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Kratzers Wortschatz:Singsang vor der Haustür

Minnesang? Kennen wir. Singsang? Hören wir oft im Radio. Aber was bitte ist ein Gredbänk-Gsangl?

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Tivoli Kraftwerk im Englischen Garten in München, 2011

Quelle: Catherina Hess

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Minnesang? Kennen wir. Singsang? Hören wir oft im Radio. Aber was bitte ist ein Gredbänk-Gsangl? Hans Kratzer erklärt diesen und andere Begriffe der bayerischen Sprache.

Gred

Die Schwestern Angelika Rinkl und Carmen Pirkl, die in der Straubinger Gegend daheim sind, singen mit Vorliebe Balladen und Moritaten. Am Mittwoch war das Duo, das in der Volksmusik-Szene als Gredbänk-Gsangl bekannt ist, zu Gast in der Sendung "Bayerntour" im Bayerischen Fernsehen.

Natürlich war der ungewöhnliche Name Gredbänk-Gsangl Gegenstand der Unterhaltung mit der Moderatorin Carolin Reiber. Die Schwestern erklärten, die Gredbänk sei die Bank auf der Stufe (Gred) vor dem Haus. Und Gsangl bedeute "ein bisserl Gesang". "So einfach ist das", sagten sie, denn "wenn wir früher gesungen haben, dann meistens im Garten auf der Bank. Deshalb der Name."

Tatsächlich ist die Gred aus sprachwissenschaftlicher Sicht mit den lateinischen Wörtern gradus (Schritt, Tritt, Stufe) und ingredi (eintreten) verwandt und bezeichnet die leicht erhöhte, oft mit Steinen gepflasterte schmale Fläche vor dem Hauseingang. Da man auf der Gred ins Haus gelangte, streiften die Hausbewohner dort den Dreck ab, der an den Schuhen klebte. Überdies war die Gred früher ein beliebter Aufenthaltsort und entsprach der heutigen Gartenterrasse.

Allerdings interpretierte die Moderatorin Carolin Reiber im Gespräch mit dem Gredbänk-Gsangl das Wort Gred etwas eigenwilliger als die übrige Schar der Dialektexperten. Dieser Begriff, so erklärte sie, komme auch daher, dass die Menschen in Oberbayern auf der Sitzbank vor dem Haus so viel reden, also im Sinne von: Da wird gredt. Mit dieser These grätschte die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin wieder einmal ins Humoristische hinein wie ehedem beim Bschoad-Tücherl (Brotzeittücherl), das sie als Pschorr-Tücherl vorstellte.

Die wegen ihres rollenden "R" als Ikone des Bairischen verehrte Frau Reiber entschlüsselt die Geheimnisse des Dialekts ausgesprochen virtuos. Ihre Freistil-Etymologie von Dialektwörtern wie Gred dürfte jedenfalls weltweit einmalig sein.

Waldemar Hartmann stellt Buch vor, 2010

Quelle: Alessandra Schellnegger

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Schmaazhaubn

So mancher Fernsehmoderator, ob männlich oder weiblich, darf getrost als Schmaazhaubn bezeichnet werden. Im Dialekt versteht man darunter ein Sammelwort für Menschen, die sinnloses Zeug reden und für solche, die viel reden, aber nichts zustande bringen.

Die Basis des Wortes bildet das Verb schmatzen, das im Bairischen, wenn es mit hellem "a" ausgesprochen wird, ein Synonym für reden ist, und zwar im Sinne des schwäbischen schwätzen. Jemand, dessen Gerede oberflächlich ist, gilt auch als Schmatzer (mit hellem "a" gesprochen) und im gesteigerten Fall sogar als Quadratratschn.

Muss hier stellvertretend für alle Moderatoren herhalten: Waldemar Hartmann.

Pferdesteuer

Quelle: dpa

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Bissgurrn

Die Schauspielerin Marianne Lindner hat vergangene Woche ihren 90. Geburtstag gefeiert. Auch der Bayerische Rundfunk würdigte dieses Jubiläum und sendete auf seiner Homepage "Glückwünsche an eine liebevolle Bissgurrn". Bekannt geworden ist Frau Lindner durch den Komödienstadel, in dem sie oft herrische und bigotte Frauen darstellte, die Haare auf den Zähnen hatten und in Bayern Bissgurrn genannt werden.

Anderswo werden solche Frauen auch als stutenbissig beschrieben. Tatsächlich hießen die Stuten im Mittelalter Gurren. Im Wörterbuch von Schmeller (1837) lesen wir dementsprechend "Gurr, Gurren, schlechte Stute; liederliche Weibsperson."

Gerhard Polt beschreibt in seinem Buch "Hundskrüppel" die Tante seines Spezls Helmut als Bissgurrn. Wenn Freunde den Helmut besuchen wollten, machte sie laut Polt die Tür einen Spalt weit auf und geiferte: "Der Helmut is ned da und er kimmt a ned, da braucht's gar ned läutn und a keinen Dreck reintragen." Der Helmut war natürlich schon da.

Ernährung

Quelle: iStockphotos

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zofichtig

Kollege S. hat sich figürlich auffallend verändert, indem er durch kluge Lebensführung kein Fett mehr auf den Rippen trägt und rank und schlank durchs Leben geht. Nur seiner Mutter ist diese Verwandlung nicht geheuer. "Der Bua werd oiwei zofichtiger", sagt sie jedesmal, wenn ihr Sohn bei ihr vorbeischaut.

Nur noch wenige wissen, dass das alte Adjektiv zofichtig (zefrichtig) einen schwächlichen Körperbau beschreibt. Eine ähnliche Bedeutung haben die Wörter gspinstig und dürrlochert. Der Dialektologe Ludwig Zehetner sieht zofichtig in einem engen Zusammenhang mit Zieferl (federlose kleine Gans) sowie mit Ziefer und Ungeziefer.

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Quelle: Alessandra Schellnegger

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Sparifankerl

Der Advent ist geprägt von der Koexistenz guter und finsterer Mächte wie etwa dem Nikolaus und dem Krampus. Zu den adventlichen Schreckgestalten gehören neben dem Krampus auch die Sparifankerl, die am zweiten Adventssonntag die Besucher des Münchner Christkindlmarkts erschreckt haben.

In der bairischen Sprache gilt das lustige Wort Sparifankerl als ein Synonym für den Teufel. Niemand weiß jedoch genau, wo der Name herkommt. Der alte Schmeller bringt ihn mit Spadi in Verbindung, einem Begriff aus der Kartenspielkultur.

Auch Anthony Rowley, Schriftleiter des Bayerischen Wörterbuchs, schließt nicht aus, dass der Name von einer italienischen Spielkarte abgeleitet ist. Überdies hält er eine Verbindung zum italienischen sparite (verschwinde!) für möglich. In diesem Fall hieße Sparifankerl: verschwinde Teufel!  

"Stets zu Unfug aufgelegt"

Im Schimpfwörterbuch von Aman wird Fankerl als "unruhiger, allzu lebhafter junger Mensch" beschrieben, "der stets zu Allotria, Unfug aufgelegt ist". Aman führt das Wort auf das mittelhochdeutsche Valant (Teufel) oder Vanz (Schalk) zurück.

Der Schalk begleitete in den 70er und 80er Jahren auch eine Münchner Krautrock-Band namens Sparifankal, deren bayerisch-anarchistische Klänge auf Platten wie "Bayern-Rock" (1976) und "Huraxdax Drudnhax" (1978) nachzuhören sind.

Auch die Biermösl Blosn sang ein Sparifankerl-Lied: "Hoaz Sparifankerl, hoaz Sparifankerl, des gibt a saftigs Bischofsschmankerl, hoaz nur fest ei, fest ei, der Brotn der werd fei" - das heißt: Sparifankerl, heiz den Ofen ein, dann wird der Braten fein!

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Quelle: Hartmut Pöstges

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Pratzen

In der beliebten Hörfunksendung "Heute im Stadion" jammerte der Reporter am Samstag während des Spiels Augsburg gegen Freiburg: "Mir frieren hier jetzt gleich meine Pratzen ab." Wenn in Bayern von Pratzen die Rede ist, dann sind damit große Hände gemeint. "Der hat Pratzen wie Abortdeckel", sagt der Spötter in einem solchen Fall.

Das Wort kommt vom lateinischen brachium (italienisch: braccio), das aber den ganzen Arm beschreibt. Gleichwohl taucht in der älteren deutschen Literatur mitunter das "zarte Prätzlein" auf. "Pratzen weg!", lautet ein gängiges Drohwort.

Rita Falk beschreibt in einem Krimi den erotischen Annäherungsversuch eines nicht sehr zart besaiteten Heizungsmonteurs. Falk schreibt folgerichtig: "und er hat seine Pratzen nur ganz knapp über ihrem Schlüpfer"

Rote Beete

Quelle: iStockphoto/Larisa Lofitskaya

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Rannen

Vor wenigen Tagen hat eine Leserbriefschreiberin aus Straubing in ihrem Lokalblatt darüber geklagt, dass die Gelben und die Roten Rüben verschwunden seien: "Auf der Waage im Supermarkt findet man nur noch Möhren und Rote Bete!" Auch in bayerischen Wirtshäusern werden mittlerweile Rote-Bete-Gerichte serviert. Selbst niederbayerische Marktfrauen zeichnen ihre Rannen oder Rahner (mit dunklem a), wie die Roten Rüben in Altbayern auch heißen, als Rote Bete aus.

"Ranen und rothe Rüben" lesen wir dagegen im Wörterbuch von Andreas Zaupser aus dem Jahre 1789. So lauten also die bayerischen Urbezeichnungen dieses Gemüses. So mancher Bayer will sich aber lieber weltmännisch ausdrücken und neigt dann zur Falschschreibung Rote Beete. Das aber sind, so es solche gibt, rot gefärbte Gartenbeete.

Unabhängig davon hat die Rübe, deren Dialektform Ruam noch an das althochdeutsche ruoba erinnert, ganze Generationen armer Leute ernährt. Die Gelbe Rübe ist heute als Karotte, Mohrrübe oder als Möhre bekannt, im Dialekt hört man die Form "Goiberuam". Dass sie, obwohl orangefarben, als gelb gilt, liegt daran, dass sie solange gelb war, bis orangefarbene Rüben gezüchtet wurden.

Wenigstens bei Frau K. dürfen die Rahner und Goiberuam weiterleben, wie sie schreibt. "Denn auf meinen Tisch kommen ausschließlich Gelbe und Rote Rüben, ob als Suppe, Gemüse oder Salat." Im Übrigen wird in Bayern ein unhöflicher Mensch, ein Lackl, als gscherte Ruam tituliert. Gscherte Bete hört man noch nicht.

Buam, essts Ruam! - Manna, essts Rana!

Vergangene Woche wurde an dieser Stelle die bayerische Wortfamilie Rote Rüben, Raner, Rannen erörtert, die leider vom nationalen Einheitsbegriff Rote Bete verdrängt wird. Ein älterer Herr aus der Holledau hat dem SZ-Kollegen Günther Knoll diesbezüglich eine wunderbare Episode erzählt, die den Stellenwert des Wortes Raner (Rana) gebührend hervorhebt.

Demzufolge diente der Mann einst als Knecht auf einem Hof bei Mainburg, wo der Bauer mittags Fleisch aß, während das Gesinde oft mit Rüben abgespeist wurde. Der Bauer tröstete seine Knechte mit folgender Aufforderung: Buam, essts Ruam!

Irgendwann bedeutete ihm der Großknecht, dass das nicht so gut ankomme, wenn er als Bauer gleichzeitig Braten esse. Daraufhin habe der Bauer Besserung gelobt. Als er sich am nächsten Tag zum Essen hinsetzte, rief er: Manna, essts Rana! 

FEU Perchting Theater

Quelle: Georgine Treybal

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Roglert

Nachdem die ARD den Zuschauern während ihrer Themenwoche eingetrichtert hat, dass sie sterben werden, sollten sich die in Bayern beheimateten Menschen umso mehr darüber freuen, dass sie dem Tod noch etwas ungezwungener begegnen dürfen als anderswo. Jedenfalls ist dies dem beliebten Stück vom Brandner Kaspar und so mancher Filmkomödie zu entnehmen.

Leider hat es die ARD in der Themenwoche versäumt, Georg Lohmeiers herrlichen Film "Die Überführung" von 1979 zu zeigen, der davon handelt, wie der Schexbräu kurz nach dem Ersten Weltkrieg die Leiche seines Sauf- und Kriegskameraden Martl unter allerlei Kalamitäten mit einem Pferdefuhrwerk von Altötting ins Heimatdorf überführt. Daheim gräbt der Totengräber derweil das Grab aus, eingedenk des Schex'schen Auftrags: "Mach's eahm 's Grab ned zu hart, der Martl mog's roglert!"

Dieser Spruch erinnert an den von Martial und Ovid überlieferten römischen Segenswunsch, der den Toten auch auf bayerischen Friedhöfen oft mit ins Grab gegeben wird: "Sit tibi terra levis!" - möge dir die Erde leicht sein! Das feine Adjektiv roglert (rogel, roglig) bedeutet leicht, beweglich, locker. Ein roglerter Humus erfreut den Gärtner, ein roglertes Erdreich ist problematisch, denn es kommt ins Rutschen.

Auch der Mensch kann roglert (rogl) sein, vor allem wenn der Föhnwind bläst und ihn ungeduldig, unruhig und aufgeregt werden lässt. Im Zustand des Verliebtseins ist der Mensch ebenfalls rogl, er spinnt ein bisserl und denkt an alles, nur nicht an den Tod.

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Quelle: Imago

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Schnauferl

Kollege S. fährt am liebsten mit einem blassgrünen Moped in die Redaktion (leider nicht auf dem Bild). Er ist recht begeistert von dem Gefährt, denn es läuft zuverlässig, hat eine einfache Technik und die Ersatzteile sind günstig.

Bei der sogenannten "Schwalbe" handelt es sich um ein Kultmoped aus der ehemaligen DDR, das bis 1984 im Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Suhl hergestellt wurde und heutzutage immer noch als nützliches Gebrauchtfahrzeug zu erwerben ist.

Das Kleinkraftrad knattert allerdings unüberhörbar, weshalb man es in Bayern weniger als "Schwalbe" denn als Hennasprenger bezeichnet. Übersetzt hieße das Hühnerverscheucher, denn das Verb sprengen bedeutet im Dialekt vertreiben, verscheuchen.

Wem das Wort Hennasprenger zu krachert ist, der bevorzugt das elegantere Wort Schnauferl, das sowohl für Mopeds als auch für Autos mit schwacher Motorleistung gilt. Ein solches Fahrzeug kommt nämlich schon bei der geringsten Steigung ins Schnaufen. Schnauferl bilden im Straßenverkehr sozusagen das Gegengewicht zu den protzigen SUVs und Bonzenautos.

Bereits im Jahre 1900 wurde in Nürnberg der Allgemeine Schnauferl-Club gegründet, der heute mehr als tausend Mitglieder hat und sich der Pflege von Oldtimern widmet.    

Schnackerl

Zum Schnauferl als Synonym für ein kleines Moped oder Auto hat SZ-Leserin Wiebke Müller angemerkt, dass in diese Kategorie auch das Schnackerl gehört. Der Mesner in Haag habe ein Schnackerl gehabt, schreibt sie.

Das war ein normales Fahrrad mit einem Hilfsmotor, einem kleinen Zweitakter, der am Lenker montiert war und den Radlfahrer mit einem Keilriemen und Antriebsrad auf der Achse des Vorderrads beim Treten unterstützt hat.

"Das war kein Hehnasprenger, sondern ein Hehnaschrecker. Und zwengs dem Mesner seinem Hilfsmotor und der Nähe zu Altötting mutierte der Antrieb bei uns zum Mariahilfsmotor", schreibt Frau Müller. 

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Quelle: WOR

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Kremess

Das geheimnisvoll klingende Wort Kremess wird vornehmlich in Ostbayern als regionaler Begriff für Leichenmahl verwendet. Über die Herkunft gibt das alte Wörterbuch von Schmeller Aufschluss: "die, seltener das Begräbnuß (Gremmas)... sowohl die Beerdigung als die Grabstätte." Demnach ist also die Vorsilbe Be- im Laufe der Zeit weggefallen, so dass wir Gräbnis (Beerdigung) als Ausgangswort haben.

Eine andere Deutung leitet die Herkunft der Kremess von Krenmesse her, wobei Messe in diesem Fall nicht Gottesdienst, sondern Mahl oder Speise bedeutet (althochdeutsch maz). Tatsächlich wurde früher die Suppe bei Hochzeiten und Leichenfeiern mit allen möglichen Ingredienzien angereichert, die scharf riechen oder schmecken (Rosmarin, Myrte, Kren und Wacholder) und imstande waren, Dämonen zu verscheuchen.

Als Synonym für Kremess ist in Altbayern überdies die Klagsuppe bekannt, wie in Hans Niedermayers Autobiografie "Kind in einer anderen Welt" (2009) nachzulesen ist: "Die Totenpackerin lud dann zum Leichenmahl, das bei uns Klagsuppe hieß, in eines der vier Wirtshäuser ein."

Ferienbeginn, 1936

Quelle: Scherl

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Krampfeln

Neulich war in der Süddeutschen Zeitung ein Foto aus dem Jahre 1945 abgedruckt, auf dem drei Vilshofener Buben in kurzen Lederhosen und mit Baseballschlägern zu sehen waren. Amerikanische Besatzungssoldaten hatten diesen Sport kurz nach dem Krieg in Niederbayern populär gemacht. Und nicht nur dort.

SZ-Leser Hans Wunderle hat unter dem Eindruck dieses Fotos mitgeteilt, er sei in München aufgewachsen, wo er und seine Freunde nach dem Krieg ebenfalls mit dem Baseball in Berührung gekommen seien. Die amerikanischen Soldaten pflegten das Spiel gerne im Dantestadion, wo die Münchner Buben so manchen Ball gekrampfelt (grampfed) hätten, wie sich Wunderle erinnert.

Krampfeln ist in diesem Fall genau das richtige Wort, wobei im Dialekt das "A" hell und das "L" am Ende gar nicht gesprochen wird. Die Buben hatten die Bälle zwar heimlich mitgenommen, aber stehlen wäre hier wohl ein zu harter Ausdruck. Beim Krampfeln geht es eher um Kleinigkeiten, um ein Kavaliersdelikt.

Man muss im Fall der Münchner Buben insofern ein Auge zudrücken, als 1945 eine große Not herrschte. Umso zweckdienlicher war ein Baseball, dessen Kern mit Wolle umwickelt war, die damals ein rares Gut darstellte. So manche Oma strickte ihrem Enkel aus der gekrampfelten Baseball-Wolle warme Socken. So funktionierte das Überleben im Jahr 1945.

Krampf

Das Verb krampfeln hängt vielleicht mit dem althochdeutschen Wort kramph (gekrümmt) zusammen. Abgesehen vom Muskelkrampf versteht man im Bairischen unter einem Krampf (Grampf) eine dumme, ungeschickte Tat. "Mach koan Krampf!" heißt: "Mach keinen Unsinn, dieser Spaß geht zu weit!"

Wer diese dezente Mahnung überhört und eine Gaudi übertreibt, wird als Krampfhenne/-henna tituliert. Das "A" wird im Singular lang und dunkel gesprochen, im gleichnamigen Plural aber kurz und hell. "Des san doch Grampf!", sagt einer, der Dummheiten und Übertreibungen anprangert. "Jetzt darfst aufhörn mit deine Grampf!" Schon die richtungsweisende Rolle des Vokals "A" im Wort Krampf zeigt, wie fein ziseliert das Bairische ist.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München wegen Verdacht der Steuerhinterziehung

Quelle: Bongarts/Getty Images

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Brennsuppe

Die Bestseller-Autorin Rita Falk hat mit ihren Kriminalromanen aus der niederbayerischen Provinz den Nerv des deutschen Lesepublikums getroffen. Auch ihr neuester Band, der den Titel "Grießnockerlaffäre" trägt (erschienen bei dtv), rangiert in den Verkaufsranglisten weit oben. Zwar sind die Geschichten, in deren Mittelpunkt der verfressene Landpolizist Franz Eberhofer steht, eher schlicht gestrickt, aber sie enthalten durchaus Humor.

Die Sprache dieser Krimis orientiert sich am Minimalismus und am Dialekt, wobei die Autorin ähnliche rhetorische Freistilschöpfungen fabriziert wie ARD und ZDF, wenn diese in der bayerischen Provinz drehen. In Falks niederbayerischem Roman-Zentrum Niederkaltenkirchen wird "gepinkelt, abgekriegt und gefurzt", als habe man ein "Tatort"-Drehbuch aus Hamburg vor sich.

Die Autorin verbiegt die bayerische Fotzn (Watschn) zur Fotze, und wenn einer frisst wie ein Schlauderaff, dann ist er bei Falk erstaunlicherweise ein Schleuderaffe. Zuletzt sagt der Eberhofer: "Ja, glaubt die denn wirklich, dass ich mit der Brennsuppe dahergeschwommen bin?" Auch hier nimmt es Rita Falk nicht so genau: Normalerweise schwimmt der Bayer nicht mit, sondern auf der Brennsuppe daher. Im Glossar erklärt die Autorin, was für sie "mit der Brennsuppe schwimmen" bedeutet: "keine Ahnung haben, null Peilung, zero Durchblick, daher armer Irrer halt".

