Kratzers Wortschatz:Söder und die kniefieseligen Reporter

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Der bayerische Ministerpräsident hat kürzlich in einem Interview eine sehr seltene, fast ins Poetische lappende Wortschöpfung verwendet.

kniefieselig

Ministerpräsident Markus Söder hat in einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel sprachschöpferische Qualitäten bewiesen. Hatte er bis dahin alle Fragen rechtschaffen beantwortet, so wurde seine Geduld am Ende, als es um die Frage einer möglichen Kanzlerkandidatur ging, doch noch strapaziert. "Sie sind heute aber wieder kniefieselig", hielt er den Journalisten entgegen, wobei er gegrinst habe, wie in Klammern zu lesen war. Das Wort kniefieselig ist in Wörterbüchern kaum zu finden. Einer der Journalisten, die das Interview führten, tat nachher auf Twitter kund, Söder sei rasch in Fahrt gekommen "und wir haben ein neues fränkisches Wort gelernt, kniefieselig." Ein gebürtiger Franke konterte im Netz sofort: "Kniefieselig ist definitiv kein fränkisches Wort, es klingt nicht einmal fränkisch." Auf Online-Chats findet man es vereinzelt, man muss sich die Bedeutung von kniefieselig aber zusammenreimen. Über einen Perfektionisten heißt es an einer Stelle: "Er arbeitet sorgfältig und gewissenhaft. Er ist aber auch kniefieselig, er findet die kleinsten Fehler und ist absolut pünktlich." So könnte man also bilanzieren: Wer kniefieselig ist, der ist kleinlich, pedantisch, eine Art Tüpferlscheißer (Dipflscheißer), wie man in Bayern sagt.

Tüpferlscheißer

Gerade an Wörtern wie Tüpferlscheißer haftet die Altmünchner Seele, dieses sagenhafte Gemisch aus Grant, Laissez-faire und Lebensweisheit, das im modernen Sprachgewäsch mit seinem ausufernden Billigwortschatz leider verloren geht. Freilich will man auch kein sprachlicher Tüpferlscheißer sein, der jedes falsche Komma mit erhobenem Zeigefinger reklamiert. Unter einem Tüpferlscheißer versteht man insgesamt einen Menschen, der sich häufig kleinlich gibt, als Synonyme eignen sich die Wörter Pedant und Besserwisser. Im Norden nennt man solche Typen Korinthenkacker. Der aus der Oberpfalz stammende frühere Staatsminister Gustl Lang (1929-2004) sagte einmal: "Ich war als Minister nie ein Tüpferlscheißer."

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