Süddeutsche Zeitung

Kratzers Wortschatz:Mägst feng oder mogst a Watschn?

Auf einer Streuobstwiese war neulich ganz unverhofft ein längst vergessenes Zuckerl der Jugendsprache aus den 70er und 80er Jahren zu vernehmen

Mägst feng?

Ein paar vom Übermut geplagte Jugendliche mussten neulich auf einer Streuobstwiese im Isental Frühäpfel ernten. Und wie das in diesem Alter eben so ist, ging die Erledigung dieser Aufgabe nicht ohne gegenseitige Tratzereien vonstatten. Zum Beispiel sagte ein Bursche zum andern, der ihn listig beäugte: "Mägst feng, ha?" Ja sowas, dachte sich ein Zuhörer, diese Frage war schon lange nicht mehr zu hören. Im Internet kennt man das Wort feng nur noch im Zusammenhang mit Feng Shui. Dabei ist feng (fegen) ein Relikt aus der Jugendsprache der 70er- und 80er-Jahre und auf dem Land offensichtlich noch nicht ganz vergessen. Fegen bedeutet in diesem Zusammenhang nicht kehren, sondern streunen, aufschneiden, zanken. "Mogst a Watschn?", diese Frage wäre in diesem Fall zu heftig. Mägst feng heißt: Reiß dich zusammen, sonst gibt's Pontsches (Hiebe). Wer den Drang hat, andere zu necken, wird auch als Fegerlenze bezeichnet. Der Begriff gilt auch für sämtliche Angeber, Aufschneider, Stenze und Amüsierburschen.

In Matthias Polityckis Roman "Ein Mann von vierzig Jahren" (erschienen 2000) geht es um das München der 1990er-Jahre. Viel Lokalkolorit kommt darin vor, Biersorten, Songtitel sowie Floskeln aus dem Bereich des geselligen Zusammenseins, natürlich auch "Mogst feng, ha?" und "Schleich di!" Geschmeidiger klingt natürlich die Frage: "Mogst schmusen?", wie sie die Musikerin Karin Rabhansl in einem ihrer Lieder gestellt hat ("mogst schmusn, mia wads wurscht"). Aber bloß nicht mit einem Fegeisen, also mit einer Frau, die unstet und zänkisch ist.

Lalli

Ein Leser aus München hat die Frage aufgeworfen, was denn der Begriff "La(h)le" besagt. Auf einer Fahrradtour habe er sich neulich mit seinem Cousin über einige Zeitgenossen unterhalten, von denen er manche, wie er schreibt, als Lahle bezeichnet habe. Da er den Begriff nur vage erläutern konnte, habe er auf die Frage nach der Bedeutung nur geantwortet: "so einer wie der Laschet", also wie ein Mensch, der seiner Meinung nach im Auftreten schwerfällig, entscheidungsschwach und unbeholfen erscheint. Ob das so stimme, da sei er sich nicht sicher. Bei einem Begriff wie Lahle oder Lalli, der erkennbar dem Schimpfwortkanon zuzuordnen ist, lohnt sich ein Griff zu Amanns Schimpfwörterbuch. Dort wird der Lalli mit dem Laff gleichgestellt, der als dummer, weichlicher, täppischer Mann beschrieben wird. Man könnte ebenso den Lapp hinzufügen, für den Gleiches gilt. Im Lalli steckt unübersehbar das Verb lallen, das im Schwedischen so ähnlich klingt (lalla). Im Bairischen gibt es noch das alte Wort lallezn, mit schwerer Zunge sprechen. Lalli und Lapp verhalten sich zwar ungeschickt, sind aber meistens harmlos und gutmütig. Ein Lalli war einst in Bayern und Tirol auch ein erwachsener Bursche, der kindliches Verhalten an den Tag legte. "Der tut ja noch Poppn lalln!" Das hieß: Der spielt noch mit Puppen.

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SZ vom 13.08.2021
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