Vermutlich basiert ihre Erklärung auf einer Umdeutung, denn diese Redewendung zielt weniger auf die Dummheit als auf den sozialen Status. Die Brennsuppe (gesprochen: Brennsuppn) war ein Arme-Leute-Essen, das aus wenigen Zutaten zubereitet wurde, vor allem aus Mehl und Fett, nicht einmal Eier brauchte man dafür. Wenn einer sagt: "I bin fei net auf da Brennsuppn dahergschwomma!", dann meint er: Ich bin kein Niemand, ich stelle etwas dar!

Bevor der FC Bayern im Februar 2012 beim FC Basel antreten musste, warnte Präsident Uli Hoeneß, Basel sei "nicht auf der Brennsuppn dahergschwommen". Er beschrieb Basel damit als einen stattlichen Gegner, den man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.

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Quelle: Stephan Rumpf

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Hatschen

Beim Dreh für einen ZDF-Krimi hatte der Schauspieler Edgar Selge vor einigen Wochen aus Versehen mit der Gaspistole ins Bein seines Münchner Kollegen Schmidt Max geschossen. Am Tag darauf teilte der behandelnde Arzt telefonisch mit: "Der Patient darf hatschen!" Somit durfte der Schmidt Max wieder seiner Profession nachgehen und bei Dreharbeiten über den Viktualienmarkt hatschen.

Beim Verbum hatschen (das a wird hell gesprochen) denkt man zunächst an ein schlechtes Gehwerk. Wenn einer hinkt, schlurft oder nur mühsam vorwärts kommt, dann sagt man: Der hatscht aber schlecht, oder: Der hatscht daher wia a oider Mo (wie ein alter Mann).

Dass das Hatschen etwas mit der großen Pilgerfahrt nach Mekka, dem großen Haddsch, zu tun habe, ist wohl eher ein Märchen. Das Österreichische Wörterbuch erklärt die Herkunft plausibler. Demnach könnte hatschen mit hutschen verwandt sein, was bei uns schaukeln heißt.

Die Sachsen aber sagen: "Na, was hutschst'n so, haste was mit de Beene?" In Österreich heißt hutschen auch: sich verziehen. "Hutsch di!" und "Hutschts euch!" meint Ähnliches wie "Schleich di!" und "Schleichts euch!"

Passt ganz gut auf den Münchner Viktualienmarkt: Schließlich hatte der Urgroßvater vom Schmidt Max hier schon einmal einen Stand.

Traditional Bavarian Leonhardi Parade

Quelle: Getty Images

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Zwoa, zwo, zwee

Geht es um die Zahl zwei, sagt man in südbayerischen Dialektregionen meistens zwoa: zwoa Männer, zwoa Autos, zwoa Frauen. Früher aber wurden die Geschlechter bei der Zahl zwei deutlich unterschieden.

Zwee (zwen) war männlich, zwo war weiblich, zwei und zwoa war sächlich. Auf dem Land ist dies manchmal noch herauszuhören. Alte Dialektsprecher sagen "zwee Buam und zwo Deandl" (zwei Buben und zwei Mädchen).

Auf die Frage: "Wo kemman de zwee her?" wusste man früher sofort, dass es sich um Buben oder Männer handelt. Hieß es: "De zwo san schneidig!", konnte es sich nur um hübsche Mädchen handeln. Heute sagt man meistens zu allem unterschiedslos zwoa oder zwei.

Im Fall der beiden jungen Damen auf der Bad Tölzer Leonhardifahrt handelt es sich ganz klar um "zwo fesche Deandl". Die Zahl zwei hat bei den Bayern übrigens eine lange Geschichte.

Forderung nach generellem Alkoholverbot fuer unter 18-Jaehrige

Quelle: ddp

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Oans, zwoa, gsuffa

Wenn von der bairischen Sprache in Zukunft überhaupt etwas übrig bleiben wird, dann vermutlich die Ritualbegriffe des Bierzelts wie "Ozapft is!" und "Oans, zwoa, gsuffa!" Aber nicht einmal das ist sicher, da der Doppellaut -oa- für Zuagroaste und Neubayern aus kieferanatomischen Gründen nur schwer zu artikulieren ist.

Als typischer bairischer Laut ist dieser Diphthong in der Schriftsprache unbekannt. Deshalb muss man zum Beispiel auf dem Felde der Mathematik gut aufpassen. Zwar werden zahlreiche schriftdeutsche -ei- in Bayern wie oa ausgesprochen, jedoch nicht alle. Deshalb heißt die Zählweise auch nicht "oans zwoa droa", sondern "oans zwoa drei!" Die Verwandlung des ei in oa geschieht nach strengen Sprachgesetzen, wie in der Grammatik von Ludwig Merkle nachzulesen ist.

Dass drei im Gegensatz zu oans und zwoa mit ei gesprochen wird, kommt daher, dass bei eins und zwei im Alt- und Mittelhochdeutschen ein ei vorhanden war, bei drei aber ein langes i (dri). Ein heutiges ei, das auf ein langes i zurückgeht, bleibt auch im Bairischen ein ei, wie zum Beispiel bei den Wörtern drei, Weib (wip) und scheißen (schizen).

Auf Bairisch wird folgendermaßen gezählt: oans, zwoa, drei, viere, fümfe, sechse, sieme, achde, neine, zehne, oife, zwöife. Die Zahlen von 4 bis 12 werden mit einem angehängten -e versehen, von 13 bis 99 erfolgt dies nach Gusto (zwanzge, vierzge . . .). Das Schluss-e fällt weg, wenn die Zahl attributiv vor einem Substantiv oder Adjektiv steht: "Er hod fümf Kinder!", aber: "Er hod fümfe mitgnomma."

Auch beim Rechnen werden die Zahlen ohne Schluss-e gesprochen. Es heißt also nicht: Sieme und sieme san vierzehne, sondern: Siem und siem is vierzehn.

Das -e tritt auf, wenn auf die exakte mathematische Form verzichtet wird. Merkle nennt als Beispiel: "Sieme und no amoi sieme dazua." Der Bäckermeister Lorenz Münzloher aus dem Dörflein Wambach zählte die Semmeln und Brezen stets mantramäßig in die Körbe der Kundschaft: "zwoa-viere, sechse-achte, zehne-zwöife..."

Paul Breitner im Trikot der Eintracht Braunschweig, 1977

Quelle: dpa/dpaweb

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Gifthaferl

Bei einem Nachwuchs-Eishockeyspiel in Bad Tölz hat ein 40-jähriger Vater einem zwölfjährigen Buben, der seinen Sohn gefoult hatte, einen Faustschlag ins Gesicht, einen Ellbogenstoß in die Rippen und einen Tritt gegen das Schienbein versetzt. Der bairische Wortschatz kennt für Männer, die derartig aufbrausen und rabiat werden, die Namen Gifthaferl und Giftnickl.

Ein Haferl ist ein kleiner Topf, der in diesem Fall mit Gift im Sinne von Wut und Ärger gefüllt ist. Schlägt so ein giftiger Mensch auch noch zu, ist er ein "nascher Deifi", also ein närrischer Teufel. Grobe, ungeschliffene und unhöfliche Männer werden außerdem als Glachl, Lackl und Gloifl (Gloiffe) bezeichnet.

Der Fußballer Paul Breitner (Foto) präsentierte sich in der Unschuld seiner Jugend bisweilen als ein verbales Gifthaferl und musste sich vom jetzt gestorbenen Sportreporter Harry Valerien ermahnen lassen, nicht gar so giftig zu sein. Ein Gifthaferl in Reinkultur war der Schauspieler Klaus Kinski (1926-91), dessen Schreiexzesse in Werner Herzogs Film "Mein liebster Feind" verewigt sind. Auch auf dem Feld der Politik irren Gifthaferl herum, ein schrulliges Exemplar war SPD-Ikone Herbert Wehner (1906-90).

Verzweiflung

Quelle: iStockphoto

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gnocken

Viele Reaktionen hat es auf das vor kurzem vorgestellte Verbum flacken (liegen, sich hinlegen) gegeben. In diesem Zusammenhang macht SZ-Leser Hans Brennsteiner auf das ähnlich klingende Verb gnocken aufmerksam. Es bedeutet kauern, gut sitzen und hängt wohl mit dem Knie zusammen, auf das man sich dabei stützt (italienisch: ginocchio). Brennsteiner kennt einen klassischen Ausspruch, der die Verben flacken und gnocken genial vereint.

Die dazugehörige Geschichte lautet so: "Wir hatten 1968 in der ersten Klasse der sogenannten Buamaschui (Knabenschule) in Dingolfing einen Lehrer, der uns beeindruckt hat, weil er nach der Schule oft zum Schafkopfen gegangen ist, wovon er erst am Abend heimkam. Seine Frau beschwerte sich eines Tages, dass sie so oft alleine auf der Couch liegen müsse. Darauf der Herr Lehrer: Iatz baas amoi auf: Wenn's i da-gnogga ko, dann weastas du da-flagga kena!" (Wenn ich so lange sitzen kann, wirst Du so lange liegen können).

FC Augsburg - SV Werder Bremen

Quelle: dpa

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Schneid

Der FC Augsburg hat am Samstag gegen Werder Bremen seinen ersten Sieg in dieser Bundesliga-Saison gefeiert. Im ZDF-Sportstudio analysierte Bremens Manager Klaus Allofs den Grund für die Schlappe mit folgendem Satz: "Die Augsburger haben uns den Schneid abgekauft!"

Für bayerische Ohren klingt die maskuline Form von Schneid immer noch befremdlich, obwohl sie sich längst wie so viele nördliche Sprachvarianten auch im Süden eingebürgert hat. Das belegt unter anderem der 2010 erschienene Bergroman ,"Pascolini". Der in Brannenburg geborene Autor Maximilian Steinbeis schreibt darin: "Hias, dessen gutmütige, in schwerem Bayerisch vorgebrachte Ratschläge, mir nur ja den Schneid nicht abkaufen zu lassen, ..."

Im heutigen Sprachgebrauch wird "der Schneid" ins Spiel gebracht, wenn Tugenden wie Mut, Tatkraft und forsches Auftreten zum Ausdruck kommen sollen. Gleichwohl ist der Ausgangspunkt des Begriffs immer noch die Schneide des Messers oder der blanken Waffe. Sprachsensible Menschen reagieren deshalb mit Unverständnis auf die maskuline Form. Die Gewohnheit, der Schneid zu sagen, entbehre jeglicher Berechtigung, war in alten Sprachwälzern schon vor vielen Jahrzehnten zu lesen.

Und doch hat sich das Standarddeutsche auch hier gegen das Südhochdeutsche durchgesetzt. Vermutlich hatten norddeutsche Truppen im Krieg von 1870/71 zum ersten Mal gehört, das sie sich nicht die Schneid abkaufen lassen sollen. Dass sie trotzdem der Schneid sagten, ist dem alten Grantler Bismarck zu verdanken, der von einer Kriegsführung "mit vollem Schneid" gefaselt hatte.

Nasebohren, Nasenbohren

Quelle: picture-alliance / dpa

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Nasenrammel

Es ist ein Vergnügen, zur Oktoberfestzeit mit dem Zug zu fahren. Will der Pendler abends gewohnheitsmäßig sein Haupt zur Ruhe neigen, dann begleiten ihn saure Rülpser und aufdringliches Geplärr. Ein vom Wiesnbier übermannter Jüngling tratzte kürzlich in der Südostbayernbahn ein Mädchen, das schließlich kreischte: "Geh weg mit deine Nosnramme!" Sie bremste den Annäherungsversuch mit einem anrüchigen Dialektwort, das dennoch beachtenswert ist. Als Nasenrammel, Popel und Nasenwuckerl wird der verkrustete Schleim bezeichnet, den der Mensch gerne mit dem Finger aus der Nase gräbt. Jeder dritte Nasenbohrer, so heißt es, soll die Grabungsmasse sogar essen, natürlich heimlich. Dessen eingedenk, hat die Kabarettistin Monika Gruber einst über einen ihr bekannten Macho gelästert: "Wenn er moant, es schaut koaner her, dann frisst er seine Nosnramme!" 

Auf der Internetseite beichthaus.com verrät ein Nasenbohrer: "Ich schmiere seit Jahren meine Nasenrammel unter die Couch." Kommentar eines Lesers: "Das nenn' ich mal verstecktes Design!" Vor allem Kinder lieben das klebrige Zeug. Beim Bohren folgen sie freilich einem natürlichen Reflex. Immerhin beseitigen sie durch diese mechanische Reinigung ihrer Atemwege schädliche Viren und Bakterien.

Nasenrammel sind auch als Angriffswaffe tauglich. Magdalena Stoeckl schildert in ihren Kindheitserinnerungen, wie eine Klassenkameradin in der Nase bohrte und die Rammel einer vor ihr sitzenden Schülerin ins Gnack (Genick) schmierte. Weniger raue Sitten herrschen in Österreich, wo die Redewendung "Das kostet einen Nasenrammel" gängig ist. Sie bedeutet: Das ist sehr preiswert. Im Übrigen ist ein Rammel oder Rammi ohne den Zusatz Nase ein grober, ungehobelter Mensch.

ADHS

Quelle: picture alliance / dpa

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Keinen Sitzerten haben

Die Schule hat begonnen, und schon wird wieder heftig geklagt: Die Kinder seien unaufmerksam und nervös, sie könnten sich nicht konzentrieren und still sitzen. Die Psychologie hat eine Menge neuer Monsterwörter für diese Phänomene erfunden: ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, Hyperaktivitätsstörung... Dabei gabs unruhige Kinder zu allen Zeiten. Nur benannte man das Problem früher weniger akademisch und etwas bildhafter: "Der hat koan Sitzerten", sagte man über zappelige Kinder. Im Wirtshaus saßen die anderen, die schon einen Sitzerten hatten. Diese wurden aber erst recht nicht psychologisch behandelt.

Baustellentoiletten in München, 2011

Quelle: Catherina Hess

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Häusl

Vor etlichen Tagen hatte ein Bauarbeiter in einem mobilen Klohäusl in Hallbergmoos Erleichterung gesucht. Alles lief ganz entspannt, bis die Baustellen-Toilette in Bewegung geriet. Nicht ahnend, dass es besetzt war, hatte ein anderer Arbeiter das Dixi-Klo an einen Kran gehängt und angehoben. Kein Wunder, dass der Mann im schwankenden Häusl in Panik geriet und plärrte wie ein Ochse. Der verdutzte Kranfahrer setzte das Aborthäusl sogleich mit einem Rumpler wieder auf den Boden, worauf die beiden Männer das Missverständnis mit Raufhändeln und Würgegriffen klärten. Soweit hätte es jedoch nicht kommen müssen, wäre auf der Baustelle ein hölzernes Häusl traditioneller Bauart vorhanden gewesen, also ein solches mit einem Herzerl-Guckloch an der Seitenwand. Leider ist diese Gattung aus der Mode gekommen. "ch muss aufs Klo!" hieß früher: "I bin aufm Häusl." Es war einer der wenigen Orte, wo man auf einem Bauernhof seine Ruhe hatte. Nicht umsonst schrieb Oskar Maria Graf in dem Roman "Das Leben meiner Mutter" (1940): "Wo will ich s' denn beten, die zwölf Vaterunser ...aufm Häusl halt." Als Häusl wurde aber nicht nur der Abort, sondern auch das kleine Wohnhaus eines Gütlers bezeichnet, der keinen Grundbesitz hatte. Diese Menschen wurden etwas abschätzig Häuslleute, Kleinhäusler oder Häuslmänner genannt.

CDU-Politiker für Länder-Entscheidung über Erbschaftsteuer

Quelle: ZB

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Häuslschleicher

Wer als Häuslschleicher tituliert wird, braucht sich darauf nichts einzubilden, denn dieser Begriff steht auf einer Stufe mit dem Erbschleicher. Der Häuslschleicher ist scheinheilig, heuchlerisch und vor allem auf seinen eigenen Vorteil aus. Wenn er anderen Menschen schön tut, geschieht das meistens in so übertriebener Form, dass sein Treiben den Mitbürgern nicht entgeht. Diese sagen dann: "Schaug'n an, den Häuslschleicher, wia er um d'Oma umaschliaft".

Kaiserin Sisi

Quelle: picture-alliance / dpa

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Armes Hascherl

In der Münchner S-Bahn hat neulich eine hörbar aus Sachsen stammende Dame über ihr Mobiltelefon Neuigkeiten ausgetauscht. Von der Lautstärke her spielte sich der Dialog im höheren Dezibelbereich ab, weshalb die Mitfahrer an dem Gespräch regen Anteil nehmen durften. Leider war außer öden Nichtigkeiten nichts Aufregendes zu hören, bis die mitteilsame Dame plötzlich flötete: "Ja du armes Hascherl!"

Diesen Wortschatz hätte man ihr nicht zugetraut, ist er doch eher in Süddeutschland als in Sachsen verortet, schon aufgrund der Endung -erl, während im Norden und im Osten das -chen bevorzugt wird. Das Hascherl wird in Bayern meistens als Kosewort unter vertrauten Menschen gebraucht. Grundsätzlich benennt der Begriff ein hilfsbedürftiges Geschöpf, das nach Mitleid heischt.

Ludwig Ganghofer schrieb in einer Berggeschichte: "Aber geh!, sprach Nannei das Lamm mit schmollenden Worten an... Und zittern tust! Gelt, draußen is gar so viel kalt gwesen, du arms Hascherl, du!"

Ein klassisches Hascherl war auch die unglückliche Prinzessin Sisi, als sie im April 1854 in Wien mit dem Kaiser Franz Joseph verehelicht wurde. "A Provinzlerin, a armes Hascherl, aber bildhübsch halt", so zitierte einst die Presse die abschätzige Meinung der Wiener Aristokratie über das gschamige und tramhaperte Mädchen aus Bayern.

Interessanterweise hat auch der Berliner Kurt Tucholsky den Begriff gekannt. In seinem Gedicht "Spartakus in Moabit" (1919) heißt es: "Du armes Hascherl kannst nicht unterscheiden, wer Räuber war und wer Idealist..."

Debatte um neue 'Unterschicht' - Kind am Fenster

Quelle: ag.dpa

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tramhapert

Eines der anrührendsten Wörter im bayerischen Sprachkreis ist das Adjektiv tramhapert. Es beschreibt einen Zustand, der mit unserer auf Effizienz getrimmten Leistungsgesellschaft nicht kompatibel ist. Heute können es sich nur noch wenige leisten, tramhapert in den Tag zu starten, in der Sphäre zwischen Wachen und Träumen zu verweilen, unkonzentriert zu sein, traumverloren die Zeit zu versandeln. Natürlich, in der Belegschaft eines Atomkraftwerk sollte niemand tramhapert herumsausen, auch nicht im Straßenverkehr und in der Examensprüfung.

Aber sonst: Hätte das Burnout noch eine Chance, wenn wir öfter tramhapert wären? Die Österreicher leisten sich diesen Luxus noch eher als die Bayern. "Wir Wiener sind darauf stolz, tramhapert sein zu können", behauptet der Journalist Franz Schuh. In der Standardsprache gibt es kein vergleichbares Wort, rammdösig kann an tramhapert, was die phonetische Eleganz betrifft, nicht hinschmecken.

"Angermaier-Trachten-Nacht" im Löwenbräukeller in München, 2011

Quelle: Robert Haas

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Schrot

Die Anzeigenseiten in den diversen Tages- und Wochenzeitungen sind eine Fundgrube für Kuriositäten aller Art. Im Straubinger Tagblatt wurde im Vorfeld des 200.Gäubodenfestes ein Dirndl-BH für 27,95 Euro angepriesen, bildlich veranschaulicht durch eine flotte Dame, die ganz lässig ihren Ausschnitt präsentiert. Garniert ist das Bild mit dem Spruch: "Der schönste Balkon!" (Auf dem Foto ist Präsentation der Dirndl-Kollektion des Herstellers Angermaier von 2011 zu sehen.)

Unabhängig von der Frage, ob das nun sexistisch ist, bleibt anzumerken, dass der Balkon im Bayerischen Wald früher Schrot (gesprochen: Schroud) geheißen hat, im Rottal und in Oberbayern aber Lahm (ausgesprochen mit hellem a, ähnlich wie Rahm). Eigentlich ist damit die Laube gemeint, die mundartlich Lahm heißt. Später, als die Lauben durch Balkone ersetzt wurden, wurde der Begriff auf den Balkon übertragen. Heute sind diese Wörter vergessen, vermutlich gelten sie als zu schräg. Schräg, aber direkt aus dem Leben gegriffen waren auch die Anzeigen neben der Dame mit dem "schönsten Balkon". Dort wurde für eine Fleckviehversteigerung und einen Kälbermarkt geworben, links daneben offerierte ein Inserat das "Hundegeschirr Bayern - im Brustumfang stufenlos verstellbar."

