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Kratzers Wortschatz:"Mi würgt der Wind, mi druckt der Tag"

So schön der Frühsommer bis jetzt gewesen ist, so zerstörerisch sind die Regengüsse und Hagelschläge nach schwülen Tagen. Die Bayerwalddichterin Emerenz Meier hat dieses Naturphänomen ergreifend beschrieben

Kolumne Von Hans Kratzer

Schaueramt

So schön der Frühsommer bis jetzt gewesen ist, so zerstörerisch sind die Regengüsse und Hagelschläge, die sich nach der Schwüle solcher Tage entladen. Früher sagte man statt hageln auch schauern. Der Sprachforscher Ludwig Zehetner deklariert Schauer als altes germanisches Wort, das mit dem englischen shower verwandt sei. Tatsächlich war der Begriff "scûr" schon vor 1200 Jahren für Sturm und Hagel gebräuchlich. In Bayern hat er die Zeiten überdauert. In so mancher Pfarrei stehen im Mai und im Juni Schauerämter im Gottesdienstanzeiger. Erst vor kurzem hat die Pfarrei Waldsassen im Stiftland ein Schaueramt und eine Flurprozession abgehalten. Der Sprachforscher Johann Andreas Schmeller erklärte das Schaueramt im frühen 19. Jahrhundert als eine gesungene Messe mit der Bitte um Abwendung von Hagelwetter. Der Freitag nach Christi Himmelfahrt heißt heute noch Schauer-Freitag, weil an jenem Tag häufig Flurprozessionen stattfinden, die ein Gedeihen der Feldfrüchte fördern und den Hagel abwehren sollen. Der Brauch stammt aus Zeiten, in denen die Menschen nach Ernteverlusten sogar vom Hungertod bedroht waren. Fromme Bauernfamilien zündeten deshalb geweihte Wetter- oder Schauerkerzen an, wenn sich ein Unwetter näherte. Auch auf den Feldern stellten sie hölzerne Schauerkreuze auf, um in Zeiten ohne Hagelversicherung, Supermärkte und Internet ihre Existenz zu retten.

Wetter (Weda)

Das Wort Wetter, gesprochen Weda, steht in Bayern für die allgemeine Wetterlage, meint speziell aber das Gewitter. Wenn Landwirte, die erfahrene Wetterbeobachter sind, zum Horizont blicken und dann sagen: "Da steht a Weda hint!", so ist das bedeutungsschwerer, als es klingt. Man spürt bei diesen Worten förmlich die Gefahr, die sich am Firmament zusammenballt und die dunkle Macht, welche Haus und Hof bedroht. "Wödaschwüln" lautet ein Gedicht der Bayerwalddichterin Emerenz Meier, in dem sie dieses Naturphänomen so ergreifend beschreibt, dass es dem Leser unter die Haut geht: "Mi würgt der Wind, mi druckt der Tag . . . Schwül wirds, es kimmt a Wödaschlag . . ." In Ober- und Niederbayern sind gelegentlich die Spezialausdrücke Grohweda (schlechtes Wetter) und Scheeweda (schönes Wetter) zu hören. In der TV-Serie "München 7" sagt ein Polizist in einer Szene: "D'Affn steing, Scheeweda werds!" Heute werden die Wörter Sauwetter und Grohweda vom Begriff Schmuddelwetter verdrängt, der aber auch nicht vornehmer klingt.

© SZ vom 11.06.2018

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