Kratzers Wortschatz:Die Journalistin, die keinen Genierer hatte

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Die Redewendung, jemand habe keinen Genierer, ist zwar nicht oft zu hören, aber sie ist nicht weniger interessant als die Tatsache, dass die Sonne im Dialekt gerne als Blanäd (Planet) bezeichnet wird.

Genierer

Im Abendprogramm des Österreichischen Fernsehens (ORF) war am Samstag ein Krimi mit dem schaurigen Titel "Steirerblut" zu sehen. Zur Handlung ist anzumerken, dass eine Journalistin ermordet wurde, die in einem Bergdorf einem Korruptionsskandal nachspürte und von einer Wirtin in etwa so charakterisiert wurde: Sie war sehr gesellig und zugänglich, "sie hat überhaupt koan Genierer ghabt." Das war das schönste sprachliche Zuckerl des Krimis. In Österreich ist das Wort Genierer noch häufig zu hören, in Bayern nur gelegentlich. Es stammt aus dem französischen Lehnwörter-Kosmos. Bekannter ist die Verbform sich genieren (sich schämen). Ein Genierer ist demnach ein Schamgefühl. Wer keinen Genierer hat, der hat keine Hemmungen, keinen Anstand, er schämt sich nicht, etwas Fragwürdiges zu tun. Die in Wien erscheinende Zeitung Der Standard veröffentlichte im April 2020 einen Text über absurd anmutende Dienste von sogenannten Heilern. Die Überschrift lautete: "Kein Genierer: Fernheiler bieten Corona-Heilungen aus der Distanz an."

Hitzn

Die Hitze setzt vielen Menschen in diesem Sommer besonders zu. Um die Strapazen, die sie verursacht, adäquat auszudrücken, wird das Wort Hitze im Dialekt gerne mit einem Präfix versehen. "Aber heut hat's wieder eine Bluatshitzn!" Die Hitze ist auch im zwischenmenschlichen Bereich relevant. Im Roman "Täuscher" von Andrea Maria Schenkel heißt es: "Ihr jungen Leut, ihr habt ja noch Hitzen . . ." Etwas anderes ist die fliegerte Hitzn, das sind Hitzewallungen, wie sie bei Frauen in den Wechseljahren auftreten. Männer wiederum werden eher von Hitzwimmerln geplagt, das sind Bläschen, die entstehen, wenn der Schweiß auf der Haut nicht verdunsten kann. Die für die Hitze verantwortliche Sonne wird im Volksmund seltsamerweise Blanäd (Planet) genannt. Im Zug nach Mühldorf sagte neulich ein Fahrgast: "Dann hat der Blanäd owagstocha, furchtbar . . . " Der Kabarettist Addnfahrer klagte vor einem Auftritt in Augsburg: "Da Blanäd prügelt owa bis zum Gehtnimmer."

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