Blumenkinder

Quelle: dpa

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Fangermandl

Sang- und klanglos ist das Kinderspiel Fangermandl aus unserem Alltag verschwunden. Als sich Buben und Mädchen noch ganz selbstverständlich im Freien austoben durften, als die öffentlichen Räume noch nicht der Regulierung und dem Verkehr geopfert waren, da hatten Spiele wie Fangermandl, Fangste und Verstecksterl Hochkonjunktur. Schon der alte Schmeller nennt das Wort ,,Fangemannl'' in seinem 1827 erschienenen Wörterbuch. Der frühere Direktor des Freisinger Dom-Gymnasiums, Hans Niedermayer, sagt über seine Kindheit kurz vor dem Krieg: ,,Am häufigsten spielten wir einfach Verstecken oder Fangermandl.'' Auch der Bildhauer Hans Wimmer (1907-92) erwähnt in seinem 1982 erschienenen Buch "Niederbayerische Kindheit und Jugend" mehrmals das Fangermandlspiel als Konstante seiner Schülerjahre. Das damalige Leben war zwar oft eng und karg, aber das samstägliche Bad in der Blechwanne, der sonntägliche Kirchgang und die alten Kinderspiele steckten einen verlässlichen Ordnungsrahmen ab. Heute sieht man kaum noch Kinder ungezwungen auf einer Wiese oder in einem Hinterhof spielen.

Beim Fangermandl muss ein Fänger, der durch einen Abzählvers (Ene, bene, subtrahene...) ausgewählt wird, irgendein anderes Kind aus der Gruppe fangen, indem er es, Haken schlagend, verfolgt und berührt. Das "Opfer" ist dann der neue Fänger. Für ein Kind gibt es kaum ein sinnvolleres Spiel, denn Fangermandl stillt nicht nur den Bewegungsdrang, sondern schult überdies soziales Verhalten, Koordination, Geschicklichkeit, Ausdauer und Lebensfreude. Früher waren Spiele wie Fangermandl und "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?" sogar Bestandteil des Sportunterrichts. Kinder konnten früher aber auch anderweitig eine fangen. Mit den Worten "glei fangst oane" drohten Eltern ihrem unfolgsamen Nachwuchs eine Watschn an.

GÜNTHER MARIA HALMER

Quelle: DPA/DPAWEB

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Strizzi

Das Bayerische Fernsehen zeigt zurzeit eine Wiederholung der Serie Münchner Geschichten mit wunderbaren Schauspielern wie Therese Giehse, Karl Obermayr und Günther Maria Halmer (Foto). Letzterer spielt den Tscharlie, den größten Strizzi aller Zeiten, wie ihn SZ-Leser Fritz Kachelriess bezeichnet, den die Herkunft des Wortes Strizzi interessiert. Das Wörterbuch von Jacob Grimm definiert den Strizzi als umherstreichenden Geck und Nichtstuer, auch als Zuhälter, Strolch und Vagabund. Manche Sprachforscher vermuten, das Wort stamme wahrscheinlich vom italienischen strizzare (pressen, ausdrücken) her.

Der Dialektologe Ludwig Merkle (1928-2003) widersprach dieser Theorie. "Es sieht italienisch aus, ist es aber nicht", sagte er und leitete es lieber vom Verb stritzen ab, das soviel bedeutet wie: seinen Samen verspritzen. Nicht umsonst haben die Münchner Zeitungen des 19.Jahrhunderts unter einem Strizzi stets einen Zuhälter verstanden. Erst später schwächte sich die Bedeutung ab.

Als besonders verdächtig galten früher die Mingerer Strizzi, aber wie das Beispiel des Tscharlie zeigt, waren sie oft nur harmlose Herumtreiber. Vergleichbare Ausdrücke sind Stenz, Luggi, Bazi und Hallodri.

CSU Schnuller

Quelle: CSU

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Dietzel

Kürzlich war zu lesen, die CSU sei in das Schnullergeschäft eingestiegen. Tatsächlich wird man beim Blick in den CSU-Werbemittelladen eines Schnullers gewahr, der im Begleittext als "Beruhigungssauger" tituliert und für 2,99 Euro angeboten wird. Dekoriert ist er mit einem bayerischen Löwen, von dem man nur hoffen kann, dass er den Säugling nicht in die Zunge beißt.

Ungeachtet dessen beweist dieser Werbekrusch, dass die CSU ihre eigene Landestradition nicht mehr gut kennt. Andernfalls hätte die Partei merken müssen, dass es in Bayern nie einen Schnuller gegeben hat, sondern nur einen Dietzel (Diezl, Duzl, Dietzi, österreichisch: Zuzel). Die bayerische Literatur kennt ausschließlich Dietzel und Duzl. Das waren ursprünglich kugelige Stofffetzerl, die in Zuckerwasser oder Bier getaucht oder gar mit Schlafmohn gefüllt wurden, damit sich der Säugling beruhigte.

Andrea Maria Schenkel beschreibt den Dietzel-Gebrauch in ihrem 2006 erschienenen Roman Tannöd: "Wie der Kleine zu weinen angefangen hat, hat ihn die Alte auf ihren Schoß gesetzt und ihm seinen Dutzl gegeben. Zuvor hat sie den Dutzl abgeschleckt und in die Zuckerdose, die auf dem Tisch stand, getunkt."

Auch im Plastikzeitalter haben die Dietzel ihren Namen behalten, weshalb festzuhalten bleibt, dass sich die CSU mit ihrem Hang zu Anglizismen und norddeutschen Regionalismen wie dem Schnuller die Ausdrucksweise jener Blätter angeeignet hat, die das variantenreiche südliche Hochdeutsch gering schätzen und durch Einheitsbegriffe aus dem öden Wortbaukasten des Fernsehens ersetzen. "Schnulleralarm und Wonneproppen", titelt ein südbayerisches Anzeigenblatt regelmäßig, wenn es eine Babyfoto-Aktion startet. Für die Zeitung wie für die CSU gilt: Wer sich sprachlich nur noch am sogenannten Mainstream orientiert, beweist damit nicht immer nur Weltläufigkeit, sondern häufig auch eine fehlende Phantasie.

Baby mit Fläschchen

Quelle: dpa/picture-alliance

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Ludlflascherl

Die 1984 gestorbene Schriftstellerin Carlamaria Heim wäre in diesen Tagen 80 Jahre alt geworden. Unter anderem hat sie die Lebenserinnerungen ihrer Mutter herausgegeben, wofür sie mit dem Tukan-Preis ausgezeichnet wurde. Das grandiose Buch trägt den Titel "Josefa Halbinger - Jahrgang 1900" und ermöglicht einen tiefen Einblick in das Leben Münchner Arbeiterfamilien von 1900 bis etwa 1960. Auch längst vergessene Wörter sind dort dokumentiert, etwa das Ludlflascherl. In dem Buch erklärt Josefa Halbinger, die 1973 gestorben ist, den Begriff auf ihre Weise: "So hat mich die Mutter mit Malzkaffee aufgezogen. Den hat's in die Ludlflaschen getan, so hat man damals die Milchflaschen für die kleinen Kinder geheißen . . . Später hat mir mein Vater einmal Bier in die Ludlflaschen getan und hat sich recht gefreut, weil ich gleich fest gezogen hab. Er hat gesagt: Das wird ein echtes Münchner Kindl."

Euro und D-Mark

Quelle: dpa

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Diridari

In jener Zeit, als unser Geld noch nicht von Finanzhaien, Bankrotteuren und Spekulanten befleckt war, trugen der Silberkreuzer, die Goldmark und die D-Mark in Bayern noch den schönen Sammelnamen Diridari. Er verknüpft Pragmatismus mit sprachlichem Wohlklang, was ja die bayerischen Mundart generell auszeichnet. Natürlich klingt Diridari schon ein bisschen nach Leichtsinn, BayernLB und Pleitebank.

Vorausschauend präsentierten Gerhard Polt, Dieter Hildebrandt und die Biermösl Blosn im Jahr 1988 an den Münchner Kammerspielen ein Kabarettprogramm namens "Diridari". Christoph Well von der Biermösl Blosn schwärmte damals: "Es ist schön, wie der Bayer sprachlich mit Geld umgeht. Diridari, das klingt wie Larifari." Das Verhältnis der Bayern zum Diridari hat auch den Spiegel schon vor 50 Jahren beschäftigt: "Bei einem guten Preise ist jeder Preuße willkommen", schrieb das Blatt und fuhr fort: "Der Diridari, wie der bayrische Mensch, Daumen und Zeigefinger aneinander reibend, das Geld gerne nennt, gilt da als bevorzugter Maßstab der Hochachtung."

Aus eben diesem Grund klagt die Staatsregierung jetzt beim Bundesverfassungsgericht gegen den Länderfinanzausgleich. Das System sei aus dem Ruder gelaufen, wettert Ministerpräsident Seehofer. Er meint damit: Es geht einfach nicht, dass die Berliner mit dem bayerischen Diridari Larifari machen. Auf ihrer CD "Jodelhorrormonstershow" philosophierte die Biermösl Blosn: "Credo in pecuniam / Diridari kratz i zamm. . . / Summa summarum / Darum spar i / Diridari diridari."

Fashion Week Berlin - Camp David

Quelle: dpa

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Heigeign

Als die Landwirtschaft noch schweißtreibend per Hand betrieben wurde, da kam unter anderem die Heugeige zum Einsatz (mundartlich: Heigeign, Heigeing). Die einen verstanden darunter hölzerne Lattengestelle, die zum Trocknen des gemähten Grases dienten und im Voralpenland auch Heuheinzn hießen.

Andere benannten mit diesem Begriff jene lange Stange, mit der sie das Heu auf die Fuhrwerke luden. Populärer ist die Heigeign im übertragenen Sinne, nämlich als Bezeichnung für eine hochgewachsene, magere Frau, die einer Mischung aus Tussi und Hungerhaken mit gschnappigem Mundwerk entspricht. Das Idealbild einer Heigeign verkörperte Christine Kaufmann in der Fernsehserie "Monaco Franze" in den 80er Jahren.

Auch in der Riege der Nachwuchs-Models, die sich unter der Fuchtel von Heidi Klum vor der Kamera zum Affen machen (das Foto zeigt die Siegerin der siebten Staffel, Louisa Hartema), entpuppt sich so manches Mädchen als eine klassische Heigeign: knochig, kicherig, kasperlhaft. Selbst die Ministerinnen in der Staats- wie in der Bundesregierung fallen gelegentlich mit Heigeign-Attitüden auf, sind aber letztlich zu wohlproportioniert, um gänzlich in diese Kategorie eingeordnet zu werden.

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Quelle: Nixdorf (privat)

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Salettl

Bayern besitzt herrliche Berge, Seen und Biergärten - und doch wird der Kenner bayerischer Lebenslust diese Paradiese nicht höher schätzen als ein lauschiges Plätzchen im Salettl. Der Begriff stammt aus dem Italienischen (saletta, kleiner Saal) und umschreibt einen Pavillon, ein Gartenhäuschen oder eine versteckte Veranda eines Gasthauses. Salettln sind typische Bauwerke des späten 19. Jahrhunderts, in dem Sonntagsausflüge modern wurden und die Gäste im Gartenhäuschen neben dem Wirtshaus ihr Bier oder ihren Kaffee einnahmen.

Ein schönes Salettl ist im Freilichtmuseum Glentleiten (Foto) zu bewundern. 130 Jahre lang stand ein Salettl im Garten von Maria Hilf in Passau. Nun findet der filigrane und renovierte Holzbau im Freilichtmuseum Finsterau im Bayerischen Wald eine neue Heimat.

Maronistand in der Münchner Fußgängerzone, 2010

Quelle: Alessandra Schellnegger

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Stranitze

Täglich verschwinden Wörter aus unserer Alltagssprache, lautlos und unbemerkt. Stranitze ist so ein Begriff, den früher jedes Kind gekannt hat. Damals, als die Ware im Kramerladen noch nicht in müffelnde Plastiktaschen, sondern in braune Spitztüten eingepackt wurde. Der frühere Freisinger Schuldirektor Hans Niedermayer, schildert in seinem lesenswerten Erinnerungsbuch Kind in einer anderen Welt (Verlag Sankt Michaelsbund, 2009) den alten Kosmos einer Stranitze: "An der Seite des Ladentischs waren an Nägeln Stranitzen in verschiedenen Größen aufgehängt. Für alles bis zu einem Gewicht von 250 Gramm wurden Spitztüten verwendet, für größere Mengen standen viereckige Pfund-, Zweipfund und Fünfpfundtüten zur Verfügung."

Interessant ist auch, was Niedermayer über die Hygienesituation in seiner Kindheit erzählt: "Toilettenpapier kannten wir nicht. Da nicht alle Familien eine Zeitung hielten, fanden in stillen Örtchen auch gebrauchte Stranitzen ihre nachhaltige Verwendung."

In Oberbayern hieß das Wort Stranitze(l), im oberen Niederbayern an Isar und Vils Staritze(l) und in Österreich Stanitze(l), während im nördlichen Bayern Rogel das übliche Wort für die Papiertüte war. Manche Sprachwissenschaftler sehen die Wurzeln der Stranitze in Oberitalien, etwa in dem Wort cartoccio (Tüte aus Papier). Über italienische Händler könnte es nach Österreich gelangt sein, wo aber die Tüte bereits mit dem tschechischen Wort kornout benannt wurde. "Irgendwie fanden beide Wörter zueinander", vermutete einst der Sprachforscher Ludwig Merkle, und es wurde daraus ein Skarnizel sowie in der Folge ein Starnitzel und Stanitzel. Bei der etymologischen Erforschung dieser Begriffe muss man aber zusätzlich berücksichtigen, dass es ein ähnliches und sehr lebendiges Wort im Russischen gibt. "Stranitza hat in Russland eine ähnliche Bedeutung wie in Bayern", sagt Valentina Kopp, die ein weltweit einzigartiges bayerisch-russisches Wörterbuch verfasst hat.

Landesinnenminister Herrmann nimmt Polizeibeamten den Diensteid ab

Quelle: dapd

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Gendarm

Wenn man sich mit dem 85-jährigen Austragslandwirt Nik Schatz aus dem Isental unterhält, dann fällt auf, dass er gelegentlich das Wort Schadam gebraucht, das er auf dem ersten a betont. Wie der Nik, so verwenden noch viele alte Menschen auf dem Land die Wörter Schadam, Schandarm und Schandi als Synonyme für Polizei. Mancher Leser wird sich noch an das Kinderspiel Räuber und Schandi erinnern.

Dass das französische Lehnwort Gendarm und seine Varietäten zum bayerischen Sprachgebrauch gehören, ist dem Reformpolitiker Montgelas zu verdanken. Nach seinem Willen wurde 1812 nach französischem Vorbild die bayerische Gendarmerie als Sicherheitspolizei gegründet. In Frankreich hatte einst die königliche Leibgarde den Namen gens d'armes getragen, dem die lateinischen Bezeichnungen gens (Volk) und arma (Waffen) zugrundeliegen. Die bayerische Landpolizei hat noch vor wenigen Jahrzehnten Gendarmerie geheißen, die Landpolizisten wurden dementsprechend Gendarmen genannt. Erst Anfang der 70er Jahre erfolgte laut Beschluss der Staatsregierung das Aus für die Landgendarmerie. Seitdem ist die Bayerische Polizei für die Sicherheit im gesamten Freistaat zuständig.

Die Bayern rufen nun nach der Polizei, während die Österreicher immer noch die Gendarmerie hinzuziehen, obwohl auch dort seit 2005 die ländliche Bundesgendarmerie mit den städtischen Bundespolizeieinheiten unter dem Namen (Bundes-)Polizei verschmolzen ist. In Deutschland wurde der Name Gendarmerie nach dem Krieg oft mit ländlicher Biederkeit und Rückständigkeit in Verbindung gebracht. Polizisten hingegen wurden als die dynamischeren Ordnungskräfte wahrgenommen, die der Kriminalität besser und rascher Herr wurden. Der Werbespruch "Die Polizei, dein Freund und Helfer" trug zur Popularität des Wortes Polizei bei. Menschen wie Nik Schatz lassen den Gendarm aber bis heute weiterleben. Wenn sein Enkel ihn tratzt, ruft er ihm scherzhaft hinterher: "Pass nur auf, das dich d'Schadam ned holen!"

Josef und Narumol , Bauer sucht Frau

Quelle: RTL

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Zuchtl

In seinem Programm "Keine Frau sucht Bauer" lästert der Musikkabarettist Martin Herrmann über jene Männer aus der Stadt, "die glauben, sie bräuchten sich bloß als Bauer verkleiden, dann fänden sie eine Frau". Die Bauern auf dem Land spekulierten wiederum darauf, dass demnächst ein Fernsehteam von RTL (Das Foto zeigt das Bauer-sucht-Frau-Paar Josef und Narumol) auf dem Hof eintreffen werde, "im Schlepptau eine esoterische Zuchtl aus der Stadt".

Obwohl er in Heidelberg daheim ist, greift Herrmann hier auf einen Begriff aus dem ausdrucksreichen bayerischen Schimpfwörterkanon zurück, der für Kabarettisten wie eine Goldgrube ist. Der CSU-Politiker Peter Gauweiler hat dem SZ-Magazin vor einigen Jahren erzählt, Zuchtl sei eines seiner bayerischen Lieblingswörter, betreffe es doch das weite Feld des Emanzipatorischen. "Wir Bayern befürworten die Emanzipation der Frau'', führte Gauweiler aus, "nicht aber den Widerspruch und das ewige Nachschnabeln.''

Vor diesem Hintergrund definierte Gauweiler die Zuchtl als "eine besonders schnabelige, gschaftige Person'', wie sie als politischer Typus häufig im Berliner Hosenanzugbiotop zu finden sei. Diese soziologisch ausdifferenzierte Sicht hat indessen mit der ursprünglichen Bedeutung nur wenig zu tun, denn der Ursprung der Zuchtl ist die Zuchtsau.

Pejorativ verstärkt, geht die Tendenz im Weiteren sogar in Richtung schlampige, liederliche, ordinäre Weibsperson. Dieser rhetorischen Gefahrenstelle eingedenk, deutet der Kabarettist Herrmann die esoterische Zuchtl aus der Stadt sicherheitshalber in eine "paranormal interessierte Sinnsucherin mit urbanem Migrationshintergrund'' um.

Alle Infos zu Bauer sucht Frau" im Special bei RTL.de

Johannisbeeren

Quelle: dpa

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Ribisel

Am Sonntag (24. Juni) war Johanni. Der Johannistag markiert den Namenstag der Sommerhansln, ein angenehmes Privileg, das die Kevins, Leons und Bens eben nicht haben. Sogar die Natur ehrt diesen Namen, indem sie um diese Zeit die ersten Johannisbeeren reif werden lässt. Im südlichen Bayern und in Österreich trägt die Johannisbeere den interessanten Namen Ribisel, der vom lateinischen ribes und vom arabischen ribas abgeleitet ist.

Schmackhaft ist auch der Ribiselwein. Unvergessen, wie Helmut Qualtinger einst in der Rolle des Herrn Karl selig davon träumte, wie er als junger Bursche mit den Madln "den Ribiselwein abigstessn" hat.

WM 2006 - Brasilien - Australien

Quelle: dpa

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Bauernspitz

"Wann fährt Podolski die linke Klebe aus?", hat eine Münchner Zeitung im Sportteil gefragt und damit bestätigt, dass die südhochdeutsche Fußballsprache bei der Europameisterschaft keine Rolle spielt. Für die Klebe (strammer Schuss) hätte es allein im bairischen Idiom ein Dutzend Synonyme gegeben, allen voran den Bauernspitz als die Urform des Ballschießens.

Den Bauernspitz wenden vor allem unerfahrene Fußballer an, die den Spannschuss, die Bananenflanke und den Innenspannpass noch nicht beherrschen. Mit der Fußspitze ausgeführt, hat der Bauernspitz den Nachteil, dass er keine filigrane Schusstechnik ist und der Ball deshalb eine unberechenbare Flugbahn nimmt. Aber sogar Weltklassestürmer treffen auf diese Weise immer wieder. Gerd Müller hat via Bauernspitz so manch kurioses Tor erzielt, und der Brasilianer Ronaldo (Foto) entschied das WM-Halbfinale 2002 gegen die Türkei mit einem famosen Bauernspitz.

Deutsche Fußballer und TV-Sportmoderatoren setzen aber lieber auf eine Rhetorik, die von Stahlhelmen und preußischem Militarismus getränkt ist. Ständig schwafeln sie von Druck, taktischen Fouls, Unterordnung, Zerstören. Diese Sprache hat auch den Jugendfußball verseucht, wo schon Achtjährige aggressiv nach vorne arbeiten, sich den Arsch aufreißen und auf den Gegner draufhauen sollen.

Dabei wäre es sinnvoller, sie würden sich einfach den Ball zuscheibeln, den Verteidiger mit einer Finte blitzen, ein bisschen danddeln und die Blunzn dann ins Häusl semmeln. Das Südhochdeutsche hätte für jede Spielsituation Wörter, die selbst feinste Nuancierungen dieses Sports souverän ausdrücken könnten. Leider hat die Welt des Fußball-Business für diese bildreich-friedliche Sprache nichts mehr übrig.

Frank Ribéry, DFB-Pokalfinale, FC Bayern München - Borussia Dortmund, 2012

Quelle: dpa/picture-alliance

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Schleich

Das Farbigste im Fußball-Ländervergleich zwischen Deutschland und Portugal am Samstag waren die Fußballschuhe der Athleten. Rot, blau, pink und gülden blinkten ihre Treter auf dem Rasen, mancher Athlet wirkte, als könne er, geblendet vom Glanz seines Schuhwerks, nicht mehr gescheit laufen, passen und schießen.

