Kratzers Wortschatz:Das weiche Sofa der Kabul-Experten

Je mehr sich in den vergangenen Wochen die Not in Afghanistan zuspitzte, desto schneller wuchs in Deutschland die Zahl der "Experten", die auf Twitter alles besser wussten. Es begann die große Zeit der Gscheitschmatzer

Kolumne von Hans Kratzer

Gscheitschmatzer

Als sich vor gut zwei Wochen die Not in Afghanistan dramatisch zuspitzte, schnellte in Deutschland die Zahl derer, die ganz genau wussten, was in Kabul alles schiefgelaufen war und was nun zu tun sei, sprunghaft in die Höhe. Auf Twitter erreichte die Besserwisseritis einen Rekordpegel. Das wurde sogar dem Vize-Präsidenten des Bayerischen Landtags, Markus Rinderspacher (SPD), zu bunt. Er merkte ironisch an, Twitter habe jede Menge kompetente Evakuierungsexperten in Afghanistan, die live aus Starnberg und Düsseldorf aus nächster Nähe über Kabul berichten. Die Bundeswehr danke den tausenden selbsternannten Einsatzleitern auf dem weichen Sofa für ihre Lageeinschätzung. Rinderspacher hätte statt "Experten" ebenso das Wort Gscheitschmatzer verwenden können. Diese Spezies vermehrt sich in Krisenzeiten ähnlich rasant wie die Schnecken im Salatbeet. Der Gscheitschmatzer ist eng verwandt mit dem Gscheithaferl, das quasi vor Gescheitheit überläuft und gerne die Nerven der Zuhörer strapaziert. Wie der Gscheitschmatzer nimmt sich auch der Gschaftlhuber furchtbar wichtig. Freilich lehrt das Leben, dass es bei Gscheitschmatzern und Gschaftlhubern mit der Gescheitheit oft gar nicht so weit her ist.

Letten

Die Regenfälle der vergangenen Wochen und die damit einhergehenden Überschwemmungen haben das Wort Letten an die Oberfläche gespült, das sowohl maskulin als auch feminin verwendet wird, in Zeiten der Trockenheit aber so gut wie nie zu hören ist. Eine Letten ist jener Dreck, der nach einer Überschwemmung den Boden bedeckt. Ein ähnliches Wort wäre Baaz. Früher badeten die Dorfkinder gerne im Weiher oder im Fluss. Was gab es Schöneres, als sich bei dieser Gelegenheit den Bauch mit Letten vollzuschmieren oder barfuß in der Letten zu stehen, so dass es zwischen den Zehen nur so schlutzte und blubberte. Ein Genuss war es, mit den Fingern in die Letten zu fahren, worauf der Baaz wurstartig aus der geschlossenen Handfläche quoll. Diese Urerfahrung machte der Autor sogar am Kommuniontag, als die Dorfjugend nach der Andacht im Regen stand, übermütig wurde und im Feiertagsgewand in der Letten landete. Heute ist es schier unvorstellbar, welcher Dreck in Zeiten ohne Asphalt und Pflaster die öffentlichen Plätze bedeckte. Wenn im Frühjahr der Föhn hereinbrach, wich der Frost der Letten. Wer nicht aufpasste, dem blieb darin sogar der Schuh stecken.

© SZ vom 04.09.2021
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