Süddeutsche Zeitung

Kratzers Wortschatz:Modische Männer im Gesthintre

Ein Senior bringt mit einer Zeitungsannonce ein längst vergessenes Kleidungsstück in Erinnerung. Was das mit einer Drehorgel zu tun hat?

Gesthintre

Vor kurzem war in der Landshuter Zeitung eine berührende Kleinanzeige zu lesen: "Suche Gesdhintre mit Zylinder, für Personengröße ca. 162 cm." Es wirkt fast so, als habe sich diese Anzeige in der Zeit verirrt. In Karl Valentins Kurzfilm "Die Orchesterprobe" von 1933 trugen die Protagonisten noch standesgemäß einen sogenannten Gesthintre. Anthony Rowley, der Leiter des Bayerischen Wörterbuchs, beschreibt dieses Gewand als "einen Gehrock, ein Kleidungsstück halb Mantel, halb Jacke, wie man es früher zum Ausgehen angezogen hat, vorn mit viel Beinfreiheit zum Laufen und hinten mit langen Schößen." Über dieses Teil könnte man folglich sagen: Du gehst wohl nach hinten oder: Du gehst hintre. Als der Heimatverein Pang (Rosenheim) voriges Jahr bei einem Theaterabend "Die Orchesterprobe" präsentierte, spielte als Begleitung das "Gehsthintre-Orchester". Valentin Reitmajer schildert in seinem Buch "Kindheit in Niederbayern" den dortigen Pfarrer folgendermaßen: "Gemessenen Schrittes, schwarz gekleidet, ausgestattet mit schwarzem Hut, Priesterkragen und dem Gesthintre kam er ins Klassenzimmer." Die Anzeige in der Landshuter Zeitung hat ein 84-jähriger Witwer aufgegeben, wie ein Anruf bei ihm ergab. Er hat sich eine Drehorgel angeschafft, will damit aber nur standesgemäß auftreten, also mit einem Gesthintre. Immerhin haben sich bereits zehn Anrufer bei ihm gemeldet. Die Chancen, dass er bald im Gesthintre auftreten kann, stehen nicht schlecht.

Briada

Am Samstag unterhielt das Erste Deutsche Fernsehen sein Publikum mit dem Film "Winterkartoffelknödel" nach dem gleichnamigen Roman von Rita Falk. Der Dienststellenleiter Moratschek sagte dort zum Dorfpolizisten Eberhofer und zum Privatdetektiv Birkenberger, nachdem sie einen Mordfall eher unkonventionell aufgeklärt hatten: "Ihr seids ma zwoa so Briada!" Briada ist die bairische Pluralform von Brüder. Ohne Grundkenntnisse im Bairischen ist dieser Satz kaum zu verstehen. Ein Bruder ist eben nicht nur ein naher Verwandter. Im erweiterten Fall meint man damit ein Schlitzohr, einen Gauner oder eben staubige Bürscherl wie Eberhofer und Birkenberger. Ein nasser Bruder ist dagegen einer, der gerne ins Glas schaut. Homosexuelle wurden früher im abwertenden Sinne oft als warme Brüder bezeichnet. Damals, als noch der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches existierte, der von 1872 bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte.

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SZ vom 21.01.2019
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