Kündigungen bei Weltbild "So wütend war die Belegschaft noch nie"

Vergangenheit: An die einstige Größe und Bedeutung des Weltbild-Verlages erinnert noch die frühere Zentrale in Augsburg.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

200 weitere Entlassungen und wieder Insolvenz-Gefahr: Trotz des Investors Droege steht es um den Weltbild-Verlag so schlecht wie nie. Der Betriebsrat wirft ihm vor, er wolle das Unternehmen "bewusst kleiner machen", damit es "schneller Erträge abwirft".

Von Stefan Mayr, Augsburg

Am Tag nach dem neuerlichen Tiefschlag steht ein Weltbild-Mitarbeiter vor dem Firmen-Eingang und nimmt eine Lieferung von DHL entgegen. "In diesem Laden vergeht dir das Lachen", sagt er über seinen Arbeitgeber, der am Abend zuvor bestätigt hat, dass er weitere Entlassungen vornehmen wird. Etwa 200 Menschen sollen bis Februar auf der Straße stehen. "Diese Zahl hat mich nicht überrascht", sagt der Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, "ich habe ja damit gerechnet, dass Weltbild komplett zugesperrt wird."

Zehn Monate nach der Insolvenz und vier Wochen nach der Übernahme durch den Düsseldorfer Investor Droege International ist die Stimmung in der Restbelegschaft der ehemaligen katholischen Verlagsgruppe schlechter denn je. "So wütend war die Belegschaft noch nie", sagt Verdi-Betriebsgruppensprecher Timm Boßmann. Zu dem Ärger gesellen sich Frust, Resignation und mitunter Zynismus. "Mir geht es sehr, sehr, sehr gut", ätzt eine Mitarbeiterin auf dem Weg ins Verwaltungsgebäude. Ein Kollege drückt sich sachlicher aus: "Wir sind bei Weltbild Retail noch 450 Leute, wenn 200 gehen müssen, stehen meine Chancen etwa fifty-fifty."

Mitarbeiter sorgen sich um ihre Existenz

Das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür, normalerweise hat das Personal in dieser Jahreszeit alle Hände voll zu tun. Heute, wenige Monate nach der Entlassung von 1000 Kollegen und wenige Wochen nach dem großen Aufatmen wegen der Übernahme durch Droege, machen sich die Mitarbeiter schon wieder Sorgen um ihre Existenz.

Sie sprechen bereits von einer zweiten Insolvenz und schimpfen auf den Investor, den sie vor Kurzem noch mit viel Applaus begrüßt hatten. "Betriebsversammlung feiert Weltbild-Retter", jubelte Verdi noch im August im eigenen Internet-Blog. Dieser zitierte auch Frank Tanski, den Generalbevollmächtigten der Droege Group, mit der Aussage, dass der Investor "im Zusammenhang mit der Übernahme Abstand von betriebsbedingten Kündigungen nehme".

Das gilt heute nicht mehr, und das bringt die Arbeitnehmervertreter auf die Palme. "Pfui", sagt Thomas Gürlebeck von der Gewerkschaft Verdi, "zuerst lässt sich Droege feiern, dann holt er den Knüppel aus dem Sack." Die Zeichen stehen auf Streit, auch der Betriebsrat stimmt in seinem Flugblatt extrem scharfe Töne an. "Wir wurden von vorne bis hinten belogen, Droege plant keinen langfristigen Invest", steht da. Zudem wird dem Management jegliche Kompetenz abgesprochen: "In der Geschäftsführung fehlen nach wie vor Konzept, Struktur und Führung."

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Investor bedauert "derartige Anpassungen"

Droege selbst bestätigte am Donnerstagabend per Pressemitteilung die Entlassungspläne. "Wir bedauern sehr, dass bereits kurzfristig nach der Übernahme derartige Anpassungen notwendig sind." Die Zahl 200, die der Betriebsrat in seinem Flugblatt nennt, will Droege allerdings nicht bestätigen. Der Umfang der "personellen Anpassungsmaßnahmen" sei noch nicht abschätzbar. Die Abstimmung zwischen der Geschäftsführung und dem Betriebsrat stehe erst bevor.

"Alle Maßnahmen werden so sozialverträglich wie möglich gestaltet", betont Sikko Böhm, einer der drei neuen Manager, im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Auf die Frage, warum trotz des anderslautenden Versprechens nun doch Menschen entlassen werden, sagt er: "Wir bitten um Verständnis, dass die Geschäftsführung nicht für die Gesellschafter antworten kann."

Droege selbst schiebt die Schuld auf die Unternehmensberatung Roland Berger: Deren Konzept "Weltbild 2.0" sei Geschäftsgrundlage des Weltbild-Erwerbs gewesen, aber "die Istzahlen der Monate Juli bis September 2014 zeigen eine signifikante Abweichung" zu Bergers Planung, schreibt der Investor. Die "erheblichen Abweichungen" seien Grund für die weiteren "Anpassungsnotwendigkeiten". Diese würden sich im übrigen "in allen Bereichen der Weltbild-Gruppe niederschlagen".

Schwere Vorwürfe von Verdi

Verdi-Betriebsgruppensprecher Boßmann sieht die Ursache für die drohenden Kündigungen woanders: "Die Geschäftsführung tut alles, um die Umsätze runter zu bringen und damit künstlich eine Situation herbeizuführen, in der sie Massenentlassungen fordern kann." Droege wolle das Unternehmen "bewusst kleiner machen", damit es "schneller Erträge abwirft".

Als Beleg hierfür berichtet Boßmann von einem bereits fertig produzierten TV-Werbespot, der das Weihnachtsgeschäft ankurbeln sollte. "Obwohl hier schon Geld ausgegeben wurde, ist dieser Spot gecancelt", kritisiert Boßmann. "So stellt man das Kundenvertrauen nicht wieder her." Manager Böhm begründet die Nichtausstrahlung so: "Wir wollen das vorhandene Werbebudget bestmöglich einsetzen." Im übrigen stehe Droege zum Unternehmen und zur Marke Weltbild, betont er.

Die Motivation des Personals sinkt indes in den Keller: Im Weltbild-Internetblog kündigen etliche Mitarbeiter an, dass sie jetzt erst einmal "krank" seien. Ein anderer schreibt: "Ich bin heut nur da, damit ich (...) nix verpasse. Aber produktiv passiert momentan nicht viel, da keiner mehr einen Sinn in dem Ganzen sieht." Noch nie waren die Perspektiven der Weltbild-Belegschaft so schlecht wie heute.