Kratzers Wortschatz – Grattler

Dem Kabarettisten Georg Ringsgwandl (Foto) ist vorige Woche auf dem Straubinger Gäubodenfest die bairische Sprachwurzel überreicht worden. Diese Auszeichnung erhalten nur Prominente, die bei offiziellen Anlässen ihren Dialekt gebrauchen. Bei ihm sei das ein Geburtsfehler, er könne gar nicht anders, als in der Sprache seiner Kindheit zu reden, sagte Ringsgwandl bei der Preisverleihung augenzwinkernd. Die Frage nach seinem Lieblingswort ließ der frühere Oberarzt zwar unbeantwortet, aber es fällt auf, dass das Wort Grattler in seinem Werk häufig vorkommt. Die Band, die den Doktor Ringsgwandl begleitet, trägt bezeichnenderweise den Namen Grattler-Combo.

Georg Ringsgwandl ist in Staufenbrücke bei Bad Reichenhall aufgewachsen. In der alten Heimat, der er 1993 in seinem Album "Staffabruck" ein Denkmal gesetzt hat, begegnete er schon als Bub dem einen oder anderen Grattler. Wo dieses Wort herkommt, ist nicht hundertprozentig geklärt. Sicher ist nur, dass es in Bayern als Schimpfwort verwendet wird.

Reinhold Aman definiert den Grattler in seinem Schimpfwörterbuch als schäbigen Menschen, der in ärmlichen Verhältnissen lebt, sowie als besitzlosen Hungerleider. Für den Dialektologen Ludwig Zehetner ist ein Grattler ein Kleingeist, ein Penner, ein primitiver Mensch, dem jeder Überblick und Sinn für Höheres fehlt.

Möglicherweise liegt dem Grattler das althochdeutsche Wort "kratto" (Korb) zugrunde. Früher bezeichnete man nämlich jene Hausierer, die ihre Waren im Tragkorb feilboten, als Grattler. Auch Kluges etymologisches Wörterbuch bringt den Rückenkorb (Kratte) ins Spiel. Im Italienischen gibt es wiederum das Wort ,,carretta'' (zweirädriger Karren, Wagen).

Tatsächlich zogen einst Hausiererfamilien aus Italien und aus Tirol mit solchen Karren (Kratten) von Ort zu Ort. Diese sogenannten Krattenzieher transportierten Obst und sonstige Handelswaren aus dem Süden nach Bayern und luden für den Rückweg zum Beispiel hiesiges Hafnergeschirr auf. Auf der Bühne wurde der Grattler in der "Grattler-Oper" verewigt, die im November 1978 auf der Münchner Iberl-Bühne Premiere feierte. Sie sollte das erfolgreichste Mundartstück der achtziger Jahre werden.

Bild: dpa 17. Dezember 2012, 13:262012-12-17 13:26:00 © SZ/infu/ahe