Kratzers Wortschatz:Die schielende Helene und die schiachen Teufel

Die einstige Chefin des Hauses Thurn und Taxis, eine überaus tüchtige Frau, ist auf einem Gemälde in der aktuellen Landesausstellung in Regensburg nur von der Seite zu sehen. Der Grund ist banal: Sie hat gschiaggelt!

Kolumne von Hans Kratzer

schiaggeln

Die Landesausstellung "Götterdämmerung", die zurzeit im Bayernmuseum in Regensburg zu sehen ist, thematisiert die Endzeit der europäischen Monarchien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Unter anderem ist dort ein gemaltes Porträt der Herzogin Helene von Thurn und Taxis (1834-1890) zu sehen. Sie war eine Schwester der österreichischen Kaiserin Elisabeth (Sisi). 1858 heiratete sie den Erbprinzen Maximilian Anton von Thurn und Taxis, der aber bald starb. Nach dessen Tod (1867) führte sie das Haus Thurn und Taxis mit Umsicht und Erfolg weiter. Auf dem Ölbild ist ihr Kopf aber nur in einer Seitenansicht festgehalten, denn "sie hatte einen Makel", wie Richard Loibl, der Chef des Hauses der Bayerischen Geschichte, neulich bei einer Führung anmerkte. "Sie hat gschiaggelt", sagte Loibl, das heißt, sie hat geschielt. Das Wort schiaggeln (schiegeln, schielen) ist verwandt mit Begriffen wie scheel und schief. Bei der schielenden Helene half es auch nichts, dass ihr Bruder, Herzog Carl Theodor, Augenarzt war. Nebenbei sei angemerkt, dass er bedürftige Patienten kostenlos behandelte. Das Schielen konnte auch er nicht heilen. Im Jahr 1895 gründete er aber jene Münchner Augenklinik an der Nymphenburger Straße, die heute noch existiert und seinen Namen trägt.

schiach

Beim Wort schiaggeln kommt einem natürlich sofort der ähnlich klingende Begriff schiach in den Sinn. Schiach (schiech) ist nicht unbedingt positiv konnotiert, es bedeutet hässlich, unansehnlich und greislich. Außerdem wird es nicht von jedem auf Anhieb verstanden. Als die österreichische Köchin Sarah Wiener einmal beim Fernseh-Onkel Günter Jauch zu Gast war, ging es im Gespräch unter anderem um "scheene und schiache Äpfel". Jauch sagte: "Schiach, das müssen Sie jetzt übersetzen!" Schiach wird häufig verwendet, um das Äußere eines Menschen zu beschreiben. Über hübsche Frauen sagt man gelegentlich, sie seien "gar ned so schiach". Grobschlächtige Männer gelten indessen als "schiache Deifen" (schieche Teufel). Als der Kabarettist Michael Altinger vor Jahren bei einer Kulturpreisverleihung in Erding seine Kollegin Monika Gruber fragte, ob sie sich denn auch ins Goldene Buch eintragen dürfe, da sagte Gruber in Anspielung auf das Erdinger Top-Model Sara Nuru: "In Erding dürfen sich nur die schönen Frauen ins Goldene Buch eintragen, die Schiachen kriegen den Kulturpreis."

© SZ vom 03.07.2021
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