Fußballschuhe sind Statussymbole. Gestylt wie Sportwägen und leicht wie Schwalbenfedern, tragen sie die Starkicker über den heiligen Rasen. Nach dem Pokalfinale in Berlin hielt FC Bayern-Stürmer Franck Ribéry seine roten Schuhe in der Hand und nahm die Gratulation von Bundespräsident Joachim Gauck strumpfsockig entgegen. So wenig Respekt war damals, als die Fußballschuhe noch Schleich hießen, undenkbar.

Erstaunlicherweise lebt dieser Begriff heute noch: "Mist, jetzt hab ich meine Schleich vergessen!" Trotzdem findet er in keinem Lexikon Erwähnung, obwohl der Fußball bis in alle Nichtigkeiten hinein ausgeschlachtet wird. Manche führen das Wort Schleich darauf zurück, dass die Stollen einst aus Schläuchen hergestellt wurden. Der Plural von Schlauch lautet im Bairischen tatsächlich Schleich.

Der Münchner Schuhmachermeister Ernst Heinisch sagt freilich, er habe für die Fertigung der Stollen Leder statt Gummi verwendet. Nach einigen Spielen waren die Lederstollen verschlissen und wurden ersetzt. Heinisch favorisiert augenzwinkernd die Theorie, es heiße Schleich, weil die Fußballer nach Niederlagen oft mit eingezogenem Kopf dahinschleichen. In den Anfängen des Fußballs waren die Leisten der Schuhe aus Gummi gefertigt, was die Schlauchtheorie erhärtet. Erst nach dem Krieg gab es Schraubstollen, die den Deutschen im WM-Finale 1954 einen Vorteil verschafften. Die Ungarn rutschten mit ihren Leistenschuhen auf dem nassen Spielfeld in Bern aus und verloren.

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Quelle: Hartmut Pöstges

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Hundskrüppel

Der Kabarettist Michael Altinger hat neulich beklagt, dass der Hundskrüppel (Hundsgribbe) ausstirbt. Tatsächlich ist dieses Schimpfwort nur noch selten zu hören. Altingers Theorie: Viele Buben trauen sich nichts mehr. Träge, computerhörig und der Natur entfremdet, können sie mit Bächen, Weihern, Heuschobern und Bäumen nichts mehr anfangen. Sie kämen nie und nimmer auf die Idee, wie Altinger es vorschlug, sich auf einen Golfplatz zu schleichen, die Löcher vollzubieseln und dann unschuldig zuzuschauen, "wie die Bonzen alle neilangen."

Anschauungsunterricht für Hundskrüppel böten auch die alten Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma, die aufzeigen, wie man heimlich Tinte ins Weihwasserbecken schüttet, bevor die Kirchgänger sich damit die Stirn benetzen. Auch Gerhard Polt (Foto) war ein Hundskrüppel, wie er in seinem Buch Lehrjahre eines Übeltäters nachweist. Einmal quetschte er einen Rollmops, den er in der Sonne gären ließ, unter die Bodenleiste eines Geldinstituts, das danach gravierende olfaktorische Probleme zu meistern hatte.

Griesgrämige Erwachsene und Grantler waren beliebte Zielobjekte von Hundskrüppeln. Deren Fluch "Ja du Hundskrüppel, du verreckter!" brachte den Missetätern Ruhm und Anerkennung ein in jener Zeit, in der die Dorf- und Vorstadtkinder noch ungeahnte Freiheiten genossen. Im Gegensatz zur heutigen Jugend, die nach Frühkasernierung in Krippen und Kindergärten unter staatlicher Aufsicht auf das schnelle Abitur hindämmert, aber keine Ahnung vom Baumkraxeln, Sauschlachten und Fröschefangen hat.

Im Übrigen ist das Präfix hunds- zur pejorativen Verstärkung im Bairischen gang und gäbe: Hundsbub, Hundswetter, hundsmiserabel, hundsgemein... Das im Germanischen wurzelnde Wort Krüppel ist hier im Sinne von Spitzbub zu verstehen.

Schweine im Stall

Quelle: dpa/dpaweb

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wia d'Sau

Auf vielen Autobahnen ging es zum Start der Pfingstferien nur im Schritttempo voran. Zum Leidwesen der Urlauber, die auf dem Weg ins Feriendomizil oft in höchster Eile sind. Jede Minute ist kostbar, und deshalb pressiert es "wia d'Sau", wie man in Bayern sagt. Diese Wendung ist ein Paradebeispiel für die Bildhaftigkeit des Dialekts, in dem die Sau als verstärkendes Element eine überragende Rolle spielt. Das Essen schmeckt saugut, die Sechzger spielen sauschlecht, der Film ist saulustig...

Die Wendung "wia d'Sau" bringt zum Ausdruck, dass etwas über das Normalmaß hinausgeht. Beim Faschingsumzug in Töging an der Altmühl riefen die Narren: "Draußen ist es kalt wie d'Sau, trotzdem schrei ma Kasa Wau!" Bei einem Wolkenbruch sagt der Bayer nicht: "Es regnet", sondern wie in Markus H. Rosenmüllers Erfolgsfilm Wer früher stirbt, ist länger tot: "Es schifft wia d'Sau".

Vermutlich hat dies auch die Redaktion der Zeit gehört, die einen Artikel über die Agrarindustrie mit folgender Überschrift schmückte: "Auf dem Hof von Ökobauer Sepp Braun nahe Freising dampft der Kompost - wia d'Sau."

Selbst in der Finanzpolitik wird man fündig. Der Kämmerer der Gemeinde Zorneding sagte in einem Interview: "Außerdem haben wir investiert wia d'Sau." Eine Weiterentwicklung liefert der Facki-Rap des Kabarett-Duos "Da Bertl und i", wobei Facki als Ferkel zu verstehen ist. Dort heißt es: "In da Drecklagga flagga is a Gaudi wie d'Sau." Übersetzt: In einer Pfütze zu liegen, ist eine Schweinsgaudi.

Wer sich solchen Freuden hingibt, der vererbt diese Neigung wohl weiter, denn die Kabarettistin Monika Gruber sagt: "Wia d'Sau, so d'Facki!" - oder "b'Facki", wie dieser Plural grammatikalisch ganz korrekt heißt.

Murmeln um Meisterehren

Quelle: dpa/dpaweb

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Schusser

Am Samstag hat die Sendung "Zwischen Spessart und Karwendel" im Bayerischen Fernsehen Schussergeschichten präsentiert. Bei älteren Menschen weckt das Wort Schusser mit Sicherheit Erinnerungen an ihre Kindheit, in der sie auf einer Wiese oder auf einem Weg mit den Händen oder mit der Ferse ein kleines Loch gruben und danach im edlen Wettstreit versuchten, die bunten Glas- und Tonkugeln hinein zu schussern. In der zubetonierten Landschaft von heute ist es fast unmöglich, Schusserbahnen zu bauen. Schusser sind nichts anderes als Murmeln oder Märbel, wie man sie in Franken nennt. Diese Namen rühren daher, dass die Kugeln früher aus Marmor hergestellt wurden und verschiedenen Zwecken dienten, manchmal sogar als Kanonenkugeln. Aber am populärsten waren die Schusser als Spielgeräte. In Altbayern sagte man auch Arwa.

GRÜNE WOCHE

Quelle: DPA/DPAWEB

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Leiterwagerl

Der soeben begangene Vatertag hat gezeigt, wie schnell die Bayern bereit sind, ihre angestammten Fachbegriffe durch norddeutsche Regionalismen zu ersetzen. Ein neues Lieblingswort im Freistaat ist der Bollerwagen, mit dem feiernde Väter zum Beispiel ihre Biertragl transportieren. Einzig der BR-Reporter Rudolf Gilk verwendete in seinem Fernsehbericht über den Vatertag noch das alte Wort Leiterwagerl. Der Bollerwagen ist durch die Werbung der Baumärkte in Bayern eingedrungen und wird seitdem von den Landesmedien leidenschaftlich nachgebetet. Den Vorreiter machte vor einigen Jahren ein niederbayerisches Tagblatt, das den Bericht über eine Fahnenweihe mit zwei abgebildeten Trachtlerbuben veranschaulichte. In der Bildunterschrift war zu lesen: "Zwei Jungs auf dem Bollerwagen".

Neuer Ticketautomat der MVG, 2010

Quelle: Robert Haas

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Billett

Auf der Sonnenterrasse der Rehabilitationsklinik Bad Endorf vertreiben sich die Patienten die Zeit mit kurzweiligen Gesprächen. Vor wenigen Tagen hat dort Frau Monika S. aus Obergiesing Geschichten aus ihrer Kindheit in den 60er Jahren erzählt. Wie sie zum Beispiel allein mit der Straßenbahn zum Schlittschuhlaufen aufs Oberwiesenfeld fahren durfte. Für ein Giesinger Dirndl war das damals fast eine Weltreise. "Billett bittschön", habe der Kondukteur (Schaffner) zu ihr gesagt. "Ah, hast no koans, dann krieg' ich eine Mark zwanzge von dir."

Damals konnte man Straßenbahn- und Zugbilletts noch nachlösen und dann zwicken lassen. Im Kino und im Theater erledigte das der Billettlzwicker. Eines Tages musste das Billett jedoch dem neuen Wort Fahrkarte weichen. Dieses wurde wiederum vom Ticket abgelöst, das mit dem Flugverkehr in die deutsche Sprache eingedrungen ist.

Heute heißen Fahr- und Eintrittskarten nur noch Tickets. Das Billett und das Billettl leben lediglich in der Erinnerung fort, etwa in dem Kurzfilm ,,Der Theaterbesuch'' (1934), in dem Liesl Karlstadt sagt: "Rat amal, was s' ma gschenkt hat? Zwei Theaterbillettln." Und wie stolz war einst ein Schüler, wenn er ein Fleißbillettl erhalten hat. Das Billett wurzelt im französischen billet de logement (Quartierschein für Soldaten).

Auch das Ticket ist französischen Ursprungs. Der Sprachkolumnist Robert Sedlaczek verweist auf die estiquette, einen öffentlich ausgehängten Zettel mit einer Ankündigung. Das Verb estiquer bedeutete so viel wie ankleben, bairisch gesagt heißt das hinbicken oder hinbappen.

Bayerischer Bauernverband, Werbekampagne, Sahnenschnitten

Quelle: Bayerischer Bauernverband

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Rahmsulz und Sahneschnitten

Die bairische Sprache ist mit ihrem Begriffsreichtum und mit ihrer ausgefeilten Grammatik aus der Arbeitswelt der Bauern herausgewachsen, die lange Zeit die Mehrheit in diesem Land gebildet haben. Vor diesem Hintergrund hat der Bayerische Bauernverband eine Werbekampagne gestartet, die "ein positives Signal für den ganzen Berufsstand" setzen soll.

Leider bewirkt sie das Gegenteil, denn einmal mehr beweist der Verband, wie weit er sich von seinen Wurzeln und Traditionen entfernt hat. Für seine Milchprodukte wirbt er mit dem Spruch: "Ein hartes Stück Arbeit, das sich lohnt - zum Beispiel in Form von leckeren Sahneschnitten." Ist schon das Adjektiv lecker trostlos genug, so prangt auf dem Werbeplakat auch noch das Wort Sahneschnitten über den Köpfen des bisherigen Bauernpräsidenten Gerd Sonnleitner und der Landesbäuerin Annemarie Biechl (das Bild zeigt das Original-Motiv der Werbekampagne, auf dem Biechl und Sonnleitner nicht zu sehen sind, die Red.) "Damit setzen wir ein positives Signal für den ganzen Berufsstand", lautet ihre Botschaft.

Noch besser wäre es gewesen, hätten die Funktionäre bedacht, dass die hiesigen Bauern nicht Sahne, sondern Rahm sagen. War die Bezeichnung Sahne einst nur im alten Preußen üblich, hat sich das Sahne-Gebiet zwar ausgeweitet, aber den Rahm, der als "roum" schon im mittelalterlichen Bayern bekannt war, keineswegs verdrängt. Bayerische Molkereien verkaufen ganz bewusst Rahmjoghurt, Rahmtorte und Käserahm.

Der Bauernverband hätte überdies mit der Bayerischen Creme (Crème bavaroise) werben können, jenem klassischen Dessert, das weltweit nachgeahmt wird. Bereits im 14. Jahrhundert hat die bayerische Prinzessin Isabeau die Rahmsulz als Vorläuferin dieser Crème in die französische Küche eingeführt. Sie strahlt also monarchischen Glanz aus. Auch Johann Rottenhöfer, Mundkoch des Königs Maximilian II. von Bayern, war berühmt für seine Rahmsulz.

Die Sahneschnitte klingt dagegen wie eine Billigware auf einheitssprachlichem Fernsehshowniveau. Die Bauernfunktionäre offenbaren damit, dass sie die Varietäten ihres südhochdeutschen Idioms gering schätzen und lieber einen Sprachmist von sich geben, der so armselig wirkt wie der Bauernverband, wenn es um seine eigene Tradition geht.

Harzer Luchse haben wieder Nachwuchs

Quelle: dpa

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Vergeben

Vor wenigen Wochen ist im Bayerischen Wald das Luchsweiberl Tessa tot aufgefunden worden. Die Empörung ist groß, denn das unter Artenschutz stehende Tier wurde von einem Unbekannten vergiftet.

Der schändliche Anschlag erinnert indessen an ein Wort, das wir eigentlich in einer anderen Bedeutung kennen. Es geht um das Verb vergeben, das wir zum Beispiel beim Vater-unser-Gebet hören: "...und vergib uns unsere Schuld!" In der Champions League hat der weltbeste Fußballer Lionel Messi neulich einen Elfmeter vergeben. Und die Karten für das Finale der Champions League in München vergibt nicht der FC Bayern, sondern die Uefa.

Leider wurde auch der armen Tessa vergeben, aber im negativen Sinn, nämlich mit Gift. Diese Bedeutung von vergeben kennen wohl nur noch ältere Menschen auf dem Land. "I glaab, im Keller hamma Meis. Dene müassma glei vogehm!" (Ich glaube, im Keller sind Mäuse. Denen müssen wir schnell vergeben). In Wolfgang Asenhubers Roman Leichengeschäft (1985) wird das Verb vergeben im Sinne von vergiften sogar literarisch verwendet: "Mit den Ratzen haben wir nie Schwierigkeiten ghabt, weil ich die Plätze genau kennt hab, wo ich das Gift hintun muss. Wieviel ich da vergeben hab: jedes Jahr ein paar Tausend."

Einst war diese Bedeutung auch im Hochdeutschen geläufig, was Adelungs Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart von 1801 belegt: "Gift beibringen und dadurch tödten; durch Gift hinrichten." Im Bairischen wird vergeben mit dem Dativ verknüpft. "I muas a de Ratzn vogehm." Das Phänomen, dass ein Wort auch das Gegenteil bedeuten kann, gibt es sonst nur im Chinesischen. Also obacht, wenn auf dem Land jemand sagt: "Dir vogib i glei!" (pass bloß auf, dir vergebe ich gleich!).

Feiern zum 'Tag des Bieres' am 23. April

Quelle: dpa

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Foam

Beim Öffnen einer Bierflasche passiert es gelegentlich, dass der Inhalt druckvoll überläuft oder gar herausspritzt. Im Glas fällt der Schaum anschließend schneller zusammen als gewöhnlich. Die Brauereien benennen dieses Phänomen mit dem englischen Wort "gushing". Der Bayerische Brauerbund führt dieses Überschäumen nicht auf einen Braufehler, sondern auf die Rohstoffe zurück.

Auch dieses Jahr ist der Gushing-Effekt schon des öfteren aufgetreten. Mälzereien und Brauereien haben so gut wie keinen Einfluss darauf. Auf die Sprache hätten sie allerdings schon Einfluss. Sie könnten den Anglizismus durchaus vermeiden, denn im Bairischen gibt es mit Blick auf die Schaumentwicklung beim Bier den altehrwürdigen Begriff Foam. Er wird noch dazu wie ein englisches Wort geschrieben und ist in England geläufig.

Wenn einem Biertrinker der Foam im Bart hängt, wird es Zeit, dass er ihn abwischt. In einem in Georg Queris "Kraftbayrisch" (1912) abgedruckten Gedicht heißt es: "Hat der Bauer des Stück na verkafft, sauft er, dass eahm der Foam abilafft."

Auch Gerhard Polt zitiert das Wort hin und wieder. Wenn einem Mann die Spucke (bairisch: Speiberling, Soiferling) aus dem Mund rinnt, dann foamt er. Es sind Fälle bekannt, in denen solche Männer den Beinamen Foamer erhielten (Foamer Schorsch).

Die schriftdeutsche Entsprechung zu Foam ist das Wort Feim, das aber seltener zu hören ist als das dazugehörige Adjektiv abgefeimt (abgeschäumt, gerissen, durchtrieben). Wenn auf dem Oktoberfest schlecht eingeschenkt ist und zu viel Foam im Krug ist, bezichtigt der enttäuschte Gast die Wiesnwirte manchmal der Abgefeimtheit.

Dem Foam könnte das lateinische Wort spuma (Schaum, Gischt) zugrunde liegen, das sich im Alt- und Mittelhochdeutschen zu veim, im Frühneuhochdeutschen zu faum und feim gewandelt hat. Die in Anglizismen vernarrte Brauindustrie könnte also in Bayern statt gushing den "gascherten Foam" einführen, bairischer und englischer geht es kaum.

Foam (Nachtrag)

SZ-Leserin Wiebke Müller weist darauf hin, dass der Foam, dieses herrliche alte Wort für den Bierschaum, in Bayern auch in einem anderen Zusammenhang verwendet wurde. Der Foam galt nämlich als ein Beweis für Qualität, etwa für eine gute Seife: "De Soafa is guad. De foamt gscheid. Das habe ich in den 50er Jahren noch selber gehört", schreibt Frau Müller.

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Quelle: DAH

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Schlawiner

Vom Freitag, 13.April, an zeigt das Bayerische Fernsehen fünf neue Folgen der österreichisch-bayerischen Serie "Schlawiner", die skurrile und liebenswerte Einblicke in das Leben von Großstadtbewohnern gewährt. Regisseur Paul Harather lässt vom Romantiker bis zum Neurotiker keinen Typus unberücksichtigt und serviert somit eine höchst vergnügliche Mischung von Persönlichkeiten, die sich im täglichen Miteinander in so manche Panne verstricken und so manche Dummheit begehen.

Das Wort Schlawiner war in seiner ursprünglichen Bedeutung (durchtriebener Mensch, Nichtsnutz, Betrüger) ein fremdenfeindlicher Ausdruck, der sich aus der früheren nationalistischen Geringschätzung der Balkanvölker erklärt. In eine ähnliche Richtung weisen alte Schimpfwörter wie Krawat, Schlawack, Polack, Russ und Preiß (Menschen aus Kroatien, Slowenien, Polen, Russland und Preußen). Im Schlawiner steckt wohl der Slowene oder der Slawonier - ähnlich wie beim verwandten Wort Schlawack der Slowake.

Heute versteht man unter einem Schlawiner eher einen schlauen oder raffinierten Menschen, dem zwar sein eigener Vorteil am Herzen liegt, dem aber nicht selten ein Hauch von Bewunderung zufliegt. Regisseur Paul Harather erklärt es so: "Ein echter Schlawinerfachmann kommt an Ihre Tür und verkauft Ihnen Schnürsenkel, obwohl Sie einen Klettverschluss an Ihren Schuhen haben. Sie lehnen höflich ab, machen die Tür zu und gehen zurück ins Wohnzimmer und stellen fest, er sitzt schon längst da und macht sich's gemütlich."

Harather hält das Schlawinerische für einen Wesenszug, der die Österreicher und die Bayern verbindet. Es sei sogar das, was den gesamten süddeutschen Raum vom norddeutschen trennt. Auch zu Kindern sagt man gerne scherzhaft: "Ja du Schlawiner!" oder noch öfter: "Ja du Schlawuzi!" Bei dieser Koseform hat sich die Bedeutung völlig ins Positive gedreht.

Rock im Park Nürnberg

Quelle: picture-alliance/ dpa

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Wildbiesler

Ein Verwaltungssekretär aus Schrobenhausen hatte sich, als ihn die Blase drückte, in die Büsche geschlagen und sich dort das Bein gebrochen (SZ v. 21. März). Obwohl sich sein Dienstherr dagegen sträubte, muss er die Behandlungskosten übernehmen. Die Verwaltungsrichter bewerteten das Wildbieseln nämlich als Dienstunfall.

An und für sich sind Wildbiesler, die ihr Wasser unkontrolliert im Freien abschlagen, nicht gerne gesehen. "Jäger geht auf Wildbiesler los!", titelte eine Zeitung in der vergangenen Woche. Das verstand jeder, denn das Verb bieseln ist das bayerische Zentralwort für urinieren. Immer öfter wird es freilich durch die Nordsprech-Variante pinkeln ersetzt, weil diese angeblich vornehmer klingt. Bieseln hat dagegen unübersehbare Anklänge an die Kindersprache: Man sagt "biesi-biesi" oder "wiesi-wiesi machen". Das schriftdeutsche Grundwort pissen hat ebenso wie das Pissoir seine Wurzeln im altfranzösischen pissier. Als Biesler wird auch die Spielkarte Eichel-Siebener (Spitz) bezeichnet, die beim Watten zu den drei Kritischen zählt.

