Kratzers Wortschatz:Ein Held, ein Mord und das Fräulein Flierl

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Das Amtsdeutsch hat die Bezeichnung Fräulein schon vor mehr als 50 Jahren entsorgt. Aber in so manchem Fernsehkrimi oder in nostalgisch angehauchten Unterhaltungen lebt es munter weiter - im Gegensatz zum altehrwürdigen Gemüsewort Raner.

Von Hans Kratzer

Fräulein

In der vom ZDF ausgestrahlten Krimiserie "München Mord" haben die Kommissare Flierl, Neuhauser und Schaller zuletzt in gewohnt lässigem Eigensinn den Mord an einer Clubbesitzerin aufgeklärt. Die Serie ist reich an Wortwitz und Skurrilität, und sie verstößt bei Bedarf auch gerne gegen die Regeln des Zeitgeists. Etwa, wenn Ludwig Schaller (gespielt von Alexander Held) die Münchner Damen charmant mit Handkuss begrüßt und vor allem, wenn er seine Kollegin (gespielt von Bernadette Heerwagen) stets mit Fräulein Flierl anredet. Fräulein Flierl - das klingt extrem sonor, wenn der Schauspieler Held es flüstert, aber im wirklichen Leben würden ihm viele Fortschrittliche wohl sofort die Segnungen der sogenannten Cancel Culture angedeihen lassen. Diskriminierung, Abwertung, Sprachrassismus - die aktuelle deutsche Sprachordnung verurteilt den Gebrauch von Wörtern wie Fräulein gnadenlos.

Die Anrede Fräulein wurde schon 1971 aus dem Kosmos des Amtsdeutschen verbannt. Auch andere Sprachen kennen vergleichbare Diminuitive, deren lieblicher Klang unbestreitbar ist: Signorina, Señorita, Mademoiselle - übersetzt bedeuten sie freilich allesamt kleine Frau oder kleine Dame. Übertüncht wurde diese Abwertung durch gefühlige Aufwallungen wie dem Fräuleinwunder in den 50er-Jahren oder durch das lange Zeit unverzichtbare Fräulein vom Amt. Und es gab das Schulfräulein, eine respektable und Autorität ausstrahlende Institution. Wenn das "Schuifreilein" etwas angeordnet hatte, dann hat das was gegolten. Der Autor Hans Niedermayer schildert in seinem Erinnerungsbuch "Kind in einer anderen Welt" eindrücklich, wie ihn das Schulfräulein einfach ignorierte, obwohl er manche Frage hätte beantworten können.

Raner

Ein Leser hat mitgeteilt, in einem oberbayerischen Krankenhaus habe man ihm einen Rote-Bete-Salat serviert, die Krankenschwester habe das Wort Raner nicht gekannt. Auch die Gelben und Roten Rüben fallen dem Sprachwandel zum Opfer, im Supermarkt findet man nur noch Möhren und Rote Bete. Sogar einheimische Marktfrauen zeichnen ihre Rannen oder Raner (dunkles a), wie die Roten Rüben hießen, als Rote Bete aus. "Ranen und rothe Rüben" tauchen bereits im Wörterbuch von Andreas Zaupser aus dem Jahre 1789 auf. So lauten die Urbezeichnungen dieses Gemüses, die heutigen weltmännischen Ansprüchen nicht mehr genügen. Nachteil: Man neigt zur Falschschreibung. Rote Beete sind aber, so es solche gibt, rot gefärbte Gartenbeete. Die Gelbe Rübe, im Dialekt Goiberuam genannt, fristet ihr Dasein heute als Karotte, Mohrrübe und als Möhre.

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