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Kratzers Wortschatz:Bazis, Haderlumpen und Mistgabelbarone

Die an diesem Mittwoch beginnenden Eisheiligen flößen den Menschen seit jeher Respekt ein. So manche Ernte haben sie vernichtet, weshalb ein alter Spruch besagt: Pankrazi, Servazi und Bonifazi sind drei frostige Bazi!

Kolumne von Hans Kratzer

Frostige Bazi

Alte Votivbilder in den Wallfahrtskirchen führen einem drastisch vor Augen, dass früher ein Hagelschlag, ein Spätfrost oder ein Starkregen ausgereicht haben, um Hunger, Tod und Verderben zu bringen. Auch die Eisheiligen haben ihren Schrecken bis heute nicht verloren. Über Jahrhunderte hinweg machten die Bauern die Erfahrung, dass genau um diese Zeit ein Temperatursturz die Obstblüte geschröpft sowie die Saaten und den Weinstock verbrannt hatte. Die Gedenktage der Eisheiligen (12., 13. und 14. Mai) sind als mögliche Frosttage also seit jeher gefürchtet. Nach altem Volksglauben wird das milde Frühlingswetter erst mit Ablauf der "kalten Sophie" (15. Mai) stabil: "Pankrazi, Servazi, Bonifazi / Sind drei frostige Bazi / Und zum Schluss fehlt nie / Die eiskalt' Sophie."

In diesem April und Mai war es fast durchgehend kalt, weshalb Hoffnung besteht, dass es diesmal nicht so schlimm werden wird. Der Bazi ist ein Begriff aus dem Schimpfwörterkosmos und bedeutet so etwas wie Hundling, Spitzbub oder Gauner. Das Wort kann auch lobend gemeint sein. Jene für Nichtbayern befremdliche Art, Freundlichkeit durch Schimpfworte auszudrücken, hat Ludwig Thoma in der Komödie "Erster Klasse" dokumentiert, in dem sich die Spezln Filser und Gsottmaier mit Lobesworten nur so überhäufen: "Du plattata Mistgabelbaron, du Haderlump, du ganz miserabliger, du Bazi, du luftgselchter."

garatzen

Eine Nachbarin hat neulich heftig husten müssen. Mittendrin rutschte ihr ein Wort heraus, das früher ihr Großvater verwendet hatte. "I woaß gar ned, warum i jetzt so stark garatzen muass", sagte sie zwischen ihren Hustenanfällen. Garatzen ist ein interessantes Wort, es gehört zur Sorte jener Verben, welche die mittelhochdeutschen Endungen -itzen, -etzen und -atzen besitzen. Diese Wörter drücken das Wiederholen einer Bewegung oder eines Lautes aus. Nofetzen ist ein Synonym für dösen und schlummern. Wer schlifetzt, der schlurft dahin, ohne die Füße zu heben. Ein Schuh und eine Tür können knaratzen. Als sich ein kreuzlahmer Bekannter neulich in einer Praxis auf eine Liege quälte, gab diese ein ächzendes Geräusch von sich. Die medizinische Assistentin sagte: "Oh, nicht erschrecken, die knaratzt!" Wenn ein Bergbewohner sagt, er höre auf den Anhöhen ein Achatzen und Knaratzen, dann sollte man schleunigst das Weite suchen. So kündigt sich nämlich der Abgang von Lawinen an.

© SZ vom 12.05.2021
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