Synonyme wie brunzen und seichen (soacha) klingen derber als bieseln. Trotzdem ist die heilige Margaret (20. Juli) als Heusoacherin bekannt. Ihr Namenstag fällt mitten in die Erntezeit und ist als Regentag gefürchtet. Eine der lustigsten Wildbiesler-Geschichten hat sich vor gut 80 Jahren in Dorfen zugetragen, wo ein Bauer an das Amtsgericht gebieselt hatte. Die Strafe betrug drei Mark und 70 Pfennige. Der Mann legte vier Mark hin und machte kehrt. "Sie kriegen noch 30 Pfennige", rief ihm der Amtmann nach. "Passt scho", sagte der Bauer. "An Schoas hob i aa no lassn."

'München 7' - Dreharbeiten am Viktualienmarkt

Quelle: picture alliance / dpa

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Weiberleit

Auch in der neuen Staffel von Franz Xaver Bogners Serie "München 7", die leider im ARD-Vorabendprogramm versteckt wird, hat der Polizist Xaver Bartl (Andreas Giebel) zwei resolute Frauen um sich, nämlich die von Christine Neubauer (links im Bild) verkörperte Standlfrau Elfi Pollinger und die von Monika Gruber (rechts im Bild - in der Mitte Regisseur Franz Xaver Bogner) gespielte Tussi Moni Riemerschmidt. Revierleiterin Thekla Eichenseer (Luise Kinseher) hat Bartl deshalb in der jüngsten Folge ermahnt: "Xaver, ich will deine unzähligen Weibergschichten nicht unterstützen." Bartl entgegnet: "Frauengeschichten!" Eichenseer kontert: "Wenn ich als Frau Weiber sag, dann moan i aa Weiber."

Trotz der Klarheit dieses Dialogs ist das schon im Althochdeutschen belegte Wort Weib (wip) etymologisch nicht eindeutig zuzuordnen. Im modernen Bairisch ist der Begriff im Sinne der Frau Eichenseer zu betrachten: Ein Weib, auch Weiberts oder Weiberleit genannt, steht konträr zur seriösen Dame. Als Verkehrsminister Peter Ramsauer kürzlich auf dem Nockherberg "an Hauffa Weiberleit und Mannerleit" sah, da bediente er sich der Sprache des Ludwig Thoma. Zu dessen Zeit klang das Weib noch unverdächtig und rein, deshalb fand es damals sogar Eingang in die "Heilige Nacht" und in den Rosenkranz: "Gebenedeit bist du unter den Weibern."

PROSTITUIERTE "STEFFI"

Quelle: DPA

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Schlampn

In München 7 ist außerdem das Wort Schlampn (Schlambbm) zu hören, das in seiner Authentizität Bogners Gespür für die Tonlagen der Alltagssprache belegt. So sagt der Polizist Xaver Bartl zu seinem Gspusi: "Ach Elfi, an dieses Cabrioletfahren könnt ich mich glatt gewöhnen." Elfi lästert daraufhin schnippisch über ihre Rivalin Moni: "So, hat dir des der blonde Schlampn beibracht!"

Der Schlampn (mit dunklem a gesprochen) ist eines der bösesten bayerischen Synonyme für das Wort Frau. Es benennt in der weichen Form ein unordentliches, in der harten Form ein liederliches Weibsbild, ja eigentlich eine Hure. Das belegt ein dümmlicher Spruch, der im Internet kursiert: "A Bayer ohne Wampn is wia a Puff ohne Schlampn."

Drei Millionen Zuschauer sehen 'Leute, Leute!'-Premiere

Quelle: dapd

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rasseln

Das ZDF wollte für seine Unterhaltungssendung "Leute, Leute" eine Altersobergrenze von 69 Jahren für das Studiopublikum einführen. Vermutlich orientierte sich der Sender am Diktum der Kabarettistin Monika Gruber, wonach alte Männer, denen Haare aus der Nase und den Ohren wachsen, auch noch hundeln - also riechen wie die Hunde.

Das Wort hundeln ist in seiner Bildhaftigkeit typisch bairisch. Gerade im Themenbereich Riechen-Rasseln-Stinken gibt es im Dialekt mannigfaltige Varianten. Josef Fendl listet in seinem Buch "Gedanken am Ufer" Synonyme für das Verb rasseln auf: schoaßeln, kaasln, knofln, wujdln, ranzln, fischln, muffln, soachln, doudln. Als der Gemeinderat von Konzell seinen Kindergarten "Rasselbande" nennen wollte, intervenierte der Sprachschützer Sepp Obermeier mit dem Argument, dass es nicht nur das Rasseln mit dunklem A gibt (scheppern), sondern auch jenes mit hellem A (für Schweiß- und Uringestank).

Und im Zwieseler Winkel bedeute das Wort Rasselbinder nichts anderes als Gesindel. Deshalb sei dieser Name für einen Kindergarten nicht tragbar, argumentierte Obermeier. Das klinge ja wie Hosenbieslerbande. Schweren Herzens nahm der Gemeinderat vom Namen "Rasselbande" Abstand.

Biathlon-WM 2012

Quelle: dpa

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Ruapading

Bei den aktuellen Berichten über die Biathlon-WM in Ruhpolding wird häufig der Ortsname falsch intoniert. Die richtige Betonung liegt auf der Vorsilbe "Ruh-", nicht auf "-polding", was viele Nichtbayern nicht glauben wollen. Im Dialekt heißt der Ort Ruapading, auch hier wird die erste Silbe betont. Der Name Ruhpolding geht bis auf die Bajuwaren zurück (Rupoltingin).

Umso bedauerlicher ist es, mit welcher Gleichgültigkeit solch alte Ortsnamen verhunakelt werden. Auch die Bahnbetriebe fördern die Verhunzung der Ortsnamen, wenn sie zum Beispiel Schwindegg (Kreis Mühldorf) auf der ersten statt auf der zweiten Silbe betonen, Issmaning statt Ismaning proklamieren und beim Gasteig, dem gachen Steig, fälschlicherweise den -steig statt der Vorsilbe Ga- hervorheben.

Fototermin zur ZDF-Boulevardsatire 'Leute, Leute!'

Quelle: dapd

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Schmarrn

Kürzlich war Monika Gruber (Foto) erstmals in ihrer ZDF-Show "Leute Leute" zu sehen. Sie sprach dabei ein südlich gefärbtes Standarddeutsch, in das einige Brocken Bairisch eingesprenkelt waren: "Dieser ganze Diät-Wahnsinn ist doch alles ein Schmarrn", lästerte sie zum Beispiel. Weil der Schmarrn eine bayerisch-österreichische Spezialität ist, gibt es kein standarddeutsches Wort dafür. Die Gruberin konnte also gar nicht anders, als Schmarrn zu sagen.

Außerdem, zerkleinerter Eierkuchen würde allzu komisch klingen, und Brötchenquatsch statt Semmelschmarrn, das wäre ein Tiefpunkt des Sprachwandels. Ursprünglich ist der Schmarrn eine Mehlspeise, die vom Wort Schmer (Fett, althochdeutsch smero) abgeleitet ist.

Dass Schmarrn zudem Unsinn bedeuten kann, ist vielleicht mit der Alltäglichkeit der Mehlspeise zu erklären, wie der Dialektologe Ludwig Merkle vermutete. Sie war eben nichts Besonderes. In Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich" schimpft die Seewirtin: "Red doch nicht so einen Schmarrn!" In den Regionalkrimis von Rita Falk wird wiederum viel Schmarrn gemacht. Einmal schmiert sich der Papa Eberhofer im Fasching das Gesicht mit Schuhcreme ein. Die Oma schimpft: "Jedesmal verschmiert er mir mit dem Schmarrn die ganze Wäsche." Wer viel Schmarrn redet, wird auch als Schmarrnbene bezeichnet. In manchen Radiosendern kommen viel zu viele Schmarrnbene zu Wort.

kaiserschmarrn

Quelle: HLPhoto - Fotolia

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Kaiserschmarrn

Der Kaiserschmarrn ist eine der bekanntesten Süßspeisen der österreichischen Küche. Zahlreiche Legenden ranken sich um seine Herkunft. So soll der Kaiser Franz Joseph zum Nachtisch Mehlspeisen bevorzugt haben. Gelangen diese nicht, weil sie platzten oder zerrissen, waren sie des Kaisers nicht würdig, und das Gericht wurde dem Personal serviert - denn es war ein Schmarrn, so etwas dem Kaiser vorzusetzen. Lange galt der Kaiserschmarrn als Arme-Leute-Essen. Heute gehört er zu den beliebtesten Mehlspeisen überhaupt.

Excellent-Schau kürt beste Milchkühe

Quelle: dpa

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Dutten

Vorige Woche hat das Bayerische Fernsehen den sehenswerten Beitrag "Die Mundart lebt hinter der S-Bahn" ausgestrahlt. Die Autorin Steffi Kammermeier zeigte darin auf, dass die Menschen im Großraum München immer unverfälschter Dialekt sprechen, je weiter entfernt sie von der Bahn leben. Und doch war nicht zu überhören, dass selbst sehr alte Menschen auf dem Land vom Sprachwandel infiziert sind.

Da fragte zum Beispiel der Dialektologe Bernhard Stör einen 91-Jährigen, wie das heiße, "was am Euter einer Kuh unten dran ist?" Darauf der alte Mann: "Des san de Tittn." Worauf Stör erwiderte: "Des sogd ma in Berlin obn." Schon längst hat sich der norddeutsche Begriff Titten via Fernsehen in den bayerischen Dörfern festgesetzt.

Eigentlich heißen die Brustwarzen der Säugetiere in Süddeutschland Zitzen. Dieses Wort gab es wie die Synonyme Tutte und Tütel bereits im Mittelhochdeutschen. Im Bairischen sind daraus die Dutten (Duddn) geworden. Mit der Zitze hängen auch die bairischen Verben suzeln und zuzeln (saugen) zusammen, die vor allem durch das Zuzeln der Weißwurst am Leben gehalten werden. Schmellers Wörterbuch kennt als Synonym auch dutteln. Ein Dutterer ist ein unreifes Bürscherl, das noch an den Dutten der Mutter, also an der Mutterbrust hängt.

Fruit Logistica

Quelle: dpa

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Schicks

Kürzlich hat das SZ-Feuilleton vom Hausmusikabend der Geschwister Well in den Münchner Kammerspielen geschwärmt. Unter anderem war dort ein "Power-Rap" zu hören, in dem auch Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (Foto) besungen wird: "De Schicks mit ihre Tricks." Hier drängt sich natürlich die Frage auf, ob sich auch Frau Aigner selbst für eine Schicks hält. Schließlich wird dieses Wort in Bayern gerne im abfälligen Sinne verwendet. Auch wenn man einen Dorfburschen, der endlich eine Freundin gefunden hat, ohne Argwohn fragt: "Du, Seppi, hast Du ebba a neue Schicks?"

Tatsache ist aber auch, dass Frauen, die sich nach dem Krieg mit US-Besatzungssoldaten einließen, häufig als Ami-Flitscherl, Ami-Schnalle (Schnoin) oder Ami-Schicksn tituliert wurden. In diese Richtung zielt auch Amans Schimpfwörterbuch, das die Schicks ähnlich wie die Schnoin als sittenlose und unzüchtige Frau definiert. Diese Interpretation gefällt freilich nicht jedem. Jenes Landshuter Frauenquartett, das sich "Isarschixn" nennt, würde sie sicherlich empört zurückweisen. Sängerin Birgitt Binder, die eine Schicks im positiven Sinne verkörpert, hat den Begriff so erklärt: "Das ist ein Luder, eine Freche, eine, die sich was traut."

Ursprünglich kommt das Wort Schickse aus dem Hebräischen und aus dem Jiddischen und benannte eine nichtjüdische Frau. Als es über das Rotwelsche Eingang in die deutsche Sprache fand, wurde daraus ganz allgemein ein Mädchen. Vermutlich hat die Studentensprache dann daraus ein leichtfertiges Mädchen, ein Flittchen und ein Luder gemacht.

In dieser Bedeutung fand die Schickse sogar Eingang in die englische und amerikanische Sprache (chicks). In Niederbayern nennt man ein Mädchen, das einen Kraftfahrer als Freund hat und ihn bei seinen Fahrten begleitet, eine Lastwagen- oder eine Karrenschicks. Für Wörter im Graubereich des Anrüchigen gibt es in Bayern seit jeher anzügliche Männersprüche, natürlich auch für die Schicks, wie das folgende Lied beweist:

Sau . . . Sau . . . sauberes Mädchen,

Hur . . . Hur . . . hurtiges Kind,

Schnall . . . Schnall . . . schnalle dein Ränzlein,

Schicks . . . Schicks . . . schicks nach Berlin!

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Quelle: AFP

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Lackl

Nicht immer verbindet die Krisenmanager Angela Merkel und Nicolas Sarkozy eine innige Zuneigung. Auf dem politischen Parkett führt sich der Franzose manchmal wie ein Lackl auf, also barsch und rücksichtslos. Das verwundert nicht, weil ja schon der erste Lackl der Weltgeschichte ein Franzose war. Der Urheber des Schimpfworts soll der General EzéchieldeMélac (1630-1704) sein, dessen Truppen 1688/89 die Pfalz verwüstet und dabei auch das schöne Heidelberg zerstört haben. Da er äußerst brutal zu Werke ging, liegt es nahe, dass Mélac, der unter anderem in Karl Mays Roman Die Liebe des Ulanen erwähnt wird, ein grober, unverschämter, ungeschliffener Kerl war, also ein Lackl.

Weiter heißt es, er habe große Hunde mit sich geführt. Insofern könnte das Wort Lackl auch von dessen Hunden herrühren, denn im Bairischen wurden einst auch Metzgerhunde als Lackln bezeichnet. Manche führen das Schimpfwort indessen auf den Lakai zurück, was aber eher unwahrscheinlich ist. Im Ernstfall wird das Schimpfwort gerne mit einem Adjektiv angeschärft: So ein gscherter Lackl!

MISCHLINGS-WELPE TOBT IM SCHNEE

Quelle: DPA

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Stiangglanderrass

Kollegin P. hat vor wenigen Tagen in einem feinen Artikel einen Hund von undefinierbarer Abstammung beschrieben. Folgerichtig verwendete sie das Wort "Stiangglanderrass" (Stiegengeländerrasse), mit dem derlei Promenadenmischungen im Bairischen eingeordnet werden. Das Wörterbuch von Ringseis erklärt die Stiangglanderrass als "Hundebastard", sozusagen auf der Stiege (Treppe) entstanden. Vor 30 Jahren hätten die meisten SZ-Redakteure dieses Wort noch gekannt.

Als Kollegin P. ihren Artikel vorlegte, zuckten fast alle Redakteure mit den Schultern. "Stiangglanderrass? Nie gehört!", lauteten die Kommentare, weshalb sie lieber die Formulierung "puscheliges Knäuel" wählte. Frau P. folgte damit den Gesetzen des Sprachwandels, der unheimlich schnell voranschreitet. Die Stiege (Stiang) ist längst vom niederdeutschen Wort Treppe verdrängt worden. Nur in Österreich ist sie noch allgegenwärtig.

Die Wiener Strudlhofstiege gelangte 1951 durch den gleichnamigen Roman von Heimito von Doderer sogar zu literarischem Ruhm.

Günther Jauch, Wer wird Millionär

Quelle: dpa/picture-alliance

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Scheps

Der Berliner Journalist Günther Jauch ist unverdächtig, sich eines bayerischen Idioms zu bedienen. Umso erstaunlicher war es, dass er am Freitag in der RTL-Quizsendung "Wer wird Millionär?" das Wort scheps benützt hat, das vor allem im ländlichen Bayern zu hören ist. Ein Kandidat hatte am Telefon dermaßen herumgestopselt, dass sein Vater, der ihm helfen sollte, die Frage nicht verstand. Jauch rief den Vater noch einmal an und sagte: "Ihr Sohn hat die Frage so scheps an Sie gestellt..."

Scheps (schepp) bedeutet soviel wie schief und verzogen. Eine Mauer kann scheps sein, aber eben auch eine Frage. In eine andere Richtung zielen das Verb schepsen (entrinden) und das Substantiv Scheps (Dünnbier), auf die ein andermal eingegangen wird.

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Quelle: photocrew - Fotolia

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Wammerl

Das Straubinger Tagblatt hat vor wenigen Tagen einen "ominösen Wammerldiebstahl" gemeldet. Im Dorf Wetzelsberg hatte ein Mann in einer Gaststätte seine Einkaufstasche abgelegt, um sich anschließend dem landestypischen Grasoberlspiel hinzugeben. Nicht mehr ganz nüchtern, so heißt es im Bericht, habe er daheim feststellen müssen, dass seine Tasche leer war. Es fehlte ein halbes Pfund Wammerl im Wert von drei Euro. Während das Tagblatt über den Verbleib rätselt (Spielschulden?, Dorfhund?, Fleischdieb?), steht zumindest fest, dass man ein Wammerl nicht unbeaufsichtigt lassen sollte.

Es ist nämlich eine Delikatesse, die aus dem Bauch eines Schweins gewonnen wird. Besonders begehrt ist das Wammerl als geräuchertes Bauchstück. In dem Wort stecken alte Begriffe wie wamba, wampa und wamma, die einst den Bauch eines Menschen oder Tieres umschrieben. Für den Seehofer-Spezialbegriff "Herz-Jesu-Sozialist" kennt man im Bayerischen Wald folgende Definition: Der ist wie ein geselchtes Wammerl - "außn schwoaz und innen roud!"

Wimmerl

So ähnlich wie das Wammerl klingt das Wimmerl. Ein Phänomen, das neben den Karottenjeans die Jugendzeit der Kabarettistin Martina Schwarzmann geprägt hat - "mit einer Scheißfrisur und Wimmerl im Gesicht." Dass Wimmerl immer und überall auftreten können, lehrt uns die Autorin Rita Falk in ihrem Krimi "Winterkartoffelknödel": "Lass die Händ' weg von deinem Schniedl, weil: da kriegst Wimmerl."

Gemeint sind Hauterhebungen, die man schriftsprachlich als Bläschen, Pusteln oder Pickel bezeichnet. Im Dialekt aber sagt man Blaserl oder eben Wimmerl. Wer je eine Pubertät durchlebt hat, der hat auf seiner Haut gewiss auch Wimmerl ausgedrückt. Das Frühneuhochdeutsche kennt den Begriff Wimmer für hervorwölbende Erhebungen, etwa für einen Auswuchs im Holz oder für Warzen. Auch das Gürteltascherl von Wanderern und Skifahrern, in dem Proviant verstaut ist, heißt Wimmerl. Und wenn jemand nervt, dann ist er im Volksmund "ein lästigs Wimmerl".

Wachtel mit ihrem Nachwuchs

Quelle: DPA

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Spinatwachtel

Eine Familie aus Ohlstadt hat mitgeteilt, man habe dort vor wenigen Tagen leidenschaftlich über Herkunft und Bedeutung des Wortes Spinatwachtel diskutiert. Jene, die dabei den Blattspinat ins Zentrum ihrer Beweisführung rückten, lagen leider falsch. Vielmehr ist das Wort Spinatwachtel aus der Kombination spinnerte Wachtel entstanden. Die Wachtel ist eine Vogelart, spinnert bedeutet verrückt und narrisch, im weiteren Sinne auch spindeldürr. Tatsächlich zeichnet sich eine Spinatwachtel nach Küppers Wörterbuch der deutschen Umgangssprache durch einen hageren, schmalen Körper aus. Im Wörterbuch der Brüder Grimm ist die Bedeutung "altes, grimmig aussehendes Weib'' zu lesen. Heutzutage gebraucht man den Begriff Spinatwachtel meistens in abwertender Weise für eine wunderliche, verschrobene Frau. Im Österreich der k.u.k.-Ära hat es den Spinatwachter (Spinatwochta) gegeben. Mit diesem Namen wurden Uniformierte und Finanzbeamte tituliert. Noch um 1970 herum sagten die Wiener, wenn sie jemanden auf den Arm nehmen wollte: "Na, was wüllst denn, du Spinatwachter?''

Klaus Wowereit, Guido Westewelle

Quelle: picture alliance / dpa

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Spinaterer

Der Berliner Bürgermeister Wowereit und der deutsche Außenminister Westerwelle wären früher, als die Gesellschaft in sexuellen Angelegenheiten noch verklemmt war, als Spinaterer bezeichnet worden. Das ist ein altes bairisches Dialektwort für einen Homosexuellen, gesprochen klingt es wie Spinoderer. Als die österreichischen Polizisten noch amtsgrün gekleidet waren, nannte man sie mitunter ebenfalls Spinoderer. Verewigt ist dieser Begriff in dem 1982 erschienenen Lied "Spinaterer" der Rockband Drahdiwaberl. Liebhaber von ORF-Krimiserien wissen, dass die Österreicher viele weitere Dialektausdrücke für Polizisten kennen: Krautwachter, Kieberer, Kapplständer... Mit dem Wort Spinat umschrieb man früher übrigens auch Phänomene wie den Muskelkater oder die Erschöpfung: "Mensch, hab ich nach unserer Bergtour einen Spinat gehabt!"

