Kratzers Wortschatz:Als die Lehrer noch Ohrwaschl illuminierten

Als Autoritäten sich noch als unumstößlich betrachteten, war es für ein Kind wahrlich kein Vergnügen, wenn es ungehorsam war.

Ohrwaschlrennen

Neulich im Zug von Regensburg nach Landshut. Im Abteil hockten nur wenige Fahrgäste, und die Stimmung war entspannt. Einem jungen Burschen taugte es dermaßen, dass er seine Füße auf die gegenüberliegende Sitzbank legte. Vor lauter Behaglichkeit bemerkte er jedoch nicht, dass sich der Schaffner näherte. Und der sah sich prompt zu einer Erziehungsmaßnahme genötigt: "Deine Haxn lasst herunt, sunst gibt's a Ohrwaschlrennats."

Der strenge Schaffner verwendete einen Begriff, der bereits anno 1861 im Freisinger Wochenblatt zu lesen war. Das Ohrwaschl ist als volkstümlicher Ausdruck für das Ohr allgemein bekannt. Das Wort Waschl wiederum wird im Bairischen variabel verwendet, etwa, um das Staunen über einen großen Salatkopf zum Ausdruck zu bringen: "Um Gotteswillen, is des a Waschl!" Ein Waschl ist auch beim Weißeln nützlich. In diesem Fall ist dies eine Bürste, mit der die Farbe an die Wand gewaschelt wird. Auch ein Einfaltspinsel wird manchmal als Waschl bezeichnet.

Als Markus Söder noch Finanzminister war, hat ihn die Kabarettistin Luise Kinseher auf dem Nockherberg als den "Prinz Charles von der CSU" vorgestellt, "bloß mit schönere Ohrwaschl". Von der Form her wären sie tatsächlich gut geeignet für ein Ohrwaschlrennen (-rennats). Als die Schulkinder noch gezüchtigt wurden, verpassten ihnen die Lehrer und die Pfarrer als Strafmaßnahme oft einen Satz heiße Ohren. Zu diesem Zweck legten sie die flachen Hände links und rechts auf die Ohren der Kinder und bewegten sie ganz schnell hin- und her, was für die Opfer sehr schmerzhafte Folgen hatte. Auch Gerhard Polt hat dies als Bub erlebt und weiß deshalb aus eigener Erfahrung: "Danach sind die Ohrmuscheln voll illuminiert."

Schmalbrustanderl

Kollege O. suchte kürzlich mit ein paar Freunden Entspannung beim Bowling. Einer der Kameraden wollte dann aber doch nicht mitgehen, weshalb er sich den Vorwurf anhören musste: "Konst koa Kugel daheben, Schmoibrustanderl?" Unter einem Schmalbrustanderl muss man sich einen schmalbrüstigen Jüngling vorstellen, dem man kräftemäßig nicht viel zutraut. Oft müssen sich solche Burschen Spottreden anhören, aber zu Unrecht. "Der Lahm ist eher so a Schmalbrustanderl", lästerte die Kabarettistin Monika Gruber über den einstigen Kapitän des FC Bayern. Trotzdem wurde der schmalbrüstige Fußballer Weltmeister. Ein Schmalbrustanderl ist ein Krischperl. Vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht München I musste sich einmal ein gut genährter Schläger verantworten. Er verteidigte sich mit dem Argument, er habe sich vor seinem Opfer gefürchtet. Was ihm der Richter nicht abkaufte, denn das Opfer sei doch ein Krischperl gewesen. Anderl ist eine Variation des Vornamens Andreas. Dass nicht jeder Anderl ein Schmalbrustanderl ist, zeigte der übergewichtige Bobfahrer Anderl Ostler (1921-1988), der Olympiasieger wurde.

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