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Kratzers Wortschatz:Ein Professor fühlt sich vom Gendern agaciert

In der Debatte um eine möglichst geschlechtergerechte Sprache wird manchmal immer noch Überraschendes aufgeworfen. Formfragen stellen sich aber auch vor Scherhaufen und Maulwurfshügeln

Glosse Von Hans Kratzer

Agacieren

Sogar im Krachmedium Twitter stolpert man manchmal über alte Wörter, die eigentlich schon längst das Zeitliche gesegnet haben. Das erweckt natürlich Staunen in Zeiten, in denen das Englische, allerlei Slangs und das deutsch klingen sollende TV-Genuschel die Alltagssprache prägen. ORF-Moderator Armin Wolf machte sich also auf Twitter über den Philosophie-Professor Konrad Paul Liessmann lustig, weil der die gendergerechte Sprache in der Nachrichtensendung Zeit im Bild als unangenehm und anbiedernd gescholten hatte. Wie es bei Twitter der Brauch ist, flogen sofort ätzende Tweets hin und her. In diesem Geplänkel ergriff Teilnehmerin Irmgard B. Partei für Wolf. Sie hob hervor, er spreche die Genderformen schon sehr flott und elegant aus. Weiter schrieb sie, Sprache wandle sich eben, das sei immer so gewesen. Wörtlich fuhr sie fort: "Erstaunlich, dass sich Liessmann dadurch agaciert fühlt." Das Wort agaciert, das erkennbar aus dem Französischen entlehnt ist, klingt sehr nobel. Die Stammform agacer bedeutet reizen und necken, aber auch verstimmen und in Nervosität versetzen, wie im Wörterbuch der Brüder Grimm zu lesen ist. Tatsächlich war agacieren (agassieren) einst im gehobenen Münchner Stadtdialekt zu hören. Heute ist das wohl nur noch in Österreich der Fall. Große Autoren verewigten das Verb, etwa Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus. Franz Werfel schrieb: "Mon cher! Warum beleidigen und agacieren Sie ihren Vater durch andauernde Nichtachtung und Nichtbeachtung?"

Scher

Zuletzt wurde in dieser Kolumne das Wort Scherhaufen beleuchtet. Das hat manche Leser zu Reaktionen veranlasst, weil sie Wert auf den Unterschied von Maulwurf und Schermaus legen. Umgangssprachlich werden beide als Scher bezeichnet. Die im Fach Biologie sehr versierte Kollegin H. erklärte dazu, Maulwürfe gehörten zu den Insektenfressern, seien also keine Mäuse, sondern weitaus näher mit den Igeln verwandt. Schermäuse seien dagegen Wühlmäuse, also Nagetiere. Wie die Maulwürfe werfen auch sie Hügel auf, die aber eine flachere Form haben. Auf dem Land werden beide Erdhügel als Scherhaufen bezeichnet, mag auch die höher aufgeworfene Variante ein Maulwurfshügel sein.

© SZ vom 15.03.2021
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