Uli Hoeneß, Alfons Schuhbeck

Quelle: Catherina Hess

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Kratzers Wortschatz:Bazi

FC Bayern-Präsident Uli Hoeneß und Sternekoch Alfons Schuhbeck haben kürzlich im Fernsehen für neue Produkte einer amerikanischen Fleischpflanzlbraterkette geworben. In dem Filmchen sagt Hoeneß zu Schuhbeck: "Mit meine Würstl kannst sogar du kochen, du Bazi!" Dieser entgegnet: "Bist selber einer!" Der Bazi ist ein populäres Dialektwort, das sich auch in der Schriftsprache behauptet. Jeder weiß, was damit gemeint ist. Zum einen ist ein Bazi ein Spitzbub, ein Lump oder gar ein Gauner. Unter Freunden wird der Begriff gerne scherzhaft gebraucht: "Du bist mir vielleicht ein Bazi."

Unklar ist indessen die Herkunft des Wortes. Wolfgang Johannes Bekh suchte den Ursprung in den lateinischen Wörtern bacillum (Stäbchen, Stöcklein) und baceolus (Dummkopf). Einige Dialektologen favorisieren dagegen eine Ableitung von Johann Nestroys Posse "Der böse Geist Lumpazivagabundus", die 1833 veröffentlicht wurde. Der Wiener Sprachforscher Robert Sedlaczek hält diese Theorie für falsch. Für ihn ist der Bazi die Kurzform von Lumpazius. Dieses Wort ist Ende des 16. Jahrhunderts in der Studentensprache entstanden. Nestroys Lumpazivagabundus scheidet nach Meinung von Sedlaczek aus. Eine Sonderform stellt der "Weana Bazi" dar. Mit diesem Schimpfwort würdigen die Österreicher einen arroganten Wiener.

Bazi (Nachtrag)

Neulich wurde erörtert, ob das Dialektwort Bazi übers Ungarische in unsere Sprache gelangt sein könnte. Diese These stützt SZ-Leserin Ingeborg Böhm: "Ein Großvater meines verstorbenen Mannes war der ungarische Kunstmaler Pal Böhm. Er war mit einer Wienerin verheiratet. Beide waren nach ihrer Hochzeit um 1880 in München ansässig geworden. Ihr in München geborener Sohn Josef Paul wurde von der Mutter liebevoll Pali-Baatschi (Bazi) genannt. Das Wort könnte wirklich von Österreich-Ungarn nach Bayern eingewandert sein", schreibt Frau Böhm.

Gandi

Nur noch selten hört man das Wörtlein Gandi, das mit dem Bazi verwandt ist. Klingt beim Bazi mehr die Durchtriebenheit durch, ist der Gandi eher ein Taugenichts, ein Faulpelz. "Was willst denn mit dem Gandi?" Dem Dialektologen Bernhard Stör fällt dazu ein Spruch aus den 60er Jahren ein: "Bin i am Gandi sei Breznsoizer (Breznsalzer)?" Zur Herkunft des Wortes gibt es verschiedene Theorien. Dem Regensburger Heimatpfleger Josef Fendl fällt dazu das lateinische vagandi ein (von vagari=umherschweifen). So hießen die Studenten im Mittelalter, sagt Fendl. Ebenso wahrscheinlich ist der Einfluss des indischen Politikers Mahatma Gandhi (1869-1948). Der Pazifist, der mit gewaltfreiem Widerstand das Ende der britischen Kolonialherrschaft in Indien herbeiführte, war auch in Deutschland bekannt. Inwieweit Gandhi in der deutschen Sprache instrumentalisiert worden ist und möglicherweise im Dialekt bis heute fortlebt, müsste aber erst wissenschaftlich untersucht werden.

Bazi (Nachtrag)

SZ-Leserin Wiebke Müller verweist auf eine weitere mögliche Quelle für das Schimpfwort Bazi, nämlich auf die Pazzi-Verschwörung von 1478, der ein Mitglied der Familie Medici zum Opfer fiel. In der Oberschicht von Florenz tobte damals ein Machtkampf, in den die Adelsfamilie Pazzi verwickelt war. Von ihr stammte der Attentatsplan gegen die Medici. Sehr wahrscheinlich hatten die Condottieri der italienischen Renaissance auch bayerische Söldner in ihren Diensten, die schließlich in Anlehnung an die Pazzi das Wort Bazi mit nach Hause brachten. ,,So könnte es gewesen sein!'', schreibt Frau Müller. Es gab aber auch Pazzi, die keine Bazi waren, etwa die heiliggesprochene Mystikerin und Karmelitin Maria Magdalena de Pazzi (1566-1607).

Bazi (Nachtrag)

Das Wort Bazi hat offensichtlich viele Wurzeln. SZ-Leser Manfred Ziebertz bringt eine Variante ins Spiel, die nicht weniger überzeugend klingt wie die bisherigen Vorschläge. Ziebertz schreibt: "Als ich vor Jahrzehnten - damals als junger Schauspieler - mit der Operette "Frau Luna" auf Tournee war, wurden wir von einem ungarischen Chor begleitet. Ich musste auf der Bühne eine Jacke mit Karomuster tragen, was mir prompt von Seiten der Ungarn den Spitznamen "Kocka bácsinak" oder kurz "Kocka bácsi" einbrachte. Es sollte so viel wie Würfel- oder Karojunge bedeuten." Zurecht fragt Ziebertz, ob denn der Bazi nicht auch aus der Sprachwelt der k.u.k.-Monarchie stammen könnte.

Foto: Uli Hoeneß grillt mit Alfons Schuhbeck auf einer Unicef Benefizparty Bratwürste

Regentropfen

Quelle: dpa

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Kratzers Wortschatz:Greislig

In der Silvesternacht hat es geregnet, kurzum: das Wetter war zum Jahresauftakt, im Gegensatz zu Weihnachten, ausgesprochen greislig (von mittelhochdeutsch griuslich=Grausen erregend, widerlich). Es war ähnlich wie zum Wiesnauftakt, als der Bayerische Rundfunk in einer Meldung titelte: "Samstag schön, Sonntag greislig."

Sogar dem geschliffen schriftdeutsch parlierenden ZDF-Unterhalter Markus Lanz rutschte einmal beim Anmoderieren dieses bayerische Adjektiv heraus: "Und draußen ein greisliches Wetter." Für die Kabarettistin Martina Schwarzmann hatte dieses Wort prägende Bedeutung. In dem Lied "Greislich, aber voller Hoffnung" schildert sie die Probleme ihrer Jugendjahre. Mit 15 begann sie eine Kochlehre, weil: "Wennst guat kocha konnst, konnst so greislich gar ned sei, dass d' koan Mo findst."

Schreien

Quelle: iStockphoto/Steven van Soldt

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Mettn

Papst Benedikt XVI. hat am Heiligen Abend während der Christmette im Petersdom die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes beklagt. Die Christmette selber, ein Höhepunkt des Kirchenjahres, ist vom Kommerz zwar noch nicht kontaminiert, besitzt aber eine kuriose etymologische Geschichte. Im Bairischen heißt die Christmette kurz und bündig Mettn (das ,,e'' wird hell gesprochen, wie bei Schnee). Das Wort, das mit dem Christentum in den bayerischen Sprachraum gelangt ist, wurzelt im lateinischen hora matutina (der Morgen). Daraus wurde im Althochdeutschen mattina und im Mittelhochdeutschen mettine.

Von da aus war es nicht mehr weit zur Mettn. Es wird in Bayern aber noch in einer weiteren Bedeutung gebraucht, die alles andere als gottesdienstlich klingt. Wenn die Kinder eine Mettn machen, dann heißt das: Sie poltern, plärren und kreischen wie die Wilden. "Der Begriff des Lärmens ist mit dem der Mettn so sehr verschwistert geblieben, dass dieses Wort in den meisten Fällen schlechthin statt Getöse, Gepolter, Geschrey gebraucht wird", schreibt schon Schmeller in seinem Wörterbuch (1827-35) und erwähnt dabei auch die Erweiterungen Teufels-Mettn und bsoffane Mettn.

Wenn Mettn Lärm bedeutet, dann steckt ein alter christlicher Ritus dahinter, die bereits erwähnten horae matutinae. Das waren Frühgottesdienste in der Karwoche, bei denen die Kirchgänger mit Stöcken und Steinen gegen die Kirchenbänke schlugen, damit der Verräter Judas erschreckt werde. Heutzutage lebt dieser Brauch in der knatternden Ratschn fort, welche in der Karwoche den Dienst der Glocken ersetzt. Diese Lärmerei hinterließ bei den Kirchgängern einen so starken Eindruck, dass die Mettn zum Zeitbegriff wurde. Laut einer Münchner Bäckerordnung von 1420 durfte "zwischen den weinglocken und der mettn" nicht gebacken werden. Schmeller vermutet, dass da die Zeit zwischen Abend und Mitternacht gemeint ist.

METTWURST AUS GREUÁEN

Quelle: DPA

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Mettenwurst

Früher galt der Heilige Abend als strenger Fasttag. Erst nach dem Besuch der Christmette wurden warme Speisen aufgetischt. Mag es auch weit nach Mitternacht gewesen sein, so schlug man sich die hungrigen Bäuche dennoch gierig mit Mettenwürsten voll. Andreas Zaupser belegt dies schon 1789: "Am Christtage nach der Metten ist bey gemeinen Leuten die Gewohnheit, sich bey Würsten und etwas Bier lustig zu machen. Dieses nennt man die Mettenwurst essen." Selbst nachdem König Max I. Joseph die Christmette von der Mitternacht auf die fünfte Morgenstunde verlegen hatte lassen, wurde die althergebrachte Nachtfeier nicht abgeschafft, schreibt Schmeller. Er erwähnt aber auch, dass "die bey uns viel religiöser geblieben ist als in einigen Südländern, z. B. in Spanien, wo die Noche Buena in mancher Rücksicht sogar die Faßnacht übertrifft."

Grippe, jetzt.de 2.11.10

Quelle: dpa

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Suchtn

Das Wetter weiß zurzeit nicht so recht, was es will. Hin- und hergerissen zwischen Wärme und Kälte, reagiert so mancher Wetterfühlige mit einer Erkältung oder gar einer Grippe. Im ländlichen Bayern wird da nicht so genau unterschieden. Alle Seuchen und viele Krankheiten werden unter dem Oberbegriff Suchtn zusammengefasst. Besonders die Grippe wird gerne auch Sucht(n) genannt. Dann heißt es: "Im Kindergarten geht d'Sucht um." Oder: "Was fehlt denn dem Franz?" "Der is a weng suchtig! Den hat d'Sucht derwischt." Als Sucht wird auch eine üble Angewohnheit, eine Untugend oder schlechte Laune bezeichnet. "Was der plötzlich für Suchtn hat!", sagt man dann, oder: "Gewöhn dir keine solchen Suchtn an!"

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Quelle: Stephan Rumpf

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pumperlgsund

Bald ist Silvester, man wünscht sich alles Gute fürs neue Jahr und sagt: "Bleib' pumperlgsund!" Das ist übrigens ein Lieblingswort der Kriminaler-Mama Resi Berghammer (alias Ruth Drexel) in der Serie "Der Bulle von Tölz". Sogar im TV-Sender Eurosport ist es gelegentlich zu hören. Am 10.Juli 2011 sagte ein Moderator im Frauen-WM-Spiel USA-Brasilien, als eine verletzte Spielerin mit der Trage vom Feld geschleppt wurde, offensichtlich aber nur Zeit schinden wollte und an der Auslinie gleich wieder runtersprang: ,,Die ist ja pumperlgesund!'' In Österreich ist das Pumperl das pumpernde, pochende Herz des Menschen. Das dazugehörige, herzerfrischende Adjektiv bedeutet: kerngesund, frisch und munter.

Silber für Köche aus Deutschland

Quelle: dpa

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Mongdratzerl

Die bayerische Landgastronomie tischt dem Gast gerne üppige Portionen auf, zum Beispiel Schnitzel von der Größe einer Bratpfanne. Das kommt daher, dass früher die meisten Mittagsgäste noch körperlich arbeiten mussten statt sich in einem Büro zu verausgaben. Mit einem Mongdratzerl (Magentratzerl) wären all diese Schaufelarbeiter und Holzfäller ziemlich schnell verhungert. Ein Mongdratzerl ist so etwas wie ein Appetithappen (frz. amuse-gueule), also eine kleine Portion, die den Magen nur tratzt (reizt) und damit Lust auf mehr macht.

"Mongdratzerl sind die bayerischen Tapas", schreiben die Autoren Thomas Sadler, Marion Hofmeier und Eva Reichert in ihrem soeben erschienenen Kochbuch Chiemgau schmeckt (schmeckt3 Verlag, Freising, 2011). Sie stellen darin allerlei Mongdratzerl vor und schieben gleich eine Definition dieses Begriffs nach: "Mongdratzerl kitzeln als Salat, Suppe oder andere kleine Schmankerl liebevoll den Magen und bereiten ihn für den nächsten Gang vor."

Als Beispiele führen sie altehrwürdige Gerichte wie Zwudelsuppn, Hennaknedl und Spinat-Nockerln auf. Streng genommen sind diese Gerichte aber keine Mongdratzerl mehr, dafür fallen sie viel zu opulent aus. Die Franken kennen das Mongschäuferla - das sind Pfefferminzplätzchen, die gegen Magenbeschwerden helfen sollen.

Sonnenbrand bei Äpfeln

Quelle: picture-alliance/ dpa

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Blädschn

Petra Schindler-Bauer kennt das Wort aus der Oberpfalz, aber als despektierlichen Ausdruck für etwas, was man vulgärdeutsch Fresse nennt. "Den seln hods af d'Blädschn blescht" heißt: Er ist auf sein Gesicht gefallen. Blädschn heißt aber auch die braune, faulige Stelle eines Apfels. "Ich wüsste nicht, wie ich das im Hochdeutschen besser bezeichnen könnte", schreibt Frau Schindler-Bauer.

Esel Tierschutz

Quelle: dapd

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Kratzers Wortschatz:Amenaschlupferle

Der Bayerische Rundfunk hatte seine Hörer im Jahr 2004 aufgerufen, Vorschläge für das schönste bayerische Wort zu machen. Der schwäbische Begriff Amenaschlupferle (Betonung auf dem zweiten a) kam damals in die engere Wahl. Darunter versteht man ein anschmiegsames Wesen, ein An-mich-heran-Schlupferle wie etwa ein kleines Kind, eine Ehefrau oder gar eine Geliebte.

Sich selbst bezeichnet der Schwabe hingegen am liebsten als Schwob. Wenn ein Fremder die Frage "Bisch au en Schwob?" mit Ja beantwortet, zeigt der Schwob gerne Rührung. Leider gibt es keine weibliche Entsprechung zum Schwob. "Hier hat die Mundart irgendwie versagt", sagt der Dialektexperte Wolfgang Brenneisen. Da es keine Schwobin gibt, muss der Schwob, wenn er turteln will, Wörter wie Amenaschlupferle verwenden.

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Quelle: ERD

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Kratzers Wortschatz:Froaseln

Edgar und Sonja Sch. aus dem Chiemgau sind Großeltern geworden, voller Stolz tragen sie den kleinen Ben durch ihre Wohnung. Er habe im Schlaf sogar schon gefroaselt, erzählen sie und bringen damit ein Verb ins Spiel, das in der Schriftsprache nicht vorkommt. Wenn ein Baby froaselt, erweckt es den Eindruck, als ob es lächle, obwohl es dazu noch nicht imstande ist.

Der Dialekt kennt das Verb froaseln aber nicht nur in diesem positiven Sinne. "Unsinn reden!", so definiert es Franz Ringseis in seinem Wörterbuch. "Was froaselst du denn da?", fragt man einen, der einen Schmarrn daherredet. Das Mittel- und Althochdeutsche kennt die Wörter vreise und freisa für Gefahr und Schrecken. Das erklärt, warum in Heydenreuters Wörterbuch zur Heimatforschung das Wort freisam mit fürchterlich und schrecklich erklärt wird.

Froaseln tut aber auch ein Kranker, der im Fieber fantasiert. Überhaupt war Frais früher ein oft gehörtes Wort, denn es beschrieb verschiedene Krankheiten: Zuckungen, Epilepsie, Krämpfe, Tobsucht, Schlaganfall. Auch Reinhard Riepl nennt die Wörter Frais und Froas in seinem Wörterbuch zur Familienforschung im Zusammenhang mit Krankheiten, die mit Krämpfen einhergehen. Vorbeugend legte man Kindern Fraisketten an oder setzte ihnen Fraisenhauben auf.

Die Redensart "in d'Froas fallen" wird verwendet, wenn jemand stark erschrickt oder völlig verdutzt ist. "Bin ich jetzt aber erschrocken (dakemma)!" Stattdessen hört man auch: "Jetzt bin i fast in d'Froas gfoin!"

Erster Schnee im Bayerischen Wald

Quelle: dpa

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Kratzers Wortschatz:Arbermandl

Vergangene Woche ist Elfie Pertramer gestorben, eine Ikone des Bayerischen Fernsehens. Auch bei dem auf kuriose Weise entstandenen Kultfilm "Arbermandl" wirkte sie mit. Der Kameramann Martin Lippl war 1985 auf dem Großen Arber eingeschneit worden und musste dort tagelang ausharren.

Um die Wartezeit zu überbrücken, filmte er die Arbermandl. So heißen jene Nadelbäume, die sich bei Ostwind und Eisschnee in märchenhafte Gebilde verwandeln. Elfie Pertramer hat die Aufnahmen der hin und her wogenden Arbermandl mit einem mystischen Gedicht unterlegt. Der faszinierende Kurzfilm wird alljährlich zum Jahreswechsel in der BR-Reihe "Zwischen Spessart und Karwendel wiederholt.

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Quelle: Stephan Rumpf

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Kratzers Wortschatz:Blatschari

"Geh her, dann kriegst auch so einen Blatschari!", rief Sternekoch Otto Koch (im Bild) vor wenigen Tagen einem Bekannten zu, nachdem ihm die Academy of Hospitality Sciences eine wuchtige Plakette in die Hand gedrückt hatte. Als Blatschari werde in Bayern all das bezeichnet, was groß und unförmig ist, sagt der Dialektologe Anthony Rowley.

Das kann ein großer Hut sein oder ein schräger Schmuck. Rowley hält Blatschari für ein lautmalerisches Wort. Es benenne etwas, das "platsch" gemacht hat und zu einem unförmigen Haufen geworden ist. Die gelehrt klingende Endung -ari soll das Wort wohl aufwerten. Vielleicht stammt es aus der alten Studentensprache.

trauer trauer, friedhof, tod, beerdigung, kreuz, kruzifix, herbst, herbstlich, ruhe, ewige ruhe, grab, grabstein, sterben,

Quelle: Jeanette Dietl - Fotolia

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Kratzers Wortschatz:Partezettel

In seinem berühmten Monolog "Der Herr Karl'' (1961) verwendet Helmut Qualtinger unter anderem das Wort Partezettel. Es ist in Österreich heute noch geläufig und steht für nichts anderes als eine Todesanzeige. Dass es auch in Bayern nicht unbekannt war, zeigt die aktuelle Ausstellung im Trauerhaus Kasberger in Passau, in der Traueranzeigen aus den Jahren 1867 bis 1910 zu sehen sind.

Analog zu den Partezetteln wurden diese aufwendig gestalteten Mitteilungen über einen Todesfall in Passau "Parten" genannt; sie waren der Zeitung beigelegt oder wurden per Post verschickt. Das bereits im 17. Jahrhundert belegte Wort wird vom französischen "faire part" (mitteilen) und von "donner part" (Nachricht geben) hergeleitet.

Nachtrag:

SZ-Leser Wolfgang Postl kennt den Begriff Partezettel aus seiner Heimat Niederösterreich, wo man diese ausgeschmückten Todesanzeigen Patazettl genannt hat. Er zitiert überdies aus einem Gedicht von H. C. Artmann: "Met dein batazel en da linkn haund ... / zwa schüleng zwanzk kost s da nua / bis ausse zun gremadorium."

Postl sah auch in Mostar (Herzegowina) Parten, die an Alleebäume geheftet waren - für christliche Verstorbene mit schwarzem, für muslimische mit grünem Rand.

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Quelle: SZ

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Irta

Vor einer Woche ist in Bayern Kirchweih gefeiert worden, ein üppiges Fest, das hierzulande auch Kirta heißt. Früher war der Kirta einer der wichtigsten Termine im Jahreslauf, der sich dementsprechend vom Sonntag bis zum Montag hingezogen hat. Manche kennen sogar noch den Spruch: "A guater Kirta dauert bis zum Irta." Das heißt übersetzt: "Eine gute Kirchweih dauert bis zum Dienstag." Irta (Erchta) ist das alte bairische Wort für Dienstag, auf dem Land ist es gelegentlich noch zu hören. Maximilian Steinbeis lässt in seinem 2010 erschienenen Roman Pascolini einen Dorfbriefträger sagen: "Irta sagt man hierzulande, nicht Dienstag, Pfinzta, nicht Donnerstag." Beide Wörter sind zwar aus der Mode gekommen, man sollte sie aber nicht geringschätzen, denn sie stammen noch aus grauer Vorzeit und stellen somit uralte Sprachdenkmäler dar.

