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Kratzers Wortschatz:Die Wiesn, das Schleckeis und die Schnackelbix

Ein Eis kann man schon lecken, aber in Bayern schleckt man es doch lieber. Das geht sogar mit einem Schnackeldaumen

schlecken

Zugegebenermaßen hegt auch die Süddeutsche Zeitung eine Vorliebe für Begriffe aus der nord- und ostdeutschen Sprachheimat. Manche Leser veranlasst dies, die Redaktion zu ermahnen, sie möge doch als Münchner Blatt die süddeutsche Sprache nicht vernachlässigen und zum Beispiel das Adjektiv bekloppt durchaus auch einmal durch deppert ersetzen. Soeben war zum Auftakt der Eissaison vom "Eis lecken" zu lesen. Die SZ stand den Fans dieser süßen Erfrischung sogar beratend zur Seite: "So lecken Sie ihr Eis richtig!" Für süddeutsch geprägte Ohren klingt aber auch das ausnehmend schräg, ungeachtet dessen, dass die alte Grundbedeutung von lecken (mit der Zunge über etwas streichen) den Eisverzehr durchaus richtig beschreibt. Aber sogar im Sprachraum München und vor allem auf der Wiesn ist es oft noch so, dass man sein Eis nicht leckt, sondern schleckt. Ältere erinnern sich noch an das Schleckeis, wie die Ware früher genannt wurde. Welch eine Freude war es einst für Kinder, süße Teigschüsseln auszuschlecken. Wer sich dabei als Gierschlund hervortat, der galt als gschleckig (gschleckert). Aber auch die heiklen Esser wurden als gschleckig oder gschleckert gemaßregelt. Nicht zuletzt taucht das Verb schlecken bei Kartenspielen auf, bei denen man Karten vom Stapel wegnehmen muss. Dort heißt es: "Du musst zwei schlecken!"

Schnackelfinger

Im Radioprogramm Bayern 2 wurden am Mittwoch Krankheiten der Finger erörtert. Der Handchirurg Michael Strassmair brachte dabei den Begriff Schnackeldaumen ins Spiel, der jedenfalls lustiger klingt als die chirurgischen Fachbegriffe schnellender Finger und Schnalzdaumen. Verdickte Sehnen schränken dabei die Bewegung der Finger ein und lassen sie schnalzen oder schnackeln. Schulkinder führten früher im Unterricht schnackelnde Fingergeräusche willentlich herbei, wenn sie die Lehrkraft auf sich aufmerksam machen wollten. Unvergessen auch die Schnackelbix, eine Spielzeugpistole mit einem Stopsel im Lauf, der laut schnackelte, wenn man auf den Abzug drückte. Auf der Wiesn ist die Schnackelbix gelegentlich noch zu erwerben. Jetzt hats gschnackelt, sagt man über einen Begriffsstutzigen, der etwas kapiert hat. Auch in der Erziehung erwies sich das Verb schnackeln als tauglich: "Komm her oder es schnackelt!"

© SZ vom 24.04.2020

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