Süddeutsche Zeitung

Kornkreise in Raisting:Eine runde Sache

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Waren es Außerirdische? Wirken Naturkräfte? Oder gibt es vielleicht sogar eine Zunft der Kornkreismacher? Erklärungsversuche für ein spektakuläres Phänomen mitten in Oberbayern.

Von Anne Kratzer, Armin Greune und Heiner Effern

Die Kornkreis-Saison in Mitteleuropa neigt sich dem Ende zu, Anfang August mähen die Bauern das reife Getreide. Auch Christoph Huttner wird wohl am kommenden Wochenende auf den Traktor steigen und in Raisting aufs Feld fahren. Dann ist der Spuk vorüber, den der Landwirt in den vergangenen zwei Wochen mit dem Kornkreis auf seinem Boden erlebt hat. Außerirdische seien ihm allerdings nicht begegnet, sagt Huttner.

Dafür Geisterjäger vom TV Tokyo und eine 75-jährige Chilenin, die nur für ein paar Stunden im Kornfeld aus Südamerika eingeflogen ist. Der Bauer ist überzeugt, dass der Kreis Menschenwerk ist. Seine These: Etwa 20 Leute müssten nachts im Feld beschäftigt gewesen sein, mit einer "Super-Koordination". Doch es gibt auch andere Erklärungen für das spektakuläre Phänomen. Eine Spurensuche.

Der Labyrinth-Bauer

Uli Ernst hat schon viele Halme geknickt, jedoch meistens die von Hanfpflanzen. Seine Muster sind auch geometrisch, allerdings bei Tageslicht geschaffen. Der Landwirt baut mit seiner Firma in Utting große Labyrinthe in Felder hinein. Er weiß, wie er vorgehen würde, wollte er einen Kornkreis wie in Raisting erschaffen: "Am häufigsten schnallen sich die Mitglieder solcher Kornkreis-Gangs etwa zwei Meter lange Holzbretter an die Füße. Zur zusätzlichen Stabilisierung machen sie an deren Enden Schnüre fest, die sie in den Händen halten." Mit dieser Ski-ähnlichen Konstruktion laufen sie dann an den vorgesehenen Stellen umher und treten die Halme platt - ohne Fußspuren zu hinterlassen.

Solle der Kornkreis in einer Nacht entstehen, bräuchte man wohl schon vier, fünf Leute, sagt Ernst. Die Markierungen, um zu wissen, welche Stelle im Feld wie umgelegt werden muss, könne man schon in den Nächten zuvor anbringen. Und wie man an die kommt? Mit dem Zirkelprinzip: "Einer stellt sich in die Mitte und ein anderer dreht ein Seil um ihn herum." Weil an der Stelle, wo die Person stand, später Spuren bleiben könnten, würden die Kreise nur dort gemacht, wo das Getreide ohnehin plattgetreten wird - und nicht dort, wo der Weizen stehen bleibt. Und auch die Markierung falle leicht: "Entweder sie treten einzelne Halme zu Fuß in den Boden oder sprayen sie an, das ist so dezent, dass es am nächsten Tag niemandem auffällt."

Der Physiker

An Hobbygangs auf Skiern, die in Getreidefeldern im Kreis laufen, glaubt der Physiker Richard Taylor von der Universität in Oregon nicht. Seine Kornkreis-Theorie ist wesentlich feinsinniger: Mikrowellen sollen die Halme auf den Feldern umbiegen. Allerdings nicht abgeschossen von Kanonen außerirdischer Besucher, sondern angetrieben von der Kraft einer Autobatterie. Magnetronen, das sind die Strahlen eines Mikrowellenofens, könnten auf diese Weise auf die Stängel gesendet werden. Das führe dazu, dass die sogenannten "Pulvini", die als Gelenke der Stängel fungieren, verlängert werden - was sie instabil mache. Glaubt man der Theorie des Physikers, knicken diese dadurch um, kühlen ab und verbleiben in dieser Position.

Der Luftbildarchäologe

Klaus Leidorf nähert sich Kornkreisen und archäologischen Denkmälern aus der Luft. Nicht mit einem Mikrowellenofen, sondern mit der Kamera. An Magnetronen als Technik der Kornfeld-Gestalter glaubt er nicht. "Das geht nicht, dafür müssten Sie riesige Energiewellen haben", sagt der Luftbildarchäologe. Seiner Meinung nach wurden die Kornkreise mit Händen und Füßen gemacht. "Große Geräte wie Traktoren kann man ausschließen, die hätten Spuren hinterlassen." Wie genau die Werkzeuge der Kornkreis-Ingenieure aussehen, weiß er nicht, doch er kann das reißverschlussartige Muster des Andechser Kornkreises aus dem Jahr 2012 erklären: "Sie legen die Halme einfach mit an den Armen oder Füßen befestigten Brettern um - einmal in die eine Richtung - und einmal in die andere." Das Schwierige sei nur, den Überblick darüber zu haben, wo man gerade steht - mit GPS-Technik sei das allerdings auf bis zu fünf Zentimeter genau feststellbar.

