Kratzers Wortschatz:Sigi Sommer hätte die Redaktion abgewatscht

Der Klatschkolumnist Michael Graeter hat in einem Interview beklagt, dass man ihm mittlerweile einen umgangssprachlichen Ausdruck wie Hasen (schöne Frauen) aus seinen Texten heraustreiche. Es hilft nichts, auch in seinem Genre ändern sich die Spielregeln

Von Hans Kratzer

Hasen

Vor einigen Tagen ist der Klatschkolumnist Michael Graeter 80 Jahre alt geworden. Wie es heißt, hat ihn der Regisseur Helmut Dietl einst als Vorlage für die Figur Baby Schimmerlos in der Fernsehserie Kir Royal (1986) erkoren. In einem Interview in der Abendzeitung hat Graeter soeben beklagt, man könne in der jetzigen Zeit nicht mehr so frei schreiben wir früher. Kürzlich, so sagte er, habe man ihm aus einem Zitat das Wort Hasen weggestrichen, die Chefredaktion habe gesagt: Dieses Wort schreiben wir nicht mehr. Das bezog sich natürlich nicht auf den Hasen aus der freien Wildbahn. Umgangssprachlich wird das Wort auch als Synonym für schöne Frauen verwendet. In erweiterter Form tauchen gelegentlich auch Begriffe wie fesche Hasen, Skihaserl oder gar ein Betthas auf. Das alles gehörte zum Sprachschatz der Münchner Stenze und Gigolos, deren Frauenbild heute nicht mehr hundertprozentig als politisch korrekt gilt. Graeter hält diese Entwicklung für einen Wahnsinn, wie er es ausdrückte. Wenn man einst seinem Vorbild Sigi Sommer so etwas herausredigiert hätte, fuhr er fort, wäre der in die Chefredaktion geschritten und hätte denen eine Watschn verpasst. Erwähnt werden sollte noch die adjektivische Form hasert, die man mit lüstern übersetzen könnte. Andrea Maria Schenkel beschreibt in ihrem Roman "Täuscher" damit einen Weiberer: "Ganz hasert ist er geworden!"

Kuhfladen

Prinz Charles, 72, ist neulich beim Besuch einer landwirtschaftlichen Veranstaltung in einen Kuhfladen getreten. Die Organisatoren der Great Yorkshire Rinderschau reagierten betroffen, trösteten den britischen Thronfolger aber sofort mit dem Hinweis, ein solches Malheur bringe in der Regel Glück. Das Wort Kuhfladen steht im deutschen Wortschatz recht solitär da, selbst in den wortmächtigen bairischen Varianten gibt es kaum Entsprechungen. In Zehetners Wörterbuch sind immerhin Kuhlätsch und Kuhdreck aufgeführt. Im österreichischen Sprachkosmos findet man die Kuhklatter. In Robert Schneiders Roman "Schlafes Bruder" (1992) ist zu lesen: "... und tappte in eine noch dampfende Kuhklatter." Auf dem Land sind die Kinder früher vom März bis in den Oktober hinein barfuß gelaufen. Wenn es kalt war, stellten sie sich einfach unter eine Kuh und ließen ihre Füße abbieseln. Oder sie stiegen in einen dampfenden Kuhfladen auf der Wiese. Das wärmte besser als jeder Schuh.

© SZ vom 06.08.2021
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