Nürnberg Massenverhaftung, Mittagsmörder und Menschenblut

Das Jugendzentrum Komm nahe dem Hauptbahnhof war 1981 Schauplatz für die Verhaftung von 141 Personen - darunter auch Minderjährige.

(Foto: Karl Staedele/dpa)

Der Nürnberger Polizist Bert Rauenbusch beschreibt in seinem neuen Buch "100 Jahre Kriminalgeschichte in Mittelfranken".

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Bert Rauenbusch war bei den Massenverhaftungen am "Komm" dabei, "auf der Seite der Vollzugsbeamten", sagt er. Der gesamte Einsatz hat dann mindestens bayerische Rechtsgeschichte geschrieben. Am 5. März 1981 waren nach einer "Vollversammlung" im Nürnberger Kulturzentrum Komm, in Blickweite des Hauptbahnhofs gelegen, mehrere Dutzend Personen durchs nächtliche Nürnberg gezogen und hatten Schaufensterscheiben und Ausstellungsvitrinen zertrümmert. Als sie kurz vor Mitternacht zurückkehrten ins Komm, war das Gebäude am Eingang zur Nürnberger Altstadt von Polizeibeamten umstellt und abgeriegelt worden. Mehrere Stunden dauerte die Belagerung, dann wurden 141 Personen - darunter einige Minderjährige - inhaftiert. Verdacht des Landfriedensbruchs, so lautete der Vorwurf.

Am nächsten Tag begann eine Initiative, Anwälte gegen die Festnahme zu organisieren, es kam zu bundesweiten Protesten. Trotzdem sollte es zwei Wochen dauern, bis auch der letzte Festgenommene aus der Haft entlassen wurde. Medien kritisierten den Einsatz und seine Weiterungen als "beispiellosen Rechtsbruch", der Nürnberger Publizist und Kulturdezernent Hermann Glaser hat später einen ganzen Band über "Die Nürnberger Massenverhaftung" herausgegeben. Rauenbusch, der als junger Polizist bei den Verhaftungen mitwirken musste, weiß das natürlich alles. In seinem Band "100 Jahre Kriminalgeschichte in Mittelfranken" aber bemüht er sich im betreffenden Kapitel augenfällig um einen möglichst wenig wertenden Ton. Könnte man anders erwarten, immerhin war Rauenbusch an vorderster Front dabei, wenn auch nur als Vollzugsbeamter. Andererseits bietet sich womöglich gerade dann ein nüchtern schilderender Ton an.

Bert Rauenbusch, 58, arbeitet seit 40 Jahren bei der Polizei. Um den Tatbestand "Verletzung von Dienstgeheimnissen" auszuschließen, ließ der Polizeihauptkommissar sein Werk von Kollegen und einem Staatsanwalt gegenlesen.

(Foto: oh)

Haftbefehle gegen 141 Personen, darunter Jugendliche, der jüngste 15 Jahre alt? "Die Haftbefehle wurden gleichlautend mit Flucht- und Verdunkelungsgefahr begründet: Die Verhafteten könnten in Freiheit ihre Aussagen absprechen und würden zudem der Hausbesetzerszene angehören", schreibt Rauenbusch. Und weiter: "Juristen und sogar ein Bundesverfassungsrichter äußerten Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Haftbefehle." Und auch das gibt Rauenbusch zur Kenntnis: "Die Staatsregierung billigte das Vorgehen von Polizei und Justiz. Doch einige Tage später bedauerte der Nürnberger CSU-Landtagsabgeordnete Dr. Günther Beckstein, dass wohl auch Unschuldige verhaftet worden seien."

Rauenbusch, 58, ist längst kein Vollzugsbeamter mehr, sondern einer der Pressesprecher im Polizeipräsidium Mittelfranken. Die Idee, kriminalistisch Relevantes in einem Kompendium zu vereinigen, geht zurück aufs Jahr 2008. Damals wurde er gebeten, die Geschichte eines entführten Autohändlers aus dem Jahr 1976 zu recherchieren. Der von Spezialeinheiten befreite Geschäftsmann hatte eine Stiftung angestoßen, die sich seither um Polizeibeamte kümmert, die im Einsatz verletzt wurden. Zum 30. Jahrestag der Stiftung sammelte Rauenbusch die Fakten des Falls und hernach für die Mitarbeiterzeitschrift der Polizei auch andere Fälle. Nun hat er ein Buch daraus gemacht, 80 Kapitel auf mehr als 300 Seiten, das alles auf eigene Kosten herausgegeben und nur per Mail bestellbar (kriminalgeschichten@mnet-online.de).

Natürlich streift der Band auch die Causa des "Mittagsmörders", einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Republik. Der Student war am 27. Juli 1967 wegen fünffachen Mordes zu lebenslangem "Zuchthaus" verurteilt worden. Fast ausschließlich um die Mittagszeit hatte er in Franken zugeschlagen und dabei ohne Vorwarnung Menschen getötet, die sich ihm - etwa in einer Bankfiliale - in den Weg stellten. Zur Berühmtheit wurde der Täter freilich auch, als er 2015 nach 50 Jahren aus der Haft entlassen wurde und dem Spiegel ein Wortlautinterview gegeben hat. Unter anderem mit der Einlassung: "Auch so eine Schuld kann einem verziehen werden. Ich glaube, dass ich in den Himmel komme."

Deutlich weniger ist erstaunlicherweise der "Vampir von Nürnberg" bekannt, von dem die Notiz "Ich brauchte Menschenblut, um mein Leben zu verlängern, um Kraft und Schönheit zu gewinnen" gefunden wurde. Der gehörlose Mann war 1972 nach einem Doppelmord festgenommen worden. In einem Waldstück hatte er zuvor zwei in einem Mercedes schlafende Menschen erschossen. "Danach", notiert Rauenbusch, "setzte er seinen grausamen Entschluss, aus den Wunden der Opfer Blut zu saugen, in die Tat um." Dabei war der psychisch kranke Mann von einem Jäger beobachtet worden.

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