Roland Gschlößl hat in der Zeitschrift Bayerische Archäologie (2/2009) interessante Fakten zu den antiken Wochentagsnamen zusammengetragen. Demnach ist der Irta vermutlich von den Ostgoten in den bairischen Sprachraum vermittelt worden. Er(ge)tag, mundartlich Irta oder Erchta, sei ursprünglich eine griechische Bezeichnung, schreibt Gschlößl: "Tag des Ares", wobei Ares der Kriegsgott ist. Die Benennung der Wochentage nach den Göttern war in der gesamten griechisch-römischen Antike verbreitet.

Kalender Donnerstag

Quelle: Tobias Dorfer

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Pfinzta

Laut Gschlößl gab es im griechischen Sprachgebiet aber auch eine jüdisch-christlich geprägte Benennung der Wochentage. Diesbezüglich hat sich das bairische Wort Pfinztag (mundartlich Pfinzta) für den Donnerstag erhalten. Es stammt wiederum aus dem Griechischen (Pempte Hemera) und bedeutet fünfter Tag der Woche.

Wie kamen diese griechischen Wörter nach Bayern? Gschlößl schreibt, dass die Goten seit dem 3. Jahrhundert im griechischen Kulturbereich am Schwarzen Meer und an der unteren Donau siedelten. Sie haben offenbar Wörter der ihnen überlegenen griechischen Kultur in ihre eigene Sprache übernommen und so gelangten sie mit den Wanderungen der Goten im 5. Jahrhundert nach Westen - vielleicht durch Händler, vielleicht auch durch Missionare.

Traktor unter weiß-blauem Himmel

Quelle: dpa

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Bulldog

Die Maisacher Bulldogfreunde haben kürzlich ein Treffen veranstaltet, bei dem die Besucher mehr als 250 alte Traktoren bestaunen konnten. Bulldogfans gibt es aber nicht nur in Maisach im Kreis Fürstenfeldbruck, solche Veranstaltungen erfreuen sich mittlerweile in ganz Bayern großer Beliebtheit. Interessant sind dabei nicht nur die alten Maschinen, die bis zu 90 Jahre alt sind, sondern auch das Wort Bulldog selber, das allgemein für einen urbayerischen Begriff gehalten wird (gesprochen: Bulldock, Buidog), dies aber eigentlich nicht ist.

Tatsächlich sind Synonyme wie Schlepper, Traktor oder Trecker in Bayern nicht sehr populär, auch wenn der Münchner Schauspieler Wolfgang Fierek 1985 einen Hit landete, der "Resi, i hol di mit meim Traktor ab" hieß. Der Chiemgauer Liedermacher Keller Steff beweist diesbezüglich schon eine größere Dialektsicherheit: Mit seinem ersten Album "Bulldogfahrer" hat er gerade einen großen Erfolg erzielt. Interessanterweise liegen auch die Wurzeln des Bulldogs im Chiemgau. Sein Erfinder war nämlich der Wasserburger Ingenieur Fritz Huber.

Dieser hatte 1921 einen selbstfahrenden Schwerölmotor entwickelt, den Ur-Bulldog, der wegen seiner Robustheit bald eine beeindruckende Erfolgsgeschichte schreiben sollte: Bis in die 1950er Jahre stellte die Firma Heinrich Lanz AG in Mannheim Zehntausende Bulldog her (das Wort kennt kein Plural-s). Der Name rührt wohl daher, dass die ersten Bulldog-Motoren Ähnlichkeit mit dem Gesicht einer Bulldogge hatten. Die Lanz-Bulldog waren in Bayern so populär, dass man hier schließlich alle Traktoren und Ackerschlepper so genannt hat. Die Redaktion des Bayerischen Wörterbuchs verweist in diesem Zusammenhang auch auf das Wort Himmibulldog, das gelegentlich scherzhaft für Hubschrauber gebraucht wird. Da ein Bulldog fast so laut sein kann wie ein Hubschrauber, hat man diesen Begriff im Volksmund einfach übertragen.

Gutes 'Zwetschgenjahr' in Franken

Quelle: dpa/dpaweb

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Kratzers Wortschatz:Zwetschge

Die Zwetschge ist eine Pflaumenart, aber in Altbayern und in Österreich sagt man zu Pflaumen generell Zwetschgen, Zweschbm oder Zwetschn. Heuer ist ein gutes Zwetschgenjahr, die Bäume hängen voller Früchte. Zwetschgen sind kleiner und nicht so rund wie Pflaumen. Wegen ihres Aromas sind sie für wunderbare Süßspeisen wie Zwetschgendatschi (Pflaumenkuchen), Zwetschgenknödel und Zwetschenbavesen ideal geeignet.

Ein Zwetschgenmandl, ursprünglich aus gedörrten Zwetschgen gebastelt, ist im übertragenen Sinn ein kleiner, schwächlicher Mann. Im Bayerischen Wald versteht man darunter auch einen Auflauf aus Mehl, Eiern und Milch, der mit Zwetschgen gefüllt wird.

Nachtrag: Zwetschgenmaundl

Vergangene Woche haben wir in dieser Rubrik unter anderem das mehrdeutige Wort Zwetschengenmandl erwähnt. Das ist ein aus Dörrpflaumen geformtes Männlein und steht im übertragenen Sinn auch für kleine schmächtige Männer. Ein Auflauf, wie wir unter Berufung auf Michael Kollmer, den famosen Kenner der Bayerwaldsprache, behauptet haben, ist es nach Meinung von SZ-Leser Marcus Maximilian Muhr aber nicht. Muhr schreibt, ihm sei die erwähnte Mehlspeise von seinem aus dem Bayerischen Wald stammenden Vater wohlbekannt. Aber dieser Auflauf heiße nicht Zwetschgenmandl, sondern Zwetschgenmaundl. Muhr vermutet einen Zusammenhang mit dem althochdeutschen Wort mû, das einen (Erd-)Haufen bezeichnet. Das Zwetschngmaundl ist also, so betrachtet, ein Teighaufen mit Zwetschgen.

Kind, aggressiv, Adhs,

Quelle: ieniemienie/photocase.com

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Kratzers Wortschatz:wepsert

Mit dem Weps verwandt sind das Verb wepsen und die Adjektive wepsert und wepsig. Von einem Kind, das sich nicht stillhalten kann, sagt man, es wepse herum oder es sei wepsert. Wepsig ist auch jemand, der auf der Suche nach einem amourösen Abenteuer ist. Junge Menschen, die es gerne krachen lassen, bezeichnet man außerdem als "bremsig". "Da schau her, erst 15 Jahre alt, und schon so bremsig."

Wespe auf  Konfitürenbrötchen

Quelle: dpa/dpaweb

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Kratzers Wortschatz:Weps

Das warme Wetter, das reife Obst auf den Bäumen, die vielen Schleckereien in den Straßencafés - kein Wunder, dass sich die Wespen zurzeit sehr wohlfühlen und die armen Menschen über eine Wespenplage klagen. Wespen? Dieses Wort gebrauchen in Südbayern nur die Medien und die Hochsprachler aus dem Norden, im südlichen Hochdeutsch heißt die Wespe nämlich Weps. Der Dichter Wilhelm Dieß hat diese Konsonantenverschiebung schon vor vielen Jahrzehnten in seinen Stegreifgeschichten literarisch dokumentiert: "Die Wespen, die hierzulande mit ihrem richtigen Namen als Wepsen bezeichnet werden ..."

Der Bayer sagt also nicht: "Eine Wespe hat mich gestochen", sondern: "A Weps hod mi gstocha." Und noch etwas: Die Wespe ist weiblich, der bayerische Weps aber ist männlich, und auch bei der gattungsmäßigen Zuordnung der Wespe herrschen in Bayern andere Vorstellungen als beim Rest der Nation. In einem Biergarten gilt fast jedes surrende und stechende Vieh als ein Weps, respektive als ein Wepsendeifi (Wespenteufel).

Bedenklich ist, dass Kinder heutzutage Wepsen nicht mehr von Bienen unterscheiden können, die im Bairischen wiederum Impn heißen. Nicht selten werden die überaus nützlichen Impn erschlagen, weil sie für Wepsen gehalten werden. Das Wort Weps ist im Übrigen sehr alt, im Althochdeutschen finden wir die Vorläuferform wefs, im Altsächsischen wepsia, im Altenglischen wœps. In vielen alten Sprachen taucht dieser Begriff auf, was er ursprünglich bedeutet hat, das haben die Forscher allerdings noch nicht herausbekommen.

Dieter Hildebrandt bedauert Aus für Biermösl Blosn

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Kratzers Wortschatz:Blosn

35 Jahre lang haben die Well-Brüder zusammen gespottet, musiziert und schuhgeplattelt, nun aber neigt sich die Ära der Biermösl Blosn dem Ende zu. Was die Aussprache ihres Namens angeht, so hätte freilich eine Ewigkeit nicht ausgereicht, bis auch der Letzte begriffen hätte, dass es nicht Blasn, sondern Blosn heißt (gesprochen mit jenem spezifischen "o", dem wir auch im englischen Imperfekt "was" begegnen).

Dass der Name Biermösl von einem zwischen München und Augsburg gelegenen Moorgebiet herrührt, das hatte sich herumgesprochen. Über den Anhang Blosn aber rätseln viele. Dabei ist das ein bayerisches Universalwort, kurz, einprägsam und vielseitig verwendbar.

Zunächst ist eine Blosn nichts anderes als die schriftdeutsche Blase, sei es an der Börse, im Körper (Harnblase) oder auf dem Körper (Wasserblase). Das Bairische kennt für Blosn auch die Synonyme Bladern und Blodern. Wer mit falschem Schuhwerk geht, der holt sich eine Wasserbloder(n). Nicht weniger schmerzhaft sind Blutbladern (Bluatblodern) und Brandbladern. Ein Spezialfall ist die Saublader(n), also die Schweinsblase, mit der sich Faschingsnarren schmücken. Außerdem diente sie früher als Fußball, nicht umsonst nennen die Österreicher das Fußballspiel auch Blodern stessen.

Georg Queri schreibt in seinem 1912 erschienenen Skandalbuch Kraftbayrisch den merkwürdigen Satz: "Heunt hab i wieder d'Werktagsbladern eighängt." Er zitiert damit einen Wirtshausgast, den die Blase drückt, weil er zu viel getrunken hat. Da sie am Werktag aus Kostengründen weniger Bier aufnehmen musste, war seine Blase für das umfänglichere Saufen am Sonntag nicht geeicht. Womit wir wieder bei der Biermösl Blosn angekommen wären, die ihren Namen sicher nicht von der Harnblase hergeleitet hat. Die Well-Brüder haben sich höchstens ein paar Blodern beim Schleppen ihrer Instrumente geholt.

Des Rätsels Lösung: Blosn hat im Bairischen auch die Bedeutung von Clique und Freundeskreis. "Mir san a lustige Blosn" heißt: Wir verstehen uns gut und feiern gerne. Deshalb nennen sich Musikkapellen gerne Blosn. Neben der Biermösl Blosn gibt es beispielsweise die Kirta Blosn Neubiberg, die Ruperti-Blosn und die Wassertaler Blosn aus Denkendorf.

Dialektpreis für Kabarettist Ringsgwandl

Quelle: dpa

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Kratzers Wortschatz:Grattler

Dem Kabarettisten Georg Ringsgwandl (Foto) ist vorige Woche auf dem Straubinger Gäubodenfest die bairische Sprachwurzel überreicht worden. Diese Auszeichnung erhalten nur Prominente, die bei offiziellen Anlässen ihren Dialekt gebrauchen. Bei ihm sei das ein Geburtsfehler, er könne gar nicht anders, als in der Sprache seiner Kindheit zu reden, sagte Ringsgwandl bei der Preisverleihung augenzwinkernd. Die Frage nach seinem Lieblingswort ließ der frühere Oberarzt zwar unbeantwortet, aber es fällt auf, dass das Wort Grattler in seinem Werk häufig vorkommt. Die Band, die den Doktor Ringsgwandl begleitet, trägt bezeichnenderweise den Namen Grattler-Combo.

Georg Ringsgwandl ist in Staufenbrücke bei Bad Reichenhall aufgewachsen. In der alten Heimat, der er 1993 in seinem Album "Staffabruck" ein Denkmal gesetzt hat, begegnete er schon als Bub dem einen oder anderen Grattler. Wo dieses Wort herkommt, ist nicht hundertprozentig geklärt. Sicher ist nur, dass es in Bayern als Schimpfwort verwendet wird.

Reinhold Aman definiert den Grattler in seinem Schimpfwörterbuch als schäbigen Menschen, der in ärmlichen Verhältnissen lebt, sowie als besitzlosen Hungerleider. Für den Dialektologen Ludwig Zehetner ist ein Grattler ein Kleingeist, ein Penner, ein primitiver Mensch, dem jeder Überblick und Sinn für Höheres fehlt.

Möglicherweise liegt dem Grattler das althochdeutsche Wort "kratto" (Korb) zugrunde. Früher bezeichnete man nämlich jene Hausierer, die ihre Waren im Tragkorb feilboten, als Grattler. Auch Kluges etymologisches Wörterbuch bringt den Rückenkorb (Kratte) ins Spiel. Im Italienischen gibt es wiederum das Wort ,,carretta'' (zweirädriger Karren, Wagen).

Tatsächlich zogen einst Hausiererfamilien aus Italien und aus Tirol mit solchen Karren (Kratten) von Ort zu Ort. Diese sogenannten Krattenzieher transportierten Obst und sonstige Handelswaren aus dem Süden nach Bayern und luden für den Rückweg zum Beispiel hiesiges Hafnergeschirr auf. Auf der Bühne wurde der Grattler in der "Grattler-Oper" verewigt, die im November 1978 auf der Münchner Iberl-Bühne Premiere feierte. Sie sollte das erfolgreichste Mundartstück der achtziger Jahre werden.

Abgeerntetes Feld in Nord-Baden-Wuerttemberg

Quelle: dapd

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Kratzers Wortschatz:Arn

Wir stecken mitten in der Erntezeit. Auf dem Land sagt man aber nicht Ernte, sondern Arn, Aaan oder Aarnt - lauter Wörter, die noch Reste des Althochdeutschen in sich tragen (arnôn, ernten). Die Schwaben sprechen von der Äret, die Franken von der Kornernte oder vom Schnitt, der auch im Allgäu noch geläufig ist.

Früher waren das die anstrengendsten Wochen des Jahres. Die Arbeit auf dem Feld war beinhart, die Hitze verlangte dem Körper alles ab, und wenn es regnete, dann klebte der Baaz wie ein Bleigewicht an den Füßen, und durchnässt wie sie waren, froren die Mäher jämmerlich. Gemäht wurde mit der Sense, die Frauen banden das Getreide dann zu Garben und stellten es zum Trocknen auf. Die Arn begann mit dem Mähen der Wintergerste. "Vom Wintergetreide wurden Mandl aufgestellt", schreibt Maria Hartl, die vor hundert Jahren als Kind auf einem kleinen Bauernhof lebte, in ihren Erinnerungen.

Spaziergang unter Wolkenhimmel

Quelle: dpa/dpaweb

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Kratzers Wortschatz:Kornmandl

Bevor es Bindemäher und Mähdrescher gab, wurde das von Hand gemähte Getreide zu Garben gebunden, dann wurden auf einem Holzgerüst Kornmandl aufgestellt, die jeweils aus bis zu zehn Garben bestanden. Die Kornmandl blieben auf dem Feld stehen, bis das Stroh trocken war. Sie veränderten die bäuerliche Landschaft im großen Stil, über Hügel und Täler zogen sich ihre harmonisch gruppierten Reihen. Es war ein romantischer Sommeranblick, genau das Gegenteil der bedrückenden Gewerbegebietsflächen von heute.

Aber hinter der ländlichen Idylle von einst steckte jede Menge Dramatik. In den Kornmandln sollte das Getreide nicht nur trocknen, sondern auch ein bisschen nachreifen. Danach wurden die Ähren ausgeschlagen und das Stroh in die Scheune verfrachtet. Wenn das Wetter günstig war, dann trocknete das Getreide (Troad) auf dem Feld aus und konnte eingefahren werden.

Regnete es aber so ausdauernd wie in diesem Sommer, dann durchnässte es, und es war um den Ertrag geschehen. Vor allem in den Unbilden des Wetters offenbarte sich das Elend des früheren Bauernlebens.

Ferienbeginn in Baden-Württemberg

Quelle: dpa

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Kratzers Wortschatz:Vakanz

Vor ein paar Jahrzehnten, als die bayerischen Gymnasien noch Oberrealschulen hießen, da wurden die Schüler nicht in die großen Ferien, sondern in die Sommervakanz entlassen. Obwohl dieses Wort so wunderbar nach Sonne, Wasser und Müßiggang riecht, ist es aus der Mode gekommen. Zumindest im niederländischen vakantie, im französischen vacances und im englischen vacation scheint die Vakanz bis heute durch. Bei uns steht dieses Wort jetzt vor allem für offene und unbesetzte Arbeitsplätze, bis hinauf zum Bischof und zum Papst (Sedisvakanz). Dahinter steckt das lateinische vacans (leer, unbesetzt). Nach dem Krieg wurde die Sommervakanz durch ein anderes lateinisches Wort, nämlich durch Ferien (feriae,-arum, Feiertage) verdrängt. Gleichwohl schrieb das Traunsteiner Tagblatt kürzlich über ein Reiseziel: "Nichts für Leute, bei denen sich was rühren soll in der Sommervakanz."

Auch in der bayerischen Literatur ist die Vakanz (gesprochen: Fakanz) allgegenwärtig. Carl Amery schrieb 1975 in seinem Büchlein Dortmals - Ein Leben in Bayern vor hundert Jahren von der Schulvakanz, die damals von Ende Juli bis zum Oktober dauerte. Ludwig Thoma erzählt über den faulen Studiosus Mathias Fottner, er sei "während der Vakanz ein guter Gast in allen Wirtshäusern" gewesen. Die Hitzvakanz ist in diesem verregneten Juli allerdings ausgefallen. Stattdessen mussten Lehrer und Schüler mitten im Sommer froisen (frieren).

geschäftsmann

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sich aufmandln

Neulich wurde der CSU-Abgeordnete Hans-Peter Uhl in einer Zeitungsmeldung mit den Worten zitiert, der Datenschutzbeauftragte solle den Mund halten und "sich nicht aufmanteln". Leider war das Verb aufmanteln zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erfunden. Uhl wird wohl eher das Verb aufmand(e)ln verwendet haben. "Jetzt daad der sich a scho aufmandln" - ein typischer Wirtshausspruch über eine kleine oder unscheinbare Person, die sich aufspielt oder überheblich gebärdet. Aufmandln ist vom Wort Mandl (Manderl, Mandei, kleiner Mann) hergeleitet. "Manderl oder Weiberl?" So fragt einer, der das Geschlecht eines Tieres nicht kennt. Kaum mehr gebräuchlich ist das Wort Simandl, eine Koseform des Vornamens Simon, die gerne auch auf Pantoffelhelden übertragen wurde.

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Quelle: Alessandra Schellnegger

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Bub

Das Kultusministerium hatte im Frühjahr zusammen mit dem "Förderverein Bairische Sprache und Dialekte" einen Mundart-Wettbewerb für Grundschulen ausgeschrieben ("higschaugt-zug'horcht-mitgschwätzt"), großen Zuspruch erhalten und jetzt die Sieger gekürt. Leider leisteten sich Ministerium und Verein ausgerechnet in ihrer Presseerklärung zu dieser Dialektveranstaltung eine kleine Nachlässigkeit im Gebrauch des Dialekts.

Stand doch in dem Schreiben glatt, dass sich "viele Mädchen und Jungen an ihrer Tracht freuen." Statt Jungen hätte der Autor wohl doch besser Buben geschrieben, denn in den bayerischen Mundarten hat das im hohen Norden beheimatete Wort "Junge" so gut wie keine Tradition.

Der Junge ist auch unter sprachgeschichtlichen Gesichtspunkten ziemlich langweilig, ganz im Gegensatz zu dem in langen Jahrhunderten herangereiften Wörtlein Bub (Bua), das eigenartigerweise von den Journalisten gemieden und von manchen Deutschlehrern in den Heften ihrer Schüler sogar rot angestrichen wird. Der Altphilologe Adam Härdl hat "Bub" seinerzeit vom lateinischen puer (Knabe) hergeleitet. Im Althochdeutschen, so argumentierte er (wie übrigens auch das etymologische Wörterbuch von Kluge), sei aus puer schließlich buobo, im Mittelhochdeutschen dann buobe geworden (bairisch Bua, Mehrzahl buoben und buam, im Englischen boy). Dass der Bub einst auch ein Synonym für Schelm war, ist heute noch im Adjektiv spitzbübisch sowie auch im Wort Rotzbub abzulesen.

Der BR-Redakteur Gerald Huber, ein ausgezeichneter Kenner des bairischen Dialekts und ein ausgewiesener Experte für sogenannte Romano-Bavarismen, setzt der von Altphilologen und Germanisten favorisierten puer-Theorie die Meinung entgegen, der Bub sei wohl eher aus dem Spätlateinischen, aus dem rätoromanischen Dialekt des Engadin und aus dem Lombardischen herzuleiten (popin, popón, kleiner Bub). Er begründet das unter anderem mit dem Argument, dass schon seit der Spätantike enge Beziehungen zwischen den genannten Dialekträumen und dem Bairischen bestehen. Für Huber ist "Bub(e)" ein typisches Beispiel, dass das Bairische viel stärker romanisiert ist als das im Norden beheimatete Niederdeutsche.

