Kratzers Wortschatz:Wenn Sigi Zimmerschied schimpft

Als der Schauspieler einmal, voll im Banne einer Filmrolle als cholerischer Bluthochdrucktyp, auch daheim zu schreien begann, reagierte seine Familie entgeistert. Alle schauten ihn, das Prackl Mannsbild, an "wia de Singerl"

Kolumne von Hans Kratzer

Prackl

Die Woidboyz, das sind drei Burschen, die im Auftrag des Bayerischen Rundfunks quer durch Bayern trampen. Die Geschichten, auf die sie dabei stoßen, sind regelmäßig im Fernsehen zu verfolgen. Zuletzt landete das Trio im Maristen-Gymnasium Furth bei Landshut, wo einer von ihnen, der Uli, einst die Schulbank drückte. Ulis ehemalige Mathelehrerin kramte extra den Jahresbericht aus dem Schuljahr 1993/94 hervor, in dem die damalige Schülerschaft verewigt ist. Alle blickten gespannt auf das Foto der 5. Klasse. "Da", rief Uli sogleich und deutete aufgeregt auf einen Buben, "des Prackl da, des bin i". Es folgte ein lautes Gelächter, schlecht beinander war der Schulbub Uli tatsächlich nicht. Und genau das drückt das Wort Prackl (Brackel) aus, das Massige eines Körpers, quasi das Gegenteil eines Krischperls. "A Prackl Mannsbild, das war er!", urteilte einmal das BR-Magazin Capriccio über den 2009 gestorbenen Schauspieler Jörg Hube. Eine Steigerungsform heißt Mordsprackl. Vielleicht steckt das lateinische brachium (Unterarm) drin, entsprechend sagt man ja auch zur Hand Pratzn. Die Kabarettistin Monika Gruber fragte sich einmal, warum ein ihr bekanntes Prackl Mannsbild ausgerechnet den Spitznamen Flocki trägt ...

Singerl

Der Unterhaltungskünstler Sigi Zimmerschied bezeichnete sich neulich in einem Gespräch in der BR-Radiosendung Blaue Couch als Stoiker. Gefährlich werde es für sein Gemüt nur, wenn er als Schauspieler allzu lang in einer bösen Rolle verharren müsse. Einmal habe er in einem Film einen Choleriker gespielt, der von null auf hundert explodierte, "so an Bluthochdrucktypen", wie er ihn nannte. Die Rolle habe ihn acht Wochen verfolgt, er habe sie auch daheim nicht mehr losbekommen. "I hob auf oamoi rumgschrian, und mei Familie hod mi ogschaut wia de Singerl, weil sie des von mir ned erwartet haben", erzählte er. Wie die Singerl - das ist ein sehr schönes Bild. "Der schaut wia a Singerl, wenns blitzt", sagt man über einen, der überrascht oder anderweitig komisch blickt. Singerl sind frisch geschlüpfte Küken, Bieberl, die piepsend hinter der Bruthenne herlaufen. Vielleicht heißen sie Singerl, weil ihre bieb-bieb-bieb-Laute für einen Gesang gehalten wurden. Auch schüchtern piepsende Mädchen werden Singerl genannt.

© SZ vom 14.07.2021
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