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Kraiburg:Das 181. Familientreffen

Historische Aufnahme vom Riedl-Treffen im Jahre 1868.

Historische Aufnahme vom Riedl-Treffen im Jahre 1868.

(Foto: Familienarchiv Riedl)

Die Nachfahren eines bayerischen Schiffmeisters kommen jedes Jahr zusammen, um ihre Familiengeschichte zu feiern und an eine wundersame Rettung aus den Fluten zu erinnern. Dazu reisen sie aus der ganzen Welt an.

Wenn man bei Ampfing die Autobahn A 94 verlässt und zum Inn hinüberfährt, öffnet sich ruckzuck ein Hügelland, an dessen Horizont der Schlossberg von Kraiburg aufragt. Erhaben wie auf einer Vedute thront oben auf dem Plateau eine spitztürmige Kapelle. Welch ein herrlicher Anblick, und nicht nur das. Hinter diesem Panorama steckt nämlich eine fast unglaubliche Familiengeschichte.

Es gibt einen guten Grund, warum diese Kapelle vor gut 180 Jahren ebendort hingebaut wurde. Der Schiffmeister Johann Georg Riedl hatte damals in höchster Not ein Gelübde abgelegt, nachdem eines seiner Lastschiffe mitsamt Menschen, Pferden und 1000 Scheffel Getreide wegen eines gerissenen Seils an einem Brückenpfeiler im Inn zu zerschellen drohte. Riedl gelobte, in seinem Geburtsort Kraiburg eine Kirche zu erbauen, wenn Ladung und Besatzung aus dieser Bedrängnis gerettet würden. Und siehe da, er wurde erhört. Bis zur Einweihung der Kapelle dauerte es zwar einige Jahre, denn auch damals war die Bürokratie imstande, Bausachen bedeutend zu verzögern. Letztlich bekam Kraiburg auf dem Schlossberg ein neues Wahrzeichen, das bis heute weit ins Land hinaus strahlt.

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Eigentlich wäre die Geschichte hier zu Ende, hätte sie nicht eine überraschende Fortsetzung erfahren. Mitglieder der Familie Riedl hatten nämlich damals beschlossen, sich fortan alljährlich im April an der Kapelle zu treffen, um in treuer Verbundenheit einen Gottesdienst zum Andenken an die denkwürdigen Ereignisse der 1830erJahre und an den Stifter zu feiern. Dieser Brauch hat tatsächlich bis heute überlebt, lediglich 1945 ist in der Chronik nichts vermerkt. Damals fiel das Familientreffen mit dem Kriegsende zusammen; die US-Besatzer haben eine solche Versammlung vermutlich nicht geduldet.

Im vergangenen April trafen sich die Riedl-Nachfahren zum 181. Mal - eine Tradition, die es in Bayern wohl kein zweites Mal gibt. Die Teilnehmer reisen aus vielen Ländern an, etwa aus Brasilien, aus den USA, aus Kanada, Italien, Griechenland, Dänemark, Österreich und nicht zuletzt aus Norddeutschland. Vor sechs Jahren, beim 175. Treffen, kamen zum Beispiel Luky und Robert Jüthner aus dem kanadischen Edmonton, beide an die 90 Jahre alt. Nach dem Krieg waren sie ausgewandert. "Wir haben einige Menschen aus unserer Stammbaumlinie kennengelernt", freuten sie sich. Eine gewisse "Treue zur Familie" habe ja nie aufgehört, beteuerten sie.

Auf dieser Treue basiert das ganze jährliche Riedl-Treffen. Natürlich läuft eine solche Traditionspflege nicht von alleine. Es braucht dazu Kümmerer und Organisatoren wie die begeisterten Riedl-Adepten Martin Berg, Thomas Grubert und Luise Lünhörster. "In uns fließt echtes Riedl-Blut", sagt Martin Berg mit Stolz. Als promovierter Historiker ist er prädestiniert, die Familiengeschichte federführend zu wahren. Er selber sieht sich im Riedl-Clan als "primus inter pares". Gemeinsam mit dem Architekten Grubert und Lünhörster organisiert er die Feste.

Das Trio verfasst überdies Festschriften, erstellt Stammbäume und pflegt das Riedl-Archiv. Diese Bindung an die Großfamilie kontrastiere auffallend zur aktuellen Auflösung alter Familienstrukturen, sagt Berg. Umso mehr freut es ihn, dass die Idee alle mittragen. "Einmal schlug ich vor, auch Freunde einzuladen", erzählt Berg. Sofort hätten seine Söhne Widerspruch eingelegt. "Das kommt nicht in Frage, das ist unser Fest."