Bub (Nachtrag)

Dem SZ-Leser Hartmut Höllein hat der Wertungsversuch in den Ausführungen zum Wörtlein Bub (SZ v. 25.Juli) nicht gefallen. Dort war zu lesen, der Begriff Junge sei sprachgeschichtlich "ziemlich langweilig". "Dass der Junge mit dem lateinischen iuvenis (Jüngling), iuvencus (junger Stier) und etlichen Wörtern anderer Sprachen eine gemeinsame indoeuropäische Wurzel hat, aber auch im Jünger (discipulus) steckt, finde ich gar nicht langweilig", schreibt Höllein - und da hat er nicht unrecht.

Schnuller

Quelle: iStockphoto/Claudio Baldini

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Kratzers Wortschatz:Buzerl

Der Chiemgauer Milchbauer Josef und seine thailändische Frau Narumol haben wieder für Schlagzeilen gesorgt. Ihre rührende Liebesgeschichte wurde jetzt durch die Geburt eines Kindes gekrönt. Bekannt geworden ist das Paar durch die RTL-Sendung "Bauer sucht Frau".

In sprachlicher Hinsicht fällt beim Themenkomplex Josef-Narumol auf, dass bayerische Journalisten deren Baby ständig als Wonneproppen preisen. Obwohl dieser Begriff niederdeutscher Herkunft ist, also dem Norden des deutschen Sprachraums entspringt, ist es mittlerweile ein Lieblingswort bayerischer Zeitungen und Anzeigenblätter. Babyfoto-Sonderseiten unter dem Motto "Unsere Wonneproppen" nehmen fast inflationäre Ausmaße an. Leider ist dadurch das Buzerl ins Abseits gedrängt worden, das alte bayerische Wort für Baby.

Das Buzerl ist ein Diminutiv zum Wörtlein Butz, das eine kleine Gestalt beschreibt (mittelhochdeutsch butze, siehe auch die koboldartige Figur des Butzemanns).

Fallbeileffekt beim Kindergeld ist verfassungsgemaess

Quelle: ddp

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Kratzers Wortschatz:Zwackl

Unter einem Zwackl versteht man in Bayern einen kleinen Buben. Sogar in diversen Internetblogs für junge Mütter taucht dieses urbayerische Wort auf: "Wieviel essen eure Zwackl so?", heißt es da, oder: "Geldanlage für das Zwackerl". Der Sprachforscher Ludwig Merkle vermutete einst einen Zusammenhang mit den Wörtern Zwerg und zwicken, nach dem Motto: Der Zwackl ist so klein, als sei etwas von ihm abgezwackt worden.

Münchner Alpenpanorama bei Föhnwetter

Quelle: Kneffel/dpa

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Kratzers Wortschatz:Minga

Nun muss München das Jahr 2018 also ohne Olympische Spiele bewältigen. Das wird hart. Zum Glück hat die Stadt ja noch den FC Bayern und das Oktoberfest, die den Namen "München, Munich, Monaco" auch ohne Olympia kräftig strahlen lassen werden. Erstaunlicherweise nennt die Landbevölkerung in Altbayern ihre Hauptstadt gar nicht München, sondern Minga (z'Minga drobn, auf Minga fahren - Betonung auf dem i).

Dieser Begriff verleiht der reichen Metropole eine natürliche Erdung, noch dazu, als ihm ein weicher südländischer Wohlklang innewohnt. In München selber ist das Wort Minga nur selten zu hören. In der Stadt klingt es vielleicht zu provinziell. Dazu kommt, dass die überwiegend hochdeutsch sprechenden Städter das ü aussprechen können. Im Dialekt dagegen greift das Phänomen der Entrundung. Ein eigentlich mit gerundeten Lippen zu sprechender Vokal wird ungerundet gesprochen. Aus dem ü wird also ein i (Brüder-Briada, Stück-Stiggl, München-Minga).

Gleichwohl hat es das Provinzwort geschafft, in die Münchner Partyszene einzudringen. Überdies sind im Internet Minga-Blogs zu finden und in der Fußgängerzone sieht man sogar T-Shirts mit der Aufschrift: "I mog Minga".

Dennoch bildet der Name München wohl die ältere Form. Die erste Nennung der Siedlung im Jahr 1158 lautet jedenfalls "forum munichen". Die Mundart aber flacht harte Wörter gerne ab, ein ch oder k wird dabei ein schlichtes g (trinken-dringa, stinken-stinga). Dieser Wandel ist auch bei München-Minga zu erkennen. Der Volksmund teilt die Einwohner von Minga übrigens in drei Klassen ein: in die Mingara (Hauptwohnsitz in München), in die echten Mingara (gebürtige Münchner mit Hauptwohnsitz in München) sowie in die waschechten Mingara (echte Mingara, deren Eltern gebürtige Mingara sind).

20 Jahre Biopark

Quelle: dpa

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Kratzers Wortschatz:Nascherl-Tascherl

Am Wochenende haben drei Straubinger Modedesigner junge Damen aus dem Gäuboden zu einem sogenannten Fotoshooting eingeladen. Die Models sollten mit einem eigens für das Gäubodenvolksfest angefertigten Trachtentäschlein vor der Kamera posieren und damit den Verkaufserfolg dieses Produkts ankurbeln. Von einem "exclusiven Tascherl zum Volksfest" schwärmte die Online-Ausgabe des Straubinger Tagblatts.

Beim Begriff Tascherl wird sich so mancher Leser an das Nascherl-Tascherl erinnern. Das war eine heiße Apfeltasche mit Vanillesoße, die eine amerikanische Fast-Food-Kette vor einiger Zeit in ihren bayerischen Filialen feilgeboten hat. Es stand wohl die Absicht dahinter, sich bei der bayerischen Kundschaft mit einem Dialektbegriff einzuschmeicheln. Leider ging das Projekt Nascherl-Tascherl voll in die Hose, zumindest in sprachlicher Hinsicht.

Unter einer Nasch versteht man in Bayern nämlich keine Süßigkeit, sondern eine Muttersau oder eine Zuchtsau. In Amans Schimpfwörterlexikon wird die Nasch sogar auf eine Stufe mit der Loas gesetzt (unzüchtige Frau, Hure). Jemanden mit "du Nasch" zu bezeichnen, ist also eine grobe Beleidigung.

Das aus dem Mittelhochdeutschen stammende Verb naschen bedeutet ursprünglich auch Wollust treiben. Die deutsche Sprache kennt heute noch die einschlägige Wendung "jemanden vernaschen".

Auch die Tasche ist in fachsprachlicher Hinsicht zweideutig, bezeichnet sie doch in der Jägersprache das weibliche Geschlechtsorgan bei Wildtieren. Kein Wunder, dass einige Fast-Food-Liebhaber die Nase rümpften: "Es muss ein bisschen peinlich sein, ein Nascherl-Tascherl zu bestellen", hat im Internet einer geschrieben, der des Bairischen mächtig gewesen sein muss.

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Quelle: Marco Einfeldt

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Kratzers Wortschatz:Noagerl

Nach einem Artikel über die Geheimnisse des Biergartens (SZ v. 17. Juni) haben einige Leser den dort verwendeten Begriff Norgerl in Zweifel gestellt, der in der Tat ein Novum in der bayerischen Sprachlandschaft darstellt. Seit jeher heißt der Rest, der im Bierkrug ungetrunken übrigbleibt, Noagerl (dahinter steckt der Begriff Neige). Leider klebt an dem Diphtong oa heutzutage der Makel des Einfältigen und Primitiven.

Sprachgeschichtlich ist dieser kernbayerische Laut, den es in der deutschen Schriftsprache nicht gibt, dennoch hochinteressant. Zahlreiche schriftdeutsche ei werden in Bayern oa ausgesprochen. Allerdings erfolgt die Verwandlung nach strengen Sprachgesetzen, wonach nur das alte ei, das schon im Mittelhochdeutschen ei gelautet hat, ein bairisches oa wird (weinen-woana, zwei-zwoa usw.). Das neue ei, das im Mittelhochdeutschen auf ein langes i zurückgeht, bleibt auch im Bairischen ein ei (wip-Weib, deshalb: Mei Wei woant - meine Frau weint). Das Norgerl hat also kein etymologisches Fundament. Eine Alternative zum Noagerl wäre höchstens das Neigerl, das zwar salonbayerisch klingt, aber alte Sprachregeln außer Kraft setzt.

Auf diese Weise gehen Wörter von größter Bildhaftigkeit verloren, etwa der Noagerlzuzler (-suzler), der auf Bierfesten reihum geht und sich die Noagerl einverleibt. In Zeiten, in denen die Volksfestmaß bis zu zehn Euro kostet, ist das Noagerlzuzeln für viele der einzige Weg zum Rausch.

Münchner Oktoberfest, 2007

Quelle: Robert Haas

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Hawedehre

Vorige Woche hat ein Münchner Schüler seine Lehrerin mit "Servus" begrüßt, dafür einen Verweis kassiert und damit die öffentliche Aufmerksamkeit wieder einmal auf die bayerische und österreichische Grußkultur gelenkt. Hier hat der Brauch des Grüßens eine Fülle an herrlichen Wörtern und Höflichkeitsformeln hervorgebracht. Sich zunehmend am Wortschatz des Fernsehens und am sogenannten "Nordsprech" orientierend, haben die Bayern jedoch vieles davon verdrängt und sich das Tschüss- und Hallo-Einerlei einverleibt. Zu jenen Grußworten, die allmählich ins Abseits rutschen, zählt das altehrwürdige "Hawedehre", das in der Jugendsprache gerne zu "Dehre" verkürzt wird. Früher begrüßte man auf diese Weise vor allem höhergestellte Persönlichkeiten: "Hawedehre Herr Hofrat! Hawedehre Frau Ministerin!" Das hieß nichts anderes als: "Ich habe die Ehre, Sie zu begrüßen." Dass der Gruß in annähernd schriftsprachlicher Form erfolgte (Hawedehre, Habedehre statt Hobdehre), war für den Dialektforscher Ludwig Merkle ein Beleg für die These, dass ihn das Volk den vornehmen Kreisen abgelauscht hat. Hawedehre kann übrigens auch ein körperlicher Zustand sein, dann wird das Wort adverbiell gebraucht. Wer ganz hawedehre auf dem Kanapee liegt, der zeigt Symptome der Ermattung, Ermüdung oder gar der Erschöpfung. Er vermag also nur noch einen letzten Abschiedsgruß zu hauchen.

Schinkenhäppchen und Radieschen, 2011

Quelle: Robert Haas

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Bschoad

Wenn früher nach einem Hochzeits- oder Kirchweihmahl etwas übriggeblieben ist, dann nahmen die Festgäste die Reste des Bratens mit nach Hause. Dieses Mitbringsel trug den Namen "Bschoad". Auf dem Land ist dieses Wort heute noch geläufig, auch in Volksmusiksendungen ist es gelegentlich zu hören. Das Tuch, in das die Speisen eingewickelt werden, ist dementsprechend das Bschoadtüchl. Im Rottal wird ein solches gerne zu einer deftigen Brotzeit dazugegeben.

Nun ist ausgerechnet Carolin Reiber, öffentliche Renommier-Bayerin und vermutlich weltbeste Sprecherin des rollenden R, in einer Zeitungskolumne in die Bschoad-Falle gestolpert. Salonbayerisch versiert, präsentierte Frau Reiber ihren Lesern nämlich das "Pschorr-Tücherl", das Schulkinder bei einem Besuch auf einem Bauernhof erhalten haben. Weil das "Pschorr-Tücherl" aber "mit köstlichen Milchprodukten gefüllt war", war es wohl eher so, dass die Gaben für die Kinder - die Brauerei Pschorr in allen Ehren - in ein Bschoad-Tücherl eingewickelt waren. Frau Reiber zum Trost: Diese Wortverhunzung war echt bodenständig.

Ohrfeige

Quelle: detailblick - Fotolia

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Kratzers Wortschatz:Bockfotzn

Der Schalker Fußballtorwart Manuel Neuer, der zum FC Bayern wechseln will, hat von einem enttäuschten Fan eine Ohrfeige kassiert. In Bayern sagt man statt Ohrfeige lieber Watschn. Dialektkundige gebrauchen gerne auch die Wörter Schellen (gesprochen: 'Schoin') und Fotzn. Wenn ein Bürscherl zu vorlaut wird, bremst man es mit der Frage 'magst a Schoin?' oder: 'magst a Fotzn?' wieder ein. Fotzen kann auch als Verb verwendet werden: 'Der Lehrer hat den Buben sauber hergfotzt.' Im Bairischen bezeichnet das Wort Fotzn nicht zuletzt den Mund: 'Halt dei Fotzn!' In der Ruhrpott-Heimat des Manuel Neuer würde es heißen: 'Halt dein Maul!' Fällt die Ohrfeige kräftiger aus, dann spricht man in Bayern von einer Bockfotzn (gesprochen: 'Boogfotzn'). Man kann also nur hoffen, dass der Torwart Neuer nur eine Fotzn und keine Bockfotzn empfangen hat. Weil es so kräftig klingt, ist das Wort Bockfotzn bei bayerischen Kabarettisten recht beliebt. Eine typische Würdigung von Günter Grünwald lautet etwa: 'Ich glaub, du brauchst a Bockfotzn, du Hanswurscht!'

Ein Hörfunkmoderator vertrat neulich in einer Sendung die Meinung, diverse Bankmanager, Politiker und botoxgestraffte Frauen hätten durchaus eine Bockfotzn verdient.

Trauer

Quelle: iStockphoto

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Kratzers Wortschatz:Trenzerbeidl

Kollegin H. hat neulich beim Mittagessen begeistert das Wort geführt, ist aber im Überschwang mit dem Löffel zu heftig in die Soße gefahren. "Oh, jetzt hab ich mich angekleckert", seufzte sie, woraufamTisch sogleich ein dialektales Kolleg einsetzte. "Volldriarat heißt das", sagte ein Kollege aus Schwaben, während ein anderer Kollege aus dem Chiemgau darauf beharrte, Frau H. habe sich otrenzt (angetrenzt).

Das Bairische kennt für Fälle, in denen jemand kleckert oder sabbert, tatsächlich das Verb trenzen, das aber auch weinen oder schluchzen bedeuten kann.

Ein weinerlicher Mensch ist deshalb ein Trenzerbeidl (Trenzbeutel), der aber nicht mit dem Trenzbarterl (Lätzchen für Kleinkinder) zu verwechseln ist.

(SZ vom 23.5.2011)

Kirche Rennertshofen

Quelle: dpa

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Kratzers Wortschatz:Bor

In Rennertshofen hat sich ein Pärchen auf der Empore der Kirche geschlechtlichen Genüssen hingegeben und wurde dabei auch noch erwischt. Nun war der Prozess, und siehe da: Der wollüstige Liebhaber verlor seine Stelle bei der Polizei. Im Schutz der Empore haben sich indessen schon viele danebenbenommen.

Auf dem Land führen die Männer dort während der Messe gerne private Gespräche, die mitunter die Intensität von Wirtshausdiskursen annehmen. Manchmal muss der Pfarrer die Hitzköpfe mit mahnenden Worten bremsen.

Der auf den Dörfern noch gängige Begriff für Empore lautet übrigens Bor. Es ist ein interessantes Relikt aus dem Mittelhochdeutschen, in dem das uralte Wort "Bo" (Höhe) steckt. Die Borkirche ist also der obere Kirchenraum. Ein altes Synonym für Bor ist Bollam (Borlaube).

(SZ vom 16.5.2011)

Prince William, Prince Harry

Quelle: AP

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Kratzers Wortschatz:Kampl

Neulich ist Prinz Harry bei der Hochzeit seines Bruders William und seiner Schwägerin Kate in London durch einen üppigen Haarschopf aufgefallen - im Gegensatz zu seinem Bruder, der bereits lichtes Haar trägt (auf Bairisch: Er wird langsam plattert). Hat sich der gute Harry überhaupt gekampelt?, wird sich so mancher Fernsehzuschauer angesichts der Mähne des Prinzen gedacht haben.

Kampeln ist ein bairisches Synonym für das Verb kämmen, das dazu benötigte Gerät ist der Kampl, also der Kamm. Kampe (das awird hell gesprochen) lautet außerdem die Bezeichnung für heranwachsende Burschen, die man noch nicht ganz ernst nimmt. Früher drückte das Wort mehr Respekt aus: Der Kampe (Kempe) war ein Kämpfer, oft sogar ein Held.

(SZ vom 9.5.2011)

Politischer Aschermittwoch der CSU

Quelle: dapd

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Kratzers Wortschatz:krachledern

Die Kollegen von der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit greifen gelegentlich zum südhochdeutschen Wortschatz. Oft ist dann höchste Gefahr im Verzug. In der vorletzten Ausgabewar der irritierende Satz zu lesen: "Horst Seehofer krachledert genau wie die schwäbische SPD"

Der Autor hat das Adjektiv krachledern kurzerhand als Verb verwendet, was gewöhnungsbedürftig erscheint, denn wer krachledert, der hundshäutert vermutlich auch. Politiker wie Strauß, Wehner und Stiegler gaben sich gerne krachledern, der jetzige Verteidigungsminister de Maizière markiert exakt das Gegenteil. Wer krachledern auftritt, der gibt sich derb, unverschämt und unverblümt direkt.

(SZ vom 9.5.2011)

Drößlinger Maibaum

Quelle: Franz Xaver Fuchs

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Kratzers Wortschatz:Spezi

Das Bayerwald-Echo hat über den 80-jährigen Stelzer Sepp berichtet, der in Cham einen Maibaum aufgestellt hat. Geholfen hat ihm dabei der Groitl Richard, den der Reporter als "Stelzers Kumpel" benannt hat. Besser als mit dem Ruhrpott-Begriff Kumpel hätte das Blatt den Sprachwandel in Bayern nicht dokumentieren können. Zum Glück ist der Stelzer Sepp noch nicht zum Jupp mutiert.

Im Bayerischen Wald hat das Wort Kumpel nach Ansicht des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte kein Fundament, eigentlich dürfte es stattdessen nur ein Wort geben: den Spezl oder den Spezi. Dieses uralte bairische Stammwort hat noch lateinische Wurzeln (amicus specialis, der besondere Freund). Politiker haben das Wortwegen ihres Hangs zur Spezlwirtschaft leider diskreditiert.

Im Übrigen ist der Spezi auch noch ein beliebtes Mixgetränk aus Cola und Orangenkracherl. 

(SZ vom 9.5.2011)

Besserwisser

Quelle: iStockphoto

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Kratzers Wortschatz:Gscheithaferl

Unter einem Tüpferlscheißer versteht man einen Menschen, der sich kleinlich gibt, einen Pedanten und Besserwisser. Im Norden würde man ihn einen Korinthenkacker nennen. Ein Tüpferlscheißer ist meistens auch ein Gscheithaferl, aber nicht jedes Gscheithaferl ist zwingend auch ein Tüpferlscheißer.

Im Wörterbuch von Franz Ringseis wird das Gscheithaferl erklärt als "einer, der vor Gescheitheit überläuft". Dies hat zur Folge, dass Gscheithaferl ähnlich nerven wie die Tüpferlscheißer. Nahe beim Gscheithaferl ist der Gschaftlhuber, der sich überall furchtbar wichtig nimmt. Aber das Leben lehrt, dass es bei den Gschaftlhubern mit der Gescheitheit oft nicht weit her ist. 

(SZ vom 3.5.2011)

Neue Debatte um Maut

Quelle: dpa

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Kratzers Wortschatz:Maut

Trotz des Vetos von Kanzlerin Angela Merkel fordert CSU-Chef Horst Seehofer eine Pkw-Maut. Die Maut-Debatte wird seit Jahren geführt, aber die wenigsten ahnen, dass das uralte Wort Maut aus dem bairischen Dialekt stammt. Es geht wie das Wort Dult auf das Gotische zurück und hat im Bairischen die Zeiten überdauert.

Das Etymologische Wörterbuch von Kluge nennt das Urwort "mot" (Abgabe, Entschädigung für Durchfahrt). Mauten dienten also schon zur Geldbeschaffung, als es Deutschland noch gar nicht gab. Dass die CSU so vernarrt in die Maut ist, versteht sich angesichts der bayerischen Wurzeln dieses Wortes von selbst.

(SZ vom 26.4.2011) 

Nordost-CDU berät über Wahlprogramm

Quelle: dpa

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Kratzers Wortschatz:schelchen, schelchhaxert

Kanzlerin Angela Merkel istamKnie operiert worden, der Meniskus hatte gezwickt. Betrachtet manihre Beine aus orthopädischer Sicht, so fällt auf, dass Sie, salopp gesagt, sogenannte X-Haxen hat, was den Druck auf den Innenmeniskus und damit dessen Abnützung forciert.

Im Bairischen wird diese Beinstellung schelch genannt, folglich ist die Kanzlerin schelchhaxert, wie Millionen andere auch. Das alte Wort schelch bedeutet schief, krumm, verbogen. Das dazugehörige Verb heißt schelchen. Wer schelcht, der geht schief daher. Das Wort leitet sich vom lateinischen scelus, -eris ab, das im Althochdeutschen zu scelach wurde.

(SZ vom 11.4.2011)

© SZ/infu/ahe
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