Die Vermessungsingenieurin

Strukturiert nähert sich Martha Baumgartner den Kornkreisen. "Zuerst zeichnet man sich auf ein Blatt Papier eine Skizze, dann berechnet man, welche einzelnen Koordinaten dazu gehören", erklärt die Vermessungsingenieurin. Habe man dann ein GPS-Gerät in der Hand, könne man immer genau ablesen, was man laut Plan an dieser Stelle des Feldes tun müsse. Handwerklich sei so ein Kornkreis also kein Problem, sondern lediglich viel Arbeit. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit, so einen Plan und die GPS-Daten in den Computer einzugeben. Ein Programm könnte das Navi eines Traktors dann so lenken, dass dieser automatisch und zentimetergenau geometrische Formen abfährt. Fraglich sei nur, "ob es Landfahrzeuge gibt, die so feine Muster fahren können" und keine Spuren hinterlassen.

Kein Problem, sagt Christoph Götz. Er muss es wissen, er ist in einem Verband beschäftigt, in dem Landmaschinenhersteller organisiert sind. Mit einer normalen Walze ließen sich die Kreise in den Boden eingravieren, sagt er. Kleine mit einer Handwalze, wie man sie für den Garten kennt; große Kreise mit einer, die an einem Traktor angehängt wird. Die Landwirte machen ähnliche Aktionen sogar selbst, "wenn sie zum Beispiel Werbebotschaften konstruieren wollen", sagt Götz. Um Spuren zu verheimlichen, könnte man auf schon vorhandenen Rinnen ins Zentrum des Kornkreises gelangen. Die Reifenabdrücke dort würden durch die Walze und die umgemähten Halme verdeckt. Würde man aber unter die Halme blicken, könnte man vereinzelte Abdrucke sehen, sagt Götz. "Überhaupt hat man immer wieder solche Spuren gefunden. Die werden aber nur von Fachkundigen erkannt." Zeitlich sei das in einer Nacht zu schaffen - vorausgesetzt, man kenne sich aus. Goetz glaubt: Oft sind die Landwirte selbst die Urheber.

Das Medium

Alles Unsinn - für Michael Asentorfer. Die Verursacher kommen seiner Meinung nach nicht vom nächsten Hof, sondern von weit her. Im Raistinger Fall von den Plejaden, 2012 im nahen Andechs waren es noch Sirianer, wohnhaft auch irgendwo im All. Die geometrischen Figuren in Raisting sind für ihn deutlich lesbar: Es handelt sich um eine 20 Sätze umfassende Liebesbotschaft, seit Tagen campt er direkt neben ihr mit seinen fünf Kindern und seinem Hund. Er hätte aber nicht sofort kommen müssen: Für Empfangsbereite wie ihn bleiben die Botschaften ein galaktisches Zeitalter lang, also 64 000 Jahre, erhalten, sagt Asentorfer. Am Montag hat er im Weizenfeld via Channeling Kontakt aufgenommen - mit den Plejaden.

Der Forscher

Alle haben recht - und doch auch wieder nicht. Sagt der Kornkreis-Forscher Andreas Müller. Seit 22 Jahren untersucht er Formationen in Getreidefeldern, sein Schluss ist eindeutig zweideutig: Es gibt sowohl von Menschen in mühsamer Handarbeit "gefälschte" Kornkreise, aber auch ein "echtes" Phänomen. Über die Fälscher will Müller nicht viel sagen, er hat selbst bei seinen Erkundungsreisen schon welche erwischt, mit Seilen und Brettern ausgestattet. Doch es gebe auch Hinweise und Indizien, dass Kornkreise ohne menschliche Hilfe entstanden seien. Veränderte kristalline Strukturen im Boden. Spezielle Schäden an den Wachstumsknoten von Pflanzen. Kornkreise, die in unmöglich kurzer Zeit entstanden seien. Außerirdische Künstler sind seine Sache nicht, Wetter-Phänomene sind ihm als Erklärung zu dünn. Es müsse sich "um ein Naturphänomen handeln, das wir nicht erklären können", sagt Müller. Mit einem Satz: Er kann es nicht erklären. Das Rätsel bleibt ungelöst.

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Quelle:
SZ vom 06.08.2014
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