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Kratzers Wortschatz:Wenn einer maßlos erschrickt

Zeichnung: SZ

"Da bin i gescheid dakemma", sagt der Bayer, wenn er so erschrickt, dass es ihm die Sprache verschlägt. Das alte bairsche Verb "derkemmen" oder "dakemma" wird immer dann verwendet, wenn sich plötzlich beunruhigende Nachrichten verbreiten

Derkemmen (dakema)

Am Freitagabend sind in der Ludwig-Maximilians-Universität mehrere Hundert Lehramtsabsolventen verabschiedet worden. Die jungen Menschen feierten mit Freunden und Angehörigen, hörten Festreden, etwa von Alt-OB Christian Ude, der auch über die unsichere Weltlage räsonierte, ohne zu ahnen, welcher Schrecken ein paar Kilometer entfernt vor sich ging. Kurz darauf informierte Joachim Kahlert, der Direktor des Münchner Zentrums für Lehrerbildung, die Gäste über die Katastrophe im Olympia-Einkaufszentrum und teilte mit, die Eingänge der Universität würden sofort geschlossen, die vielen Gäste seien hier in Sicherheit. "In diesem Moment sind alle gscheid dakema!", sagte ein Festbesucher, ein bairisches Wort verwendend, das dieses Unglück und seine Wirkung auf die Menschen umfassend einfängt. Das Wort dakema (derkemmen) wird benützt, wenn sich eine beunruhigende Nachricht verbreitet. "Da bin ich gscheid dakema" heißt: Ich bin maßlos erschrocken. Das Wort wird gebildet mit dem Präfix der-, einer Besonderheit in der Welt der bairischen Verben, es prägt Wörter wie derblecken, derrennen und derbarmen. Derkemmen ist ein Wort, das wie ein Blitz in den ruhigen Lauf der Dinge fährt. Die letzte Konsequenz des Schreckens beschrieb Wugg Retzer in seiner Erzählung "Doppelte Buchführung": "Ich habe gleich gar nicht mehr reden können, so bin ich derkemmen."

Patterl

Zum Begriff Betermacher (SZ vom 17. Juli), schrieb uns Werner Dreher folgende aufschlussreiche Ergänzung: "Das Wort Petermacher stellt eine schriftsprachliche, der Begriff Betermacher wohl eine mundartliche Verballhornung einer alten Berufsbezeichnung dar - nämlich der des Patterlmachers. Im 14. Jahrhundert haben Glashütten im Böhmerwald begonnen, Glasperlen für Rosenkränze herzustellen: die sogenannten Patterl. Deren Namen leitet sich vom ersten Wort des lateinischen Vaterunser - pater - ab. Bald wurden die böhmischen Patterl zum weltweiten Exportschlager. In Schmellers Bayerischem Wörterbuch wird die Wortform Paeterlein als Diminutiv von Pater (durchlöchertes Glas-Kügelchen) aufgeführt. Aus dem Päterlmacher ist dann sprachlich der Schritt zum Petermacher nicht mehr weit."