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Garmisch-Partenkirchen:Krün will sich vor Instagram-Touristen schützen

Instagram-Wallfahrtsorte in Bayern

Der Geroldsee ist als Motiv auf Instagram zu Berühmtheit gelangt.

(Foto: dpa)

Übertourismus ist die Geißel attraktiver Urlaubsregionen. Der Bürgermeister der oberbayerischen Gemeinde ist zwangsweise zum Experten geworden.

Glosse von Johann Osel

Das gemeinsame Betrachten und Bestaunen von Urlaubsfotos ist so eine Sache, die meist nur den Teilnehmern der Reise gefällt. Menschen, die keine Ausrede parat haben, müssen sich dann über Bilder beugen, deren ästhetischer Wert strittig ist: Papa hält am Pool die haarige Wampe in die Sonne, Mama reitet rotbackig auf einem Elefanten, Tante Inge schaufelt am Hotelbüffet eine Wochenration auf. Hier ein Papagei, "ohhh!" Nächstes Bild, "ahhh", ein Tempel.

"Und hier seht ihr einen Baum!" Es hat Gründe, dass das Phänomen ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint, ebenso öffentliche Diavorträge - wenn pensionierte Erdkundelehrer mit dem Rad durch Ungarn touren, von Drávaszabolcs bis Székesfehérvár. Das alles ist auch wegen Instagram nicht mehr allzu modern. Das soziale Netzwerk für Fotos erlaubt es, täglich all das zu zeigen, was man erlebt - ohne jemanden zu nötigen.

Der Mitteilungsbedarf der Nutzer hat zwei Schwerpunkte: erstens Essen, da werden Lachs-Zitronenspieße mit Avocado-Zuckerschotensalat professionell präsentiert wie in Gourmetzeitschriften; zweitens Reiseziele, Orte, an denen man war. Oder gewesen sein "muss", da sich online flugs ein Herdentrieb entwickeln kann.

Experte dafür ist inzwischen der Bürgermeister der Gemeinde Krün im Kreis Garmisch-Partenkirchen - aus der Leidensperspektive. Barmsee und Geroldsee sind als Motive auf Instagram zu derartiger Berühmtheit gelangt, dass Thomas Schwarzenberger den Handy-Knipser-Strom eindämmen will: Weil sich "eine Szene entwickelt hat, die Bilder macht von schönen Landschaften, die sie irgendwoher kennen, und dann online stellen." Die Seen würden "überrannt", unschöne Trampelpfade entstehen, "eine Art von Egoismus". Von Prominenz und Tagesgästen haben die Geschäftsleute wenig: Übernachtet wird selten, allenfalls mal eingekehrt, auf einen Lachs-Zitronenspieß.

Was tun gegen diesen "Overtourism", Übertourismus, wie Fachleute den Überlastungstrend nennen? Venedig will künftig gar Eintritt von Tagesbesuchern nehmen. An den Seen bei Garmisch sollen erst mal Schilder die Instagram-Touristen "sensibilisieren". Der Bürgermeister hofft auf die Vernunft des modernen Menschen, der sich gerne naturbewusst inszeniere - etwa in dem sozialen Netzwerk.

© SZ vom 28.03.2019/amm
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