben. Bis dann allen womöglich die 1000er-Inzidenz ganz den Rest gibt. Es ist müßig, jetzt wieder dem Versäumten nachzuweinen oder nach Schuldigen zu fahnden. Aber klar ist auch: Das muss jetzt der letzte große Aderlass der Kultur gewesen sein. Sonst ist keine mehr übrig.

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