Das Jubiläumstreffen der Riedl-Nachfahren im Jahr 2013.

(Foto: oh)

Bei Jubiläumstreffen kommen bis zu 300 Menschen, in normalen Jahren seien es 60 bis 80, sagt Berg. Die Organisatoren haben viele Unterstützer im Ort, die Pfarrei, die Bürgermeister und vor allem den Kulturkreis Kraiburg, der für das stets um den 23. April (Georgitag) herum anberaumte Fest den Schlossberg herrichtet, auf dem eine Messe unter freiem Himmel zelebriert wird. Auch von ganz oben wird das Ganze mit Wohlwollen begleitet. "Das Wetter hat uns noch nie im Stich gelassen", sagt Grubert. Kennt man eigentlich jeden Gast? "Natürlich nicht, es kommen ja auch regelmäßig neue Gäste", sagt Berg. Zuletzt war beispielsweise ein Riedl-Nachfahre aus Brasilien da, erstmals nach 50 Jahren. "Ob aus nah oder fern, wir verstehen uns alle gut", sagt Grubert über die Treffen, bei denen die verschiedenen Linien der Familie zueinander finden.

Ausgangspunkt der Genealogie sind der Kapellenerbauer Johann Georg Riedl (1801-1876) und seine beiden Brüder. Der Stammbaum umfasst inzwischen sieben Generationen mit 900 Personen. Als ihn Grubert einmal an einer Wand aufhängte, war er zwölf Meter lang und erwartungsgemäß Quell einer lebhaften Kommunikation. "Streit kann bei uns gar nicht aufkommen", sagt Berg, "dazu leben wir alle viel zu weit auseinander."

Die Riedl-Familie hat sich seit dem Kapellenbau weltweit verzweigt. Das Thema Migration ist jedenfalls ein dominierendes Sujet. "Bis auf die Armutsmigration kennen wir alle Formen, Abenteuerlust, Aussteigertum, wirtschaftliche Interessen", sagt Grubert. Die Familienhistorie bietet somit spannende Geschichten en gros, etwa jene des Josef Riedl aus Mühldorf, den der Vater im 19. Jahrhundert nach Griechenland schickt, damit er den dortigen Weinbau studiere. Er blieb dort, heiratete und betrieb das Weingut Achaia. Oder die Geschichte des Paul Eschenbach, der nach Sumatra auswanderte und sein Glück beim Plantagenbau suchte, bis nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs aus Freunden Feinde wurden.

Ein Porträtfoto des Kapellenstifters Johann Georg Riedl.

Ein Porträtfoto des Kapellenstifters Johann Georg Riedl.

(Foto: Familienarchiv Riedl)

Die Tabakpflanzungen in Sumatra waren in niederländischer Hand, die Riedl-Verwandten, die dort im Management arbeiteten, wurden als Deutsche sogleich interniert. Die Chronik vermerkt auch einen Nepomuk Riedl, der im amerikanischen Sezessionskrieg in der Nordstaatenarmee diente. Wie in einem Brennglas spiegelt sich in der Riedl-Familie die große und die kleine Geschichte. Kein Wunder, dass auch in der Schönheitengalerie König Ludwigs I. eine Riedl-Verwandte hängt, Regina Daxenberger aus Altenmarkt. Lisl Schlaffer aus der Kraiburger Linie protokollierte wiederum beim Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee im August 1948 die Geburtsstunde des Grundgesetzes.

Viele solcher Geschichten sind in den Festschriften nachzulesen, die Berg, Grubert und Lünhörster in den vergangenen Jahren veröffentlichten. Ein Klassiker ist die Geschichte der Josephine von Stengel, die eine Liebesbeziehung mit dem Opernkomponisten Giacomo Puccini einging. Die Affäre führte zur Scheidung vom Offizier im Infanterie-Leib-Regiment, Arnold Freiherr von Stengel, dem Urgroßvater von Grubert. Diese Beziehung war für sie das Zentrum ihres Lebens, sagt er, für Puccini blieb sie jedoch nur eine Liebesepisode.

Auf dem Schlossberg ist die Geschichte der Riedls noch allgegenwärtig. In der Kapelle hängt nicht nur die eingemauerte Stiftungsurkunde, die bei Umbauarbeiten entdeckt wurde, sondern auch das gerissene Seil des Unglücks von 1832, und an der Rückwand des Altars haben sich viele Besucher aus der Vergangenheit jeweils per Unterschrift verewigt. So wird die Riedl-Familie in Kraiburg noch lange präsent bleiben.

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