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Kratzers Wortschatz:Wer lurt, der zahlt!

Ob in der Kirche oder im Kaufhaus: Wer spioniert oder schlicht unverschämt ist, bekommt einen Kommentar zu- oder hinterhergerufen

Luren

Der Graffitikünstler Loomit hat in der Münchner Maximilianskirche ein großflächiges Kunstwerk geschaffen. Als Kollege S. neulich eine Messe besuchte, war das Gemälde noch verhängt, aber es war trotzdem ein Thema in der Predigt von Pfarrer Rainer Maria Schießler. Er legte den Besuchern ans Herz, sie sollten vor der Enthüllung keinesfalls hinter die Absperrung blicken. "Wer lurt, der zahlt!", sagte Schießler augenzwinkernd und verschaffte damit dem Kirchgänger S. ein Aha-Erlebnis. Der hatte nämlich das Verb luren lange nicht mehr gehört, weshalb er sich redlich über dessen Erwähnung freute. Statt luren könnte man auch lauern, spähen und spionieren sagen. Im Bairischen gibt es etliche Synonyme dafür, etwa linsen und spechten, aber diese Wörter sterben gerade aus. Luren kommt in Zeitungstexten gelegentlich noch vor. In einem SZ-Bericht über eine Wanderung zur Brombergalm war zu lesen: "Dann braucht man nur noch die müden Haxen auszustrecken und rüber zu den Nachbartischen zu luren, was dort an Köstlichkeiten serviert wird." In einer Kritik über ein Klavierkonzert in der Allerheiligen-Hofkirche hieß es: "Nur verstohlen traut man sich in die Noten zu luren." Und in einer Ausstellung im Literaturhaus hatte man den Besuchern, anders als in der Maximilianskirche, extra Löcher in den Zaun gebohrt, damit neugierige Passanten "wie der Brandner Kaspar ins Paradies luren konnten".

Drudschn

In einem Landshuter Kaufhaus herrschte am Samstag Hochbetrieb, die Kunden drängelten und schoben sich durch die Gänge, als gäbe es kein Morgen mehr. Eine hektische junge Frau streifte beim Vorbeigehen mit ihrer Hüfte eines der Regale und riss dabei Waren zu Boden, die sie allerdings unbeachtet liegen ließ. Das gefiel einer anderen Kundin ganz und gar nicht und sie rief ihr nach: "Hey, bückst du dich nicht, du Drudschn!" Die Angesprochene machte sich ungerührt aus dem Staub. Drudschn ist ein kräftiges Schimpfwort, man muss das u lang sprechen, dann entfaltet es seine volle Wirkung. Bekannt ist zudem die Verkleinerungsform Drudscherl (einfältiges Kind). Auch im Liebesgeturtel ist das Wort zu hören: "Ja du Drudscherl du!", sagt der Verliebte zum Gspusi. Später wird aus dem Drudscherl eine Drudschn, also eine einfältige, schwerfällige Frau. Stammesverwandt ist die Britschn (das i wird kurz gesprochen), die als Schimpfwort für ein liederliches weibliches Wesen zu deuten ist.

© SZ vom 02.12.2019
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