Bayerisches BrauchtumDer Krampus ist nichts für Sensibelchen

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Was die eskalierende Fratzenhaftigkeit betrifft, scheint sich einiges aufzuschaukeln zwischen den Perchten und den Gruselfiguren aus dem Fantasyfilm.
Was die eskalierende Fratzenhaftigkeit betrifft, scheint sich einiges aufzuschaukeln zwischen den Perchten und den Gruselfiguren aus dem Fantasyfilm. Daniel Scharinger/imago

Der Nikolaus kommt selten allein. Aber wer sind all diese grausigen Gestalten, die ihn begleiten?

Glosse von Matthias Köpf

Jetzt nicht, dass es gleich wieder heißt: die Bayern und ihre Gruselgestalten! Schließlich hat der Krampus seine Spätschicht gerade schon wieder gehabt als vorchristlicher Begleiter des Heiligen Nikolaus, und andere Schichten hat er ja sonst nicht übers ganze Jahr. Ein so konzentriertes Arbeiten kann aber zu einem ziemlichen Gerenne werden. Das weiß jeder, der selber mal einer Freundin zuliebe beim Nikolausdienst der katholischen Landjugend als Krampus ausgeholfen hat, weil diese Landjugend mit ihrem eigenen Personal nicht genügend Schrecken verbreiten konnte.

Jedenfalls blieb es dann nicht beim genannten Gerenne und einigen ungeahndeten Geschwindigkeitsübertretungen im geliehenen Golf. Es setzte auch noch seelischen Stress wegen des ersten, einzigen und gleich sehr erfolgreichen Versuchs, mit einem ganz sanften Kettenrasseln wenigstens ein bisschen Stimmung zu machen bei irgendeiner Kinderschar. Ist halt kein Job für ein Sensibelchen. Aber erstens gibt es den Krampus wegen der Arbeitsteilung ja mehrmals. Und zweitens sind da auch noch die Perchten.

Was die Mehrzahl von Krampus betrifft, wird es aber schwierig, jedenfalls jenseits des Bairischen. Da heißt es Grampein oder Kramperln oder halt irgendwie so. Aber auf Hochdeutsch? Der Duden bietet als Plural das eher artifizielle „Krampusse“ an („Genitiv: des Krampus[ses]“) und als Bedeutung „Knecht Ruprecht“, was dann in der Mehrzahl wohl entweder zu „Knechte Ruprecht“ oder „Knechtruprechte“ werden müsste.

Dann halt die Perchten. Deren Ding war es eigentlich mal, den Winter auszutreiben. Aber den Winter vertreiben sich die Menschen mittlerweile mithilfe fossiler Energieträger, da können die fusselfelligen Gesellen gut auf Nikolaus-Eskorte umsatteln und auf allgemeines adventliches Herumtreiben bis weit hinaus ins Alpenvorland. Da treten sie zwar meistens recht wohlgeordnet auf, aber zugleich in eskalierender Fratzenhaftigkeit. Es schaukelt sich offenbar einiges auf zwischen den Perchten und den von ihnen inspirierten Gruselgestalten aus dem Fantasyfilm und den von diesen inspirierten Perchten und so weiter und so fort.

Dabei ist das Perchtenwesen gar keine Fantasy, sondern uralt. In Kirchseeon bei Ebersberg zum Beispiel wird es nach Angaben des zuständigen Vereins „bereits seit 1954 jährlich gelebt und geliebt“, weshalb es praktisch überfällig war, diese Umtriebe heuer auf die deutsche Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes zu setzen. Und wenn was erst einmal immaterielles Kulturerbe ist, muss man wohl nur noch den Tod fürchten. Aber nicht